Müllers Memo Warum uns das billige Geld nicht vor Deflation schützt

Wieder mal hofft die Wirtschaftswelt auf die EZB: Die Zentralbank soll verhindern, dass Europa zurück in die Krise rutscht. Doch das wird nicht funktionieren.

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EZB-Präsident Draghi: Billiges Geld gegen den Preisverfall
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EZB-Präsident Draghi: Billiges Geld gegen den Preisverfall


Mit der Deflation ist es ein bisschen wie mit jeder guten Story: Je älter sie wird, desto mehr wabert sie ins Mythenhafte. Und diese Geschichte ist eine sehr amerikanische: Deflation ist das nationalökonomische Trauma der USA. Während der großen Krise der Dreißigerjahre sackte das Preisniveau immer weiter ab. Das Land versank in einer Abwärtsspirale - Schrumpfung, Verarmung, Hoffnungslosigkeit. Bis heute wird die Geschichte der großen Depression erzählt, in Familien, in der zeitgenössischen Literatur, in der Popmusik. Die amerikanische Wirtschaftspolitik hat daraus eine zentrale Lehre gezogen: Deflation muss unbedingt verhindert werden.

Nun ist Europa dran. Die offiziellen Indizes der Verbraucherpreise nähern sich dem Nullpunkt (neue Zahlen dazu gibt es am Dienstag). Die Angst geht um, dass die Euro-Dauerstagnation in eine Deflation abgleitet.

Gespannt blickt die Wirtschaftswelt auf die EZB, deren Gouverneure am Donnerstag tagen, ausnahmsweise in Neapel. EZB-Chef Mario Draghi hat angekündigt, er wolle eine Deflation im Euro-Raum auf jeden Fall verhindern. Entsprechend groß ist der Erwartungsdruck, dass diese Woche Einschneidendes geschieht - dass Draghi beispielsweise ankündigt, in großem Stil Wertpapiere aufzukaufen, womöglich sogar Staatsanleihen.

Immer mehr Geld in die Märkte pumpen - kann das funktionieren? Ist das überhaupt der richtige Ansatz in der gegenwärtigen Situation? Ernste Zweifel sind erlaubt. Es lohnt sich zu fragen, mit welchem Phänomen wir es eigentlich gegenwärtig zu tun haben. Und ob die Wirtschaftspolitik nicht ganz anders handeln müsste.

Deflation hat drei Gesichter: the good, the bad and the ugly

Nicht jede Episode fallender Preise ist schlecht. Schließlich ist es erst mal eine gute Sache, wenn Güter billiger werden. Die Kaufkraft steigt, die Bürger können sich bei gleichem Einkommen mehr leisten.

Fachleute der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sehen drei Arten von Deflation: die gute, die schlechte und die wirklich hässliche.

  • Gute Deflation: Es gibt Phasen, da nimmt die Produktivität der Wirtschaft sprunghaft zu - weil neue Technologien zum Einsatz kommen, weil Märkte für internationalen Wettbewerb geöffnet werden oder weil sich ganze Gesellschaften modernisieren und wie im Zeitraffer eine produktivitätssteigernde Verstädterung stattfindet. So war es etwa zwischen 1873 und 1896. Damals fielen die Preise in vielen Ländern um durchschnittlich zwei Prozent jährlich. Zugleich wuchs die Wirtschaft um zwei bis drei Prozent pro Jahr - wenn man die Preisentwicklung herausrechnete. Der Preisverfall wurde durch einen Produktivitätsboom bedingt, der von der Mechanisierung und dem Ausbau der Eisenbahnnetze ausgelöst wurde.
  • Schlechte Deflation: Das sinkende Preisniveau wäre kein Problem, wenn alle Preise gleichermaßen flexibel wären. Tatsächlich aber gehen viele Preise kaum oder nur mit großer Zeitverzögerung zurück. Das schafft Verspannungen in der Wirtschaft. Wo längerfristige Verträge bestehen, wie bei Arbeitsverhältnissen, ist ein Sinken der Preise in aller Regel nicht vorgesehen. Wenn aber beispielsweise die Preise für Industriegüter fallen, die Löhne jedoch konstant bleiben, wird Arbeit immer teurer. Sofern Unternehmen dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit einbüßen, führt Deflation dann zu steigender Arbeitslosigkeit. In modernen Sozialstaaten kommt ein weiteres Problem hinzu: Staatliche Leistungen sinken nicht automatisch mit dem bröckelnden Preisniveau. Entsprechend gerät der Staatshaushalt in die Klemme: Die Ausgaben steigen, während die Steuereinnahmen sinken.
  • Hässliche Deflation: Das schlimmste Szenario ist zweifellos das einer Schuldendeflation, wie sie der US-Ökonom Irving Fisher in den Dreißigerjahren analysierte. Sinken die Preise bei hohen Schuldenständen des Staates, der Unternehmen und der privaten Haushalte, kann sich eine Volkswirtschaft in einer üblen Abwärtsspirale verfangen. Weil Verbindlichkeiten (Bankkredite, ausstehende Anleihen) fixe Beträge sind, wiegt bei sinkenden Preisen die Schuldenlast immer schwerer. Schuldner werden zahlungsunfähig, Banken sitzen auf faulen Krediten. Wie Dominosteine kippen die Geldinstitute. Andere versuchen, ihre Bilanzen dadurch in Ordnung zu bringen, dass sie keine neuen Kredite mehr vergeben. Investitionen gehen zurück, wodurch die Wirtschaft noch weiter schrumpft und die Arbeitslosigkeit weiter steigt.

Die jüngste Entwicklung erinnert in der Tat an historische Vorbilder. In den Neunziger- und den Nullerjahren gab es gute deflationäre Tendenzen, ausgelöst vor allem durch die Globalisierung. Sprunghaft stieg die Produktivität in Ländern wie China. Das drückte die Preise. Doch diese Phase mündete in eine Kreditorgie, angefeuert durch billiges Geld und allerlei Kapitalmarktblasen. In der Tat erinnert die derzeitige Situation an die Dreißigerhahre. Die Schulden sind immer noch nahe historischen Höchstständen, während die Wirtschaftsleistung vielerorts (etwa in Italien) wegbröckelt. Eine schleichende Verarmung.

Was also tun?

Der beste Schutz vor Deflation: Schuldenabbau

Wenn die Notenbanken immer mehr billiges Geld in die Märkte drücken, während die Wirtschaft unter hohen Schulden ächzt, laufen sie Gefahr, keine echte Wirtschaftsbelebung hinzubekommen - welche Firma will schon neue Kredite, wenn sie bereits die alten kaum bedienen kann? Also strömt das zusätzliche Geld in die Kapitalmärkte, wo sich erneut stattliche Blasen aufblähen. Wenn die platzen, verschlimmert sich die Deflationsgefahr abermals. Ein Teufelskreis.

Die Regierungen sollten deshalb schleunigst daran gehen, die Wirtschaft gegen Deflation zu imprägnieren. Besser noch: hässliche in gute Deflation zu verwandeln. Das heißt: sämtliche Preise nach unten flexibel machen; das Steuer- und Abgabensystem auf fallende Preise einstellen; produktivitätssteigernde Investitionen anschieben, vor allem in Bildung und Forschung.

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Gefährlicher Preisverfall: Wie Deflation entsteht

Der beste Schutz vor einer hässlichen Deflationsspirale jedoch ist ein echter Schuldenabbau, etwa im Rahmen eines eurozonenweiten Schuldentilgungspakts, wie ihn der deutsche Wirtschaftssachverständigenrat vorgeschlagen hat. Mehr noch: Teile des Privatsektors in hochverschuldeten Ländern müssen Insolvenzen durchlaufen, Banken geschrumpft und notfalls geschlossen werden. Auch fünf Jahre nach Beginn der Eurokrise haben die Regierungen immer noch nicht das notwendige Instrumentarium dafür entwickelt.

Stattdessen streiten Deutsche, Franzosen und Italiener darüber, mit welchen Maßnahmen die Wirtschaft am besten aus den Schulden herauswachsen kann. Ein illusionistischer Politikstil. Schließlich behindern die Schulden selbst das Wachstum. Es sieht so aus, als müsste sich Europa eine neue Story schreiben.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

Montag

Brüssel - Nullen und Einsen - Das Europaparlament beginnt, die designierten EU-Kommissare anzuhören. Der deutsche Günther Oettinger soll für digitale Wirtschaft zuständig sein.

Wiesbaden - Preisfragen I -Deutschlands Statistiker veröffentlichen neue Daten zur Inflationsrate.

Dienstag

Nürnberg - Ende des Jobwunders? - Die Bundesagentur veröffentlicht die Arbeitsmarktdaten für September. Zuletzt ist die Arbeitslosigkeit nicht mehr gesunken.

Brüssel - Preisfragen II - Wichtige Daten vor der EZB-Entscheidung am Donnerstag: Neue Zahlen zur Inflationsrate und zum Arbeitsmarkt in der Eurozone, September vorläufig.

Essen - Verantwortung - Thomas Middelhoff muss sich abermals im Untreueprozess wegen der Karstadt-Pleite verantworten.

Mittwoch

London - Stimmungstest - Neue Zahlen zum Zukunftsvertrauen der Eurozonen-Industrie im September

Donnerstag

Neapel - Preisfragen III - Der EZB-Rat entscheidet über weitere Maßnahmen zur Lockerung der Geldpolitik.

Frankfurt - Bahnstreik - Die Urabstimmung der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) über einen Arbeitskampf geht zu Ende.

Freitag

Hannover - 24 Jahre Deutschland - Tag der Deutschen Einheit: Niedersachsen richtet das diesjährige "Bürgerfest" aus.

Samstag

Riga - Stimmungen & Spannungen - Parlamentswahl in Lettland in Zeiten erhöhter Alarmbereitschaft gegenüber Russland.

Sonntag

Brasília - Zwei erste Frauen -Parlaments- und Präsidentenwahl in Brasilien: Herausforderin Marina Silva verspricht einen wirtschaftsfreundlichen Wachstumskurs. Amtsinhaberin Dilma Rousseff verteidigt Besitzstände.


In einer Reihe von Artikeln stellt Henrik Müller einige Thesen seines neuen Buchs "Wirtschaftsirrtümer" vor. Bislang erschienen "Wir machen uns was vor", "Der Mythos der Hartz-Reformen"sowie "Unser gefährlicher Industrie-Fimmel".

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insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
jamguy 28.09.2014
1. zurück in die Krise rutschen
So wie ich das seh gab es seit Beginn nur die Krise ?Man hat teilweise lediglich mal 1 oder 2 Monate von Verbesserung geredet um im nächsten Moment die nächsten Probleme zu verkünden.
dieter-ploetze 28.09.2014
2. guter Vorschlag,leider machts keiner
ein eurozonen schuldentilgungspakt ist natürlich das zwingende in dieser Krise.aber in der eurozone nicht durchsetzbar.da sind einstimmige Beschlüsse Pflicht und die wird's nicht geben.ausserdem würden sofort nach inkrafttreten eines solchen Pakts,alle beteiligten nach Schlupflöchern suchen und wenn die nicht zu finden sind wird man eiskalt den vertrag brechen.ohne Konsequenzen,so wie bisher in der eurozone.ich meine daher,dass es keinen Ausweg gibt ausser dem crash. leider!und von da an machts wieder jedes land allein.
THINK 28.09.2014
3.
Artikel wie dieser, mit dem Tenor, etwas kann gut aber auch schlecht sein, haben einen Informationsgehalt von Null. Warum werden eigentlich immer noch diese lächerlichen, spekulativen, eher astrologisch denn wissenschaftlichen Artikel von solchen Möchtegern-Wirtschafts-"Experten" veröffentlicht.
ThomasGB 28.09.2014
4. Deflation, sozial issues and stuff
Wenn ich morgens einen Kaffe und ein Mineralwasser im Bistro vor dem Supermarkt trinke, mit eine Packung Tabak und etwas zu essen kaufe bin ich in einem Rutsch 20 Euro los. Das sind 40 D-Mark (ja, die D-Mark ist noch offiziell gültig, also darf ich sie immer noch mit 1,95583 umrechnen). Davon konnte man vor der Euro als Zahlungsmittel noch bequem einen draufmachen gehen. Also lassen Sie endlich diesen Quatsch mit der angeblichen Deflation. Nicht mehr lange, dann sind die Herstellungskosten für den Euro teuer als sein draufstehender Wert. (nebenbei wundert es mich, warum man versucht dieses Spielgeld noch fälschungssicherer zu machen, das lohnt sich ja eh bald nicht mehr).
soisses1 28.09.2014
5. Ich
kann mir nicht helfen, aber eine Deflation spüre ich nicht. Und würden die Freunde von der Inflationsrechnungszentrale alle Kosten mit einberechnen u.a. inkl. PC kost einfach 990 Euro und eben nicht weil er proportional heute das 8-fache kann wie vor 6 Jahren nur "340" Euro, und Smartphone kost 400 Euro hat auch jeder, muss nicht sein, gehört aber dazu, von Grudstücken, schicken Klamotte tc. mal ganz abgesehen, na da würde sich so mancher wundern.
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