EZB-Kampf gegen Kreditklemme Draghis Experiment

Zweckgebundene Darlehen und Strafzinsen für risikoscheue Banken: EZB-Chef Draghi kämpft mit einer neuen Geldpolitik gegen die Kreditklemme. Die Milliarden der Notenbank sollen zielgerichtet in die Privatwirtschaft fließen. Fraglich, ob das klappt.

EZB-Chef Draghi: Geldpolitisches Neuland
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EZB-Chef Draghi: Geldpolitisches Neuland

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Hamburg - Mario Draghi macht den Banken Druck. Statt weiter Geld mit der Gießkanne auszuschütten, will die Europäische Zentralbank (EZB) unter seiner Leitung erstmals Geldströme im Volumen von mehreren Hundert Milliarden Euro zielgerichtet dorthin leiten, wo es am meisten hakt: in die Unternehmen und Privathaushalte, die vor allem in Südeuropa schon seit Jahren darunter leiden, dass risikoscheue Banken ihnen nicht genug Kredit geben. Ein Problem, das die EZB mit zwei am Donnerstag verkündeten Schritten angehen will:

  • Banken, die ihr Geld bei der Notenbank parken, müssen künftig Strafzinsen von 0,1 Prozent zahlen. Bei den rund 110 Milliarden Euro, die die Institute im Monatsdurchschnitt bei der EZB lagern, beläuft sich die Parkgebühr auf immerhin 110 Millionen Euro. Risikoscheue Institute sollen so gezwungen werden, ihr Geld abzuziehen und es lieber an Unternehmen und Privatleute zu verleihen.
  • Genau dafür gibt die EZB noch einen weiteren Anreiz. Sie verteilt erstmals in ihrer Geschichte zweckgebundene Kredite. Banken, die der Privatwirtschaft mehr Kredit geben als bisher, können sich bei der EZB extrem günstig Geld leihen. Der Zinssatz beträgt 0,2 Prozent für bis zu vier Jahre. Und das Volumen des EZB-Programms ist groß: Wenn alle Banken es voll ausschöpfen, würde es gut 400 Milliarden Euro betragen.

Beide Maßnahmen stehen für einen Paradigmenwechsel: Billionensummen hat die EZB in den vergangenen Jahren ins marode Finanzsystem gepumpt - und konnte die Kreditklemme doch nicht beheben. Im Gegenteil: Das Problem stockender Kredite hat sich zuletzt sogar wieder verschlimmert. Die EZB beobachtete das mit Sorge - und traut sich in ihrer Not nun an unkonventionelle, noch unerprobte Maßnahmen heran. Den Beschluss dafür fällte der EZB-Rat einstimmig.

"Ich wäre mit diesem Instrument sehr vorsichtig"

Dabei sind die Maßnahmen zunächst vor allem eines: ein Experiment, bei dem man nicht weiß, ob es Europas angeschlagener Wirtschaft am Ende tatsächlich nützt. Draghi selbst gab sich entsprechend vorsichtig. Man sei sich "relativ sicher", dass die neuen Instrumente wirken, sagte er nur.

Bei der Parkgebühr sind die Auswirkungen in der Tat ungewiss. In Europa haben bislang nur nationale Notenbanken damit experimentiert. In Dänemark etwa versuchte es die Zentralbank von Sommer 2012 bis Frühjahr 2014 mit Negativzinsen. Viele Banken reichten die Kosten einfach an ihre Kunden weiter, meist in Form von höheren Gebühren oder teureren Unternehmenskrediten. Das wäre genau das Gegenteil von dem, was Draghi erreichen will. "Ich wäre mit diesem Instrument sehr vorsichtig", sagte Jaime Caruana der "Börsen-Zeitung". Caruana leitet die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, eine Art Klub der Zentralbanken.

Zweckgebundenheit mit zweifelhaftem Erfolg

Die zweckgebundenen Kredite bergen solche Gefahren nicht; bei ihnen ist eher die Frage, ob sie überhaupt irgendetwas bewirken. Bislang hat Ähnliches zum Beispiel die britische Notenbank versucht - mit ihrem Funding for Lending Scheme (FLS). Der Erfolg war verhalten. Viele Banken lehnten das Angebot ab.

Draghi selbst sagt: Das EZB-Programm sei dem FLS zwar in einigen Punkten ähnlich - aber eben doch ganz anders. Ob es funktioniert, liegt nicht zuletzt an der genauen Ausgestaltung. Konkret ist nach Angaben eines EZB-Sprechers dies beschlossen:

  • Die Banken können sich bei der EZB Geld zu einem Zinssatz von 0,2 Prozent leihen. Das Volumen beträgt bis zu sieben Prozent ihres gesamten Kreditvolumens.
  • Nach zwei Jahren fragt die EZB ab, wie sich die Bank bei ihrer Kreditvergabe an Kunden verhält. Wichtig ist, wie viele Darlehen sie an private Unternehmer und an private Kunden vergibt, Immobilienkredite ausgeschlossen.
  • Im Moment verringern viele Banken ihre Kredite an die Privatwirtschaft. Banken, die nicht zumindest das Tempo der Verringerung drosseln, müssen der EZB das Geld nach zwei Jahren zurückzahlen.
  • Banken, die zumindest das Tempo des Kreditabbaus drosseln, dürfen das EZB-Geld weitere zwei Jahre behalten.
  • Banken, die ihre Kreditvergabe an private Kunden gar gesteigert haben, können zusätzliches Geld bei der EZB abrufen.

Die Auflagen der EZB sind also sehr moderat. Die Banken müssen ihre Kreditvergabe an private Unternehmer gar nicht steigern, um vier Jahre an billiges Geld zu kommen. Sie können die Summe solcher Kredite sogar weiter senken, wenn auch etwas langsamer als bisher.

Zumindest die Banken in Deutschland sehen das konditionierte Geldgeschenk der EZB kritisch. "Es sind eher überschuldete Unternehmen beziehungsweise hohe Kreditrisiken, die in den Peripherieländern eine Ausweitung der Kreditvergabe verhindern", sagt Michael Kemmer, Chef des deutschen Bankenverbands. Mit anderen Worten: An billigem Geld von der EZB hat es auch bisher schon nicht gemangelt.

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insgesamt 81 Beiträge
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PeBe123 05.06.2014
1. Die einfache und altbekannte Loesung...
waere gewesen, die Eigenkapitalquote der Banken massiv auf zb. 30% zu erhoehen. Dann haetten sie ueber Firmenkredite Sicherheiten einsammeln muessen, bevor sie neues Geld bekommen. Damit waeren aber gleichzeitig die Zinsen fuer Staatsanleihen gestiegen, was politsch nicht gewollt ist. Jetzt werden eben die Sparer enteignet und neue Blasen gezuechtet, so wird der grosse Knall weiter hinausgezoegert.
DerRuferimWald 05.06.2014
2. Jetzt sagt's sogar die EZB
Der Euro hat fertig, aber so richtig. Die Sch....währung will keine Sau, deshalb gibt's auch keine Zinsen. Wann sind die Politiker endlich so weit, den Unsinn aufzugeben und wieder richtiges Geld einzuführen? Wie viele Völer und Bürger müssen noch unter sinkendem Wohlstand, Armut und Arbeitslosigkeit leiden, bevor die Damen und Herren Führer endlich von dem Wahnwitz ablassen?
lampenschirm73 05.06.2014
3.
Ist dieser Mensch eigentlich demokratisch legitimiert so dreist mit unserem Geld und unserer Zukunft zu spekulieren?
Kassandro5000 05.06.2014
4. Richtig lustig
wird es erst, wenn die mit dem Draghi-Geld befeuerte Blase am Aktienmarkt platzt und die deutschen Sparer, die keine risikoarmen Anlagen mehr tätigen können, mitsamt ihren teuer erkauften Sachwerten den Bach runtergehen.
Liberalitärer 05.06.2014
5. Lernbedarf
Zitat von PeBe123waere gewesen, die Eigenkapitalquote der Banken massiv auf zb. 30% zu erhoehen. Dann haetten sie ueber Firmenkredite Sicherheiten einsammeln muessen, bevor sie neues Geld bekommen. Damit waeren aber gleichzeitig die Zinsen fuer Staatsanleihen gestiegen, was politsch nicht gewollt ist. Jetzt werden eben die Sparer enteignet und neue Blasen gezuechtet, so wird der grosse Knall weiter hinausgezoegert.
Was soll den das bitte sein? Wenn Sie die EK Quote der Baken auf 30% steigern wollen, dann hat das absolut gar nichts mit Sicherheiten aus Firmenkrediten zu tun. Falls doch, erläutern Sie das bitte. Was das mit steigenden Zinsen für Staatsanleihen zu tun haben sollte, das erläutern Sie ebenfalls bitte. Man lernt ja nie aus.
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