Euro-Krise: Der neue Herr der Blasen

Ein Kommentar von Michael Sauga

Die Europäische Zentralbank unter Mario Draghi überschwemmt die Märkte mit Geld, um die Euro-Zone vor dem Zerfall zu bewahren. Der Erfolg der Operation ist ungewiss, aber ihr Hauptprofiteur steht bereits fest: Europas maroder Bankensektor.

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Mario Draghi: Ist er der nächste Mr. Bubble?

Mario Draghi bekommt dieser Tage viel Lob, besonders von Vertretern der Finanzindustrie. An der Wall Street feiern sie den Zentralbankchef als "Retter Europas". Großinvestor George Soros preist ihn als den Mann, der "die Kreditklemme beseitigt hat". Und der Bundesverband deutscher Banken sieht den Geldpolitiker auf gutem Weg, "die Staatsschuldenkrise einzudämmen".

Wer den Vorteil hat, singt gerne Hymnen. Eine Billion Euro hat Draghi an die Kreditinstitute der Euro-Zone ausgereicht, angeblich um die Währung zu stabilisieren. In Wahrheit dient die Geldkanonade mit der "Dicken Bertha" nicht zuletzt dazu, dem maroden Finanzsektor des Kontinents den Weg zu neuen Gewinnen freizuschießen. Für ein Prozent können die Kreditinstitute das Geld bei der Zentralbank leihen, um es dann für vier oder fünf Prozent in spanische oder italienische Staatsanleihen zu stecken - leichter kann man sein Geld kaum verdienen. Und das schönste ist: die Gewinne sind garantiert, denn die Banken dürfen ihre frisch erworbenen Papiere gleich wieder als Sicherheiten bei der Zentralbank hinterlegen, die damit einen Großteil des Risikos trägt. So folgt Draghis wundersamer Geldkreislauf jenem Lieblingsmodell der Branche, wonach Gewinne privat kassiert und Verluste der Allgemeinheit aufgebürdet werden.

Geldpolitik nach amerikanischem Muster

Das ist der eigentliche Grund für den Jubel des Kreditsektors. Europas Währungspolitik folgt nun erkennbar der vorherrschenden US-Doktrin, nach der sich der oberste Geldpolitiker nicht nur als Kämpfer gegen die Inflation, sondern vor allem als oberster Wirtschaftsförderer zu begreifen hat. Schwächelt die Konjunktur, senkt er die Zinsen, um das Wachstum zu befeuern. Treiben Spekulanten die Preise auf Immobilien- oder Aktienmärkten, lässt er sie gewähren, damit der Aufschwung nicht gefährdet wird. Und wenn die Blase platzt, rettet er die Banken, um das Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren. Der moderne Währungshüter betreibt sein Geschäft nach der Logik des Investmentbankers, die Draghi aus seiner Zeit beim New Yorker Geldhaus Goldman Sachs bestens bekannt ist. Er bekämpft Schulden mit Schulden und beseitigt die Folgen einer Finanzblase, indem er die nächste aufpumpt.

"Asymmetrische Reaktion" heißt das im Jargon der Ökonomen, die sich für die Finanzindustrie freilich als Ausdruck höchster Symmetrie entpuppt. Ihr Gewinn ist gesichert, auch wenn sich Aufschwung und Absturz immer rascher aneinander reihen. Asienkrise, Internetblase, Subprime-Crash: was Experten inzwischen als Blasenökonomie schmähen, war für Banken und Fonds stets eine sichere Wette. Im Boom strichen sie exorbitante Profite ein, die nach dem Crash von den Steuerzahlern abgesichert wurden. Richtig besehen ist die angeblich so pragmatische Krisenpolitik angelsächsischer Machart so vor allem eins: Subventionspolitik zugunsten der Finanzindustrie.

Schlecht getarnter Lobbyismus

Entsprechend sind viele der Jubelgesänge auf Europas neue Zentralbankpolitik nichts anderes als schlecht getarnter Lobbyismus. Wenn US-Finanzminister Timothy Geithner neue Milliardenspritzen der Frankfurter Währungshüter anmahnt, so spricht er vor allem als Anwalt der Wall Street. Und die Chefvolkswirte angelsächsischer Investmentbanken, die in der Regel eine Zinssenkung nach der anderen verlangen, haben nicht zuletzt die Geschäftsinteressen ihrer Brötchengeber im Sinn. Die Finanzkommunikation werde von "den Forschungsabteilungen großer Finanzfirmen geprägt", die nach "immer größeren Interventionen der Zentralbanken rufen", klagte jüngst der Vizechef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der Dachorganisation der Währungsbehörden. Es ist eine Propaganda, deren Erfolge in der Tat beeindruckend sind. Kein Politiker würde es derzeit wagen, offen Staatshilfen für Banken zu fordern. Werden die Subventionen aber über die Zentralbank verteilt, gilt das als kluge Politik.

Dabei ist das Gegenteil von gut meist gut gemeint, wie auch Draghis Maßnahmen zeigen. Seine Geldspritze soll gesunden Banken im Süden Europas helfen. Tatsächlich kommt sie nicht zuletzt kranken Banken im Norden zugute: schwindsüchtigen Finanzkrisenopfern wie der Düsseldorfer IKB oder der Commerzbanktochter Eurohypo zum Beispiel, die besser längst abgewickelt worden wären. Nun hält Draghis Geldspritze sie künstlich am Leben, während in Brüssel Wettbewerbskommissar Joaquim Almunia ruft: "Wir wollen keine Zombie-Banken mehr".

Europas Regierungen müssen ihre Banken sanieren

Der Widerspruch ist offensichtlich, und er wird noch dadurch vergrößert, dass der Ausstieg aus Draghis Liquiditätsprogramm völlig ungeklärt ist. In drei Jahren müssen die Institute ihre Kredite an die EZB zurückzahlen, doch was geschieht, wenn sie dazu nicht in der Lage sind? Schon gibt es Stimmen, die das Programm auf fünf Jahre verlängern wollen.

Natürlich muss eine Notenbank handeln, wenn ein wirtschaftlicher Einbruch droht. Das ist die Lehre aus der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre. Doch Zeit zu kaufen, ist nur dann eine erfolgversprechende Strategie, wenn die Zeit auch genutzt wird. Europas Regierungen müssen die Staatsschulden abbauen und ihre Banken sanieren. Gelingt das nicht, fällt der nächste Crash umso größer aus.

Sechs Monate nach seinem Amtsantritt ist Draghi zum gefeierten Helden der Finanzbranche aufgestiegen. Doch das ist ein flüchtiger Ruhm, wie der Währungshüter am Beispiel seines einstigen US-Kollegen Alan Greenspan studieren kann. Der langjährige Chef der US-Notenbank Fed wurde als "Magier der Märkte" gefeiert, so lange er die Märkte mit niedrigen Zinsen bei Laune hielt. Als die von ihm erzeugte Geldschwemme in der Finanzkrise mündete, verspotteten ihn dieselben Banker, die ihn gerade noch bejubelt hatten, als "Mister Bubble", den Herrn der Blasen. Draghi muss aufpassen, dass es ihm nicht ähnlich ergeht.

Der Text ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Buch "Gelduntergang. Wie Banken und Politik unsere Zukunft verspielen", von Ursula Weidenfeld und Michael Sauga.

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insgesamt 199 Beiträge
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1.
Neurovore 13.03.2012
Zitat von sysop....aber ihr Hauptprofiteur steht bereits fest: Europas maroder Bankensektor...
Huaaaaah! Was ist hier los? Ein SPON-Artikel, der die Dinge und Akteure beim Namen nennt? Kein GeBöllere für die ach so tolle EU? Da hat doch irgendein diensthabender Redakteur nicht aufgepasst! Ich erwarte, daß das schnellstens korrigiert und der Beitrag entfernt wird! Also bitteschön...
2. schafft
crocodil 13.03.2012
Zitat von sysopDie Europäische Zentralbank unter Mario Draghi überschwemmt die Märkte mit Geld, um die Eurozone vor dem Zerfall zu bewahren. Der Erfolg der Operation ist ungewiss, aber ihr Hauptprofiteur steht bereits fest: Europas maroder Bankensektor. Euro-Krise: Der neue Herr der Blasen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,820973,00.html)
endlich die EU ab. Es war ein Versuch - wie USA ein einheitlichen Staat zu schaffen - aber es wiird wohl nichts daraus, außer Billionen € verschwinden in den Banken, wo sich dann etliche eine Luxusyacht auf den Bahamas und einen Zweitwohnsitz auf den Bermudas sichern können.
3. Noch ist Zeit
idealist100 13.03.2012
Zitat von sysopDie Europäische Zentralbank unter Mario Draghi überschwemmt die Märkte mit Geld, um die Eurozone vor dem Zerfall zu bewahren. Der Erfolg der Operation ist ungewiss, aber ihr Hauptprofiteur steht bereits fest: Europas maroder Bankensektor. Euro-Krise: Der neue Herr der Blasen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,820973,00.html)
Noch ist Zeit mit einem blauen Auge aus dem EURO Wahnsinn auszusteigen. Im nächsten Jahr gibt es schon 2 blaue Augen und in 2 Jahren sind wir Knok out. Aber die unseren können ja alles auf die EU EZB schieben. Systemrelevant und alternativloses Umverteilen in die Bürger sprich Staatenpleite.
4. ......
Hannovergenuss 13.03.2012
Die Frage ist doch was die Alternative wäre! Außerdem partizipieren nicht nur die Banken sondern alle die momentan (und sinnvollerweise) sich Geld für fast Lau leihen können wenn man die 5 oder 10 jährigen Hypothekenzinsen abzgl. der Inflationsrate betrachtet. Verschulden bis über beide Ohren und in Sachwerte investieren lautet schon seit 2 Jahren die Devise. Sparer werden bestraft.
5. Ich trau....
montaxx 13.03.2012
Zitat von sysopDie Europäische Zentralbank unter Mario Draghi überschwemmt die Märkte mit Geld, um die Eurozone vor dem Zerfall zu bewahren. Der Erfolg der Operation ist ungewiss, aber ihr Hauptprofiteur steht bereits fest: Europas maroder Bankensektor. Euro-Krise: Der neue Herr der Blasen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,820973,00.html)
Herr Draghi ist einer der Old Boys von Goldman-Sachs.Mit nur einem bisschen Fantasie kann man sich ausrechnen,dass er die Verbindungen zu seinen Freunden nicht abgebrochen hat und sie sicher nicht im Regen stehen lässt.So bezahlt nun der Steuerzahler dafür,dass es Goldman-Sachs besonders gut gehen wird... Zur Erinnerung: Diese Bank hat durch entsprechendes "Frisieren" ja auch den Beitritt Griechenlands zur Eurozone ermöglicht.Ich traue diesem Mann nicht!
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Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.
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Grafiken: Die wichtigsten Fakten zur Euro-Krise

Die Europäische Zentralbank
EZB
Die Europäische Zentralbank (EZB) ist die gemeinsame Währungsbehörde der Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion und bildet mit den nationalen Zentralbanken der EU-Staaten das Europäische System der Zentralbanken .
Europäischer Leitzins
Der von der Europäischen Zentralbank vorgegebene Leitzins legt fest, zu welchen Bedingungen sich Kreditinstitute Geld beschaffen und verleihen können.
Expansive Geldpolitik
Durch expansive Geldpolitik wird die verfügbare Geldmenge bei den Geschäftsbanken erhöht, um dadurch die Konjunktur anzukurbeln.
Geldwertstabilität
Ein Hauptziel der EZB ist die Geldwertstabilität , die vor allem mit Hilfe der Geldpolitik erreicht werden soll.