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EZB-Direktor: Asmussen spricht von Niedrigstzins für mehr als ein Jahr

Verwirrung wegen einer Äußerung des EZB-Vize Asmussen: Er hatte unter Berufung auf Notenbank-Chef Draghi gesagt, der Leitzins in der Euro-Zone solle länger als ein Jahr auf einem extrem niedrigen Niveau bleiben. Die Bank wies diese Interpretation umgehend zurück.

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EZB-Vize Jörg Asmussen: "Ich schließe nichts aus"

London - Die Europäische Zentralbank (EZB) will ihren Leitzins offenbar für länger als ein Jahr auf dem gegenwärtigen rekordniedrigen Niveau von 0,5 Prozent belassen. EZB-Direktor Jörg Asmussen sagte in London, die Notenbank gehe von einem Zeitraum aus, der auf jeden Fall länger als ein Jahr sei. "(EZB-Präsident) Mario Draghi hat gesagt, es sind nicht sechs Monate, nicht zwölf Monate, es geht darüber hinaus", sagte Asmussen. Der Euro fiel darauf gegenüber der US-Währung um gut einen halben Cent auf unter 1,28 Dollar - und damit auf seinen niedrigsten Stand seit drei Monaten.

Die EZB hatte in der vergangenen Woche erstmals in ihrer Geschichte Hinweise auf ihre künftige Geld- und Zinspolitik gegeben - Fachleute nennen das Forward Guidance. Draghi hatte lediglich von einem "längeren Zeitraum" gesprochen.

Die EZB versuchte, Asmussens Äußerung umgehend zu relativieren: In einer schriftlichen Stellungnahme erklärte die Zentralbank, dass auch Asmussen nicht über diese Formulierung habe hinausgehen wollen. "Es war die Absicht von Herrn Asmussen zu bestätigen, dass die Entscheidung des EZB-Rats zur Forward Guidance eines 'längeren Zeitraums' einstimmig war. Es wurde kein Hinweis darauf gegeben, wie lange dieser Zeitraum exakt dauern könnte und es war auch nicht die Absicht von Herrn Asmussen, das zu tun."

Tatsächlich hatte Draghi wörtlich gesagt: "Ein längerer Zeitraum ist ein längerer Zeitraum. Das sind nicht sechs Monate, das sind nicht zwölf Monate - es ist ein längerer Zeitraum."

"Ganze Bandbreite an unkonventionellen Maßnahmen"

Asmussen wollte nicht ausschließen, dass die EZB mit anderen Maßnahmen gegen Krise und Rezession kämpfen könnte, etwa mit weiteren langfristigen Kreditprogrammen, über die sie den Banken für einen langen Zeitraum Liquidität zur Verfügung stellt. "Ich würde da nichts ausschließen - wir haben die ganze Bandbreite der unkonventionellen Maßnahmen, die jederzeit eingesetzt werden können", betonte er. Die EZB hatte Europas Banken Ende 2011 und Anfang 2012 in zwei Schüben insgesamt rund eine Billion Euro für den ungewöhnlich langen Zeitraum von drei Jahren geliehen. Ähnlich wie bereits Draghi in der vergangenen Woche wollte Asmussen auch eine weitere Zinssenkung nicht ausschließen.

Grundsätzlich zeigte sich der frühere Finanzstaatssekretär aber bis auf weiteres mit der Geldpolitik der EZB zufrieden: "Wenn man es mit einem Auto vergleichen würde - derzeit fahren wir exakt mit der richtigen Geschwindigkeit. Wir haben den Fuß nicht auf der Bremse und auch nicht auf dem Gaspedal, wenn man sich die Daten anschaut, die wir bekommen." Der EZB-Rat habe alle Entscheidungen der vergangenen Woche einstimmig getroffen. Auch der Beschluss, den Leitzins vorerst nicht weiter zu senken, sondern konstant zu halten, sei einstimmig erfolgt.

Das stimmt aber nur formell: Asmussen, Bundesbank-Präsident Jens Weidmann und weitere Notenbankchefs mussten den Verzicht auf eine weitere Zinssenkung im Streit gegen die Vertreter der südeuropäischen Staaten durchsetzen.

ade/Reuters/dpa

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Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.


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