Europäische Zentralbank Die überforderte Notenbank riskiert ihre Glaubwürdigkeit

Die EZB kämpft mit immer krasseren Maßnahmen gegen unkontrollierbare Kräfte. Dabei riskiert sie ihre Glaubwürdigkeit - ein gefährliches Spiel.

EZB-Präsident Mario Draghi
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EZB-Präsident Mario Draghi

Eine Kolumne von


Geld ist eine Sache des Glaubens. Gutes Geld ist ein Versprechen auf eine gute Zukunft. Denn für sich betrachtet sind Scheine, Münzen und digitale Guthaben wertlos. Ihren Wert erhalten sie erst dadurch, dass dahinter glaubwürdige Institutionen stehen. Nur wenn das gewährleistet ist, sind Menschen bereit, Güter, Dienstleistungen und Vermögenswerte gegen Geld zu tauschen. Vertrauen ist, so gesehen, die Grundlage der Geldwirtschaft und des modernen Kapitalismus.

Insofern ist es ein Alarmsignal, wenn nur noch eine Minderheit (33 Prozent laut EU-Umfragen) der Eurozonen-Bürger sagt, sie vertraue der Europäischen Zentralbank (EZB). Auch an den Finanzmärkten glauben viele nicht mehr so recht, dass die EZB noch ihre Ziele erreichen kann: Die langfristigen Inflationserwartungen weichen immer stärker von jener Rate ab, die die Zentralbank erklärtermaßen anpeilt. Auch berufsmäßige Notenbank-Analysten wissen manchmal nicht mehr, was die EZB noch vorhat und wo das alles enden soll.

Am Donnerstag stellt sich die EZB-Führung ihren professionellen Beobachtern. Bei der alljährlichen Konferenz "The ECB and its Watchers" in Frankfurt werden die Euro-Banker eine Menge zu erklären haben. Mit immer neuen Maßnahmen versuchen sie, die lahmende Wirtschaft in Schwung zu bringen: Anleihekäufe in Billionenhöhe, Nullzinsen, Strafgebühren auf Notenbankguthaben.

Draghi und das "Helikopter-Geld"

Inzwischen halten sie sogar "Helikopter-Geld" nicht mehr für völlig abwegig. Eine radikale Idee, die bislang noch nie in die Tat umgesetzt wurde. Das Konzept sieht vor, dass die Notenbank Geld direkt unter die Bürger bringt, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. EZB-Chef Mario Draghi sprach kürzlich von einem "sehr interessanten Konzept".

Chefökonom Peter Praet legte später nach und sagte in einem Interview: "Ja, alle Zentralbanken können das tun." Die Frage sei natürlich, "ob und wann es opportun" sei, auf ein derart "extremes Instrument" zurückzugreifen. Im Übrigen gebe es aber auch noch "andere Dinge, die man theoretisch tun kann".

Das Kalkül ist klar: Die EZB-Führung demonstriert Handlungsfähigkeit. Sie versucht den Eindruck zu zerstreuen, dass sie am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt sei. Dabei geht sie das Risiko ein, Erwartungen zu schüren, die sie letztlich nicht erfüllen kann. Das Vertrauen in die Notenbank, ihr größtes Kapital, droht weiter zu schwinden.

Zugegeben, die Euro-Bank steht mit ihrem Glaubwürdigkeitsproblem nicht allein. Die amerikanische Fed musste kürzlich eingestehen, dass sie die Zinsen doch nicht so rasch anheben kann wie ankündigt. Die Nationalbanken Schwedens und der Schweiz haben in den vergangenen Jahren radikale Kurswechsel vollzogen. Die Bank von Japan kauft ungehemmt Anleihen auf und bläht ihre Bilanz immer weiter auf, ohne absehbares Ende.

Aber in Europa ist die Sache besonders problematisch, weil die EZB nun mal die einzige vollfunktionsfähige staatliche Institution auf Eurozonen-Ebene ist. Wenn das Vertrauen in die EZB schwindet, geht es letztlich auch um das Vertrauen in die Stabilität der Gemeinschaftswährung.

Die Notenbanker treiben strategische Spiele

Früher, vor Ausbruch der Finanzkrise, war die Aufgabe der Notenbanker vergleichsweise simpel: Ihr Job bestand vor allem darin, den Anstieg der Verbraucherpreise auf niedrigem Niveau zu halten. Um dieses Ziel zu erreichen, nutzen sie ein schmales Set von Instrumenten. Ansonsten waren Notenbanker schweigsam. Und wenn sie sich mal öffentlich äußerten, dann redeten sie gern absichtlich nebulös.

Nun verharren überall in den reichen Ländern die Inflationsraten unter zwei Prozent, jener Zielmarke, die zur weltweit akzeptierten Norm geworden ist. Die Angst vor Deflation geht um, insbesondere in der Eurozone, wo der Verbraucherpreisindex aktuell leicht zurückgeht und die langfristigen Inflationserwartungen bei nur noch 1,5 Prozent liegen.

Daneben kümmern sich Notenbanker auch noch um die Stabilität des Finanzsektors und der Börsen, um die Konjunktur (neue Zahlen zur Arbeitslosigkeit gibts Montag). Mario Draghi hat sogar 2012 versprochen, die EZB werde - "whatever it takes" - dafür sorgen, dass kein Land von den Märkten aus der Währungsunion gedrängt wird. Verdammt viele Aufgaben.

Auch die Kommunikation hat sich radikal verändert. Inzwischen betreiben Notenbanker eine Art ökonomisches Storytelling: legen ihren Kurs auf lange Zeit im Voraus fest ("forward guidance"), lassen aber gleichzeitig reichlich Raum für Spekulationen über künftige weitere Maßnahmen (siehe die Äußerungen zum "Helikopter-Geld"). Sie treiben strategische Spiele mit anderen privaten und staatlichen Marktteilnehmern.

Der Kampf um Zusammenhalt

Letztlich entsteht Glaubwürdigkeit dadurch, dass die Notenbanken ihre Ziele verlässlich erreichen. Doch je mehr Ziele sie verfolgen, desto schwieriger wird es, sie zu erreichen, vor allem, wenn sie in Konflikt miteinander stehen. Beispiel Negativzinsen: Einerseits sollen die Strafgebühren auf Notenbankguthaben die Banken dazu animieren, mehr Kredite zu vergeben, und damit Konjunktur und Inflation anregen. Andererseits werden dadurch auf längere Sicht Banken und Versicherungen destabilisiert.

Es sieht ganz so aus, als sei gerade die EZB heillos überfordert. Sie kämpft für Inflationsraten auf Wohlfühlniveau und dafür, dass die Unternehmen wieder mehr investieren - dabei drücken weltweite Überkapazitäten auf die Preise; und hohe private Schulden schränken die finanziellen Spielräume der Wirtschaft ein. Die EZB müht sich, den Zusammenhalt der Währungsunion zu garantieren - dabei haben die Regierungen die Arbeit am Ausbau der Eurozone zu einer dauerhaft tragfähigen quasi-staatlichen Konstruktion auf Eis gelegt, weil sie mit der Flüchtlingskrise alle Hände voll zu tun haben.

Die Notenbank kämpft gegen Kräfte an, die sie selbst nicht kontrollieren kann. Solange das so bleibt, wird die EZB wohl ihren Kurs fortsetzen und zu immer extremeren Maßnahmen greifen. Die Wirkungen allerdings dürften immer schwächer werden - weil der Glaube daran schwindet, dass sie allein für eine gute Zukunft sorgen kann.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche

MONTAG

Luxemburg - Frühjahrsbelebung? - Europas Statistiker veröffentlichen neue Arbeitslosenzahlen.

Athen/Ankara - Es wird ernst - Nach der Vereinbarung zwischen der EU und der Türkei sollen von Montag an Flüchtlinge in die Türkei zurückgebracht werden. Nur wer nachweisen kann, dass er dort politisch verfolgt wird, soll bleiben dürfen.

DIENSTAG

München - Unendliche Geschichte - Fortsetzung des Prozesses gegen Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen und mehrere Ex-Topmanager wegen des Verfahrens um die Kirch-Pleite.

Madison - Laute Männer, starke Frau - Vorwahlen im US-Bundesstaat Wisconsin.

MITTWOCH

Berlin - Hochtourig - Daimler bittet zur Hauptversammlung.

Den Haag - Volksweisheit? - Die Niederländer stimmen per Referendum über das Assoziierungsabkommen der EU mit der Ukraine ab.

DONNERSTAG

Frankfurt - Viel zu erklären - Zentralbank-Beobachter treffen auf Zentralbank-Macher bei der Konferenz "The ECB and Its Watchers".

FREITAG

Wiesbaden - Ehemaliger Konjunkturtreiber - Das Statistische Bundesamt veröffentlicht neue Zahlen zu deutschen Exporten.

SAMSTAG

London - Should I stay or should I go? - Parteitag der britischen Konservativen. Die Party ist tief gespalten über das bevorstehende Brexit-Referendum am 23. Juni.

Cheyenne - Die Hillary-vs.-Bernie-Show - Vorwahl der Demokraten im US-Bundesstaat Wyoming.

SONNTAG

Hiroshima - Zwischenlager - Die Außenminister bereiten den nächsten G7-Gipfel vor.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

insgesamt 153 Beiträge
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Seite 1
wopress1104 03.04.2016
1. Wer machte Draghi zum Präsidenten?
Ich kann mich noch gut an die damalige Zeit erinnern. Da sollte eigentlich der Bundesbankpräsident Axel Weber den Job bekommen. Da war auch noch die Sache mit Sarrazani den den man sich so künstlich aufgeregt hat. Weber trat aus unbekannten Gründen zurück. So war der Weg frei für den GoldmanSachs Banker Draghi der mit dem jetzigen Job total überfordert ist. Merkel hätte dagegen halten können, tat das aber nicht. Warum? Das ist Merkels Geheimnis.
dschmi87 03.04.2016
2. Wie kann das sein.
Uns wurde versprochen das Euro unser aller heil sei. Das alle vom Euro profitieren. Das der Euro so stabil sei wie die DM. Das kein Eurostaat für die Schulden des anderen haften wird. Das die EZB keine Staatsfinanzierung macht... Und dann wundert sich die EZB als auch die Medien das wir Bürger kein Vertrauen mehr in diese Miss... Euro samt EZB mehr haben? Zuk Glück wohn ich in der Schweiz... Aber meine Schwester wohnt noch in Deutschland ihre private Altersvorsorge ist nichts mehr wert... Wirklich Respekt... Was die EZB in 17 Jahren geschafft hat, hat bisher noch keine Zentralbank geschafft...
Kaiserstuhlwinzer 03.04.2016
3. Das Mißverständnis
liegt in der Erwartung, die Wirtschaft(en) könnten ewig unbegrenzt wachsen, denn nichts anderes steckt hinter der "weltweit akzeptierten" Auffassung, 2 % / a sei ein erstrebenswertes Inflationsziel. Es wird völlig außer acht gelassen, daß der (Nachhol-) Bedarf irgendwann gesättigt ist und nur noch Erneuerung-Bedarf besteht. Und diese Sättigung der Nachfrage führt eben - weil nichts mehr "nachgeholt" werden muß - zu einem negativen Wachstum. Der klassische Produktzyklus (erst sanfter, dann explosionsartiger Anstieg, der Nachfragegipfel und dann der Nachfrageabsturz) gilt, solange nicht durch Katastrophen oder Kriege ein Großteil der Güter zerstört wird, auch für die Summe der Produkte. Im Dienstleistungssektor erleben wir durch die Mechanisierung / Automatisierung stark nachgefragter Dienstleitungen Ähnliches. Wir - und damit auch die Zentralbanken - müssen uns endlich auf eine "saturierte" Welt einstellen und von der fixen Idee, es könne oder müsse unbegrenztes Wachstium der realen Wirtschaft geben, verabschieden. Die EZB erzeugt mit ihrer Geldschwemme eben kein Wachstum der Realwrtschaft (mehr), sondern nur noch ein Wachstum der fiktiven Werte ("Blasen") an den Börsen. Das Platzen der Blasen ist das Pendant zur Produktvenichtung durch Kriege. George Orwell hat das schon 1948 sehr treffend in seinem Buch "1984" beschrieben. Aber was spricht eigentlich dagegen, die Sättigung zu akzeptieren? Wozu brauchen wir die Inflation? Wozu das Wachstum? Reicht es nicht, wenn jeder genug hat?
gerd.lt 03.04.2016
4. Wüste
Für den permanenten Gelddrucker Draghi trägt die Politik die Verantwortung, denn es liegt in ihrer Macht, den Freund der Börsen und den Feind der Sparer in die Wüste zu schicken. Da aber die Politik selbst nur für die oberen 10 Prozent der Bevölkerung Politik macht, ist Draghi sicher.
jus94 03.04.2016
5.
Herr Draghi kann politische Entscheidungen treffen, weil ihm der Raum dazu gegeben wird. Man kann und sollte also sehr wohl davon ausgehen, dass die EZB in völligem Einvernehmen der dt. Regierung, gegen die Interessen der dt. Sparer und Mieter handelt und die Transferunion vorantreibt.
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