Kampf gegen drohende Deflation EZB konkretisiert Anleihekaufprogramm

Die Europäische Zentralbank bereitet ihre letzte Waffe im Kampf gegen eine zu niedrige Inflation vor. Nach SPIEGEL-Informationen könnte ein mögliches Anleihekaufprogramm unbegrenzt sein. Ein großer Teil der aufzukaufenden Papiere dürfte aus Deutschland kommen.

EZB-Chef Draghi: Letzte Waffe im Kampf gegen niedrige Inflation
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EZB-Chef Draghi: Letzte Waffe im Kampf gegen niedrige Inflation


Hamburg - Die Planungen der Europäischen Zentralbank (EZB) für ein Ankaufprogramm für Staatsanleihen zur Deflationsbekämpfung nehmen konkretere Formen an. Das Volumen der Käufe könnte nach SPIEGEL-Informationen prinzipiell unbegrenzt sein. Wenn sich ein erstes Programm mit einem Volumen von zum Beispiel einer Billion Euro als unwirksam erweise, könne eben ein neues aufgelegt werden, heißt es in der EZB.

Anfang des Monats hatte EZB-Chef Draghi angekündigt, bei Bedarf mit unkonventionellen Maßnahmen gegen eine zu lange Phase niedriger Inflation vorzugehen. Dazu gehöre auch ein Programm zum Aufkauf von Anleihen am Kapitalmarkt. Mit einem solchen Programm könnten die langfristigen Zinsen gesenkt sowie Investitionen und Konsum angeregt werden. Andere große Notenbanken in den USA, Japan und Großbritannien haben bereits ähnliche Programme angewendet.

Die Experten der EZB stellen nun Überlegungen an, nach welchem Schlüssel im Rahmen eines möglichen Programms Staatsanleihen vom Markt genommen werden sollen. Möglich sei, dass sich die Quoten nach den Anteilen der Mitgliedsländer am EZB-Kapital orientieren. Dann entfiele auf deutsche Staatsanleihen ein Anteil von 26 Prozent, auf französische von 20 Prozent und auf italienische von 18 Prozent. Denkbar sei aber auch, dass sich die Quoten nach den Marktanteilen der Staatsanleihen richten. Dann kämen italienische Papiere auf einen Anteil von 25 Prozent, deutsche und französische auf jeweils 22 Prozent.

Konservative Geldpolitiker wiederum finden, dass allenfalls Anleihen bester Bonität akzeptiert werden sollten, also mit Top-Noten der Rating-Agenturen. Viele sehen eine solche sogenannte Quantitative Lockerung sowieso nur als "letzte Waffe", deren Einsatz derzeit extrem unwahrscheinlich sei. Sollte der EZB-Rat etwa im Juni tatsächlich zum Handeln gezwungen sein, wenn die neue mittelfristige Inflationsprognose vorliegt, sind andere Lösungen wahrscheinlicher. Möglich sei etwa, so heißt es, eine weitere Leitzinssenkung auf 0,15 Prozent mit einem negativen Einlagenzins für Banken in Höhe von minus 0,1 Prozent zu verbinden.

Denkbar sei auch ein Paket, zu dem zusätzlich ein neuer Langfristkredit für Banken zu Niedrigzinsen gehören könnte. Eine ähnliche Operation, die EZB-Chef Mario Draghi später nach einem Krupp-Geschütz "Dicke Bertha" benannte, hatte die EZB vor rund zwei Jahren schon einmal unternommen. Diesmal wird darüber nachgedacht, den Kredit besonders günstig zu machen, wenn die Banken ihre Kreditvergabe im Gegenzug erhöhen. Viele Zentralbanker hoffen allerdings, dass sie im Juni gar nichts unternehmen müssen: Denn die anziehende Konjunktur könnte die Inflationsaussichten wieder näher an die Zweiprozentmarke rücken.

stk

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insgesamt 364 Beiträge
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quark@mailinator.com 19.04.2014
1. I love it !
Also man gibt Steuergelder aus, damit die Waren für den Steuerzahler teurer werden ... man MUSS den Kapitalismus einfach lieben :-) ... Noch besser gefällt mir allerdings der Mechanismus, wo die Staatsbank Geld druckt, welches sie nahezu kostenlos an private Banken gibt, von wo es sich der Staat dann leiht ... so daß die Zinsen beim Bankbesitzer landen und nicht beim Bürger ...
wekru 19.04.2014
2. irre
Man sieht an diesen Diskussionen, wie minderbemittelt die Verantwortlichen in ihren Kenntnissen der Geldtheorie sind. Bereits vor 20 Jahren habe ich darauf hingewiesen, dass es zwischen Geldmenge und Inflation keinen Zusammenhang mehr gibt in einem Kreditgeldsystem, wie wir es heute haben. Alle empirischen Werte bestätigen diese Aussage. Und sie beruht nicht auf meinem Mist alleine, sondern findet sich bereits in der Doktorarbeit Ludwig Erhards dargelegt, der seinerseits lediglich weiter ausarbeitet, was Franz Oppenheimer bereits vor 70 Jahren erkannt hatte. Man ignoriert die gute Theorie um weiter Politik machen zu können und seine Pfründe zu verteidigen, die dem Status des "Experten" erwachsen. In Wirklichkeit sind diese "Experten" mit ihren Anschauungen im Stadium des "staatlichen Monopolgeldes mit Zwangskurs" oder "Papiergeld" stehen geblieben und haben bis heute nicht die Funktionsweise eines Kreditgeldsystems verstanden. Man kann die Geldmenge erhöhen wie man will und wird keine Inflation auslösen, sondern allenfalls eine Kreditblase erzeugen, die irgendwann mit einem Knall platzt, wie die Blae mit den Immobilienkrediten in den USA.
Heumar 19.04.2014
3. Kampf gegen gegen zu niedrige Inflation
ist wohl der Kampf der Umerziehungspresse um die mit dem niedrigsten Niveau. Die Grenze der Manipulation sollte dann erreicht sein, wenn sie ins Irreale umschlägt. Macht Ihr euer Wegwerfblatt neuerdings in Ossentoll?
wibo2 19.04.2014
4. Die Hausse könnte damit einen neuen Auftrieb erhalten .... Danke Drago!
Zitat von sysopAFPDie Europäische Zentralbank bereitet ihre letzte Waffe im Kampf gegen eine zu niedrige Inflation vor. Nach SPIEGEL-Informationen könnte ein mögliches Anleihekaufprogramm unbegrenzt sein. Ein großer Teil der aufzukaufenden Papiere dürfte aus Deutschland kommen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ezb-zentralbank-plant-anleihekaeufe-gegen-drohende-deflation-a-965152.html
Eine Korrektur der Aktienwerte könnte jetzt unterbrochen werden, sollte sich die EZB zu dem QE Schritt entscheiden. EZB-Chef Mario Draghi bekräftigte den möglichen Einsatz der vorhandenen Optionen, d.h. neben dem weiteren Absenken der Leitzinsen auch den Ankauf von Staatsanleihen im Sekundärmarkt. Die Hausse könnte damit einen neuen Auftrieb erhalten. Die offensichtliche Blase an den Aktienmärkten kann weiter bestehen und platzt demnächst noch nicht.
analysatorveritas 19.04.2014
5. Frohe Ostergrüße aus Frankfurt!
Zitat von sysopAFPDie Europäische Zentralbank bereitet ihre letzte Waffe im Kampf gegen eine zu niedrige Inflation vor. Nach SPIEGEL-Informationen könnte ein mögliches Anleihekaufprogramm unbegrenzt sein. Ein großer Teil der aufzukaufenden Papiere dürfte aus Deutschland kommen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ezb-zentralbank-plant-anleihekaeufe-gegen-drohende-deflation-a-965152.html
Wieder einmal ist die EZB am Zuge, die für 18 verschiedene und unterschiedliche Volkswirtschaften eine einheitliche Geld- und Währungspolitik ausrichten muss. Viele Eurovolkswirtschaften steckt fest, befinden sich in der Wettbewerbs- und Überschuldungsfalle des Euro, haben jahrelange Rezessionen hinter sich, leiden unter hohen Massenarbeitslosigkeiten, die Wachstumsdynamik ist fragil und schwach ausgeprägt (sofern überhaupt noch vorhanden), Renzi und Hollande wollen und brauchen eine völlig neue und andere Europolitik. Merkels Wachstums- und Stabilitätspakt ist reine Utopie und dient der politischen Kosmetik, um die Stammwählerschaft in Deutschland zu beruhigen. Die prekären Arbeitsverhältnisse in Deutschland bewegen sich auf einem Rekordniveau, mehr Suppenküchen, mehr Kinder- und Altersarmut sind für die Zukunft zu erwarten, Deutschland war, ist und bleibt der größte Kapitalexporteur. Was kommt konkret nach der Europawahl? Eurobonds? Ankaufprogramme der EZB ohne Limits? Eine europäische Arbeitslosenversicherung? Neue EU-Budgets? Eine europäische Bankenunion mit einem viel zu kleinen Minifonds ist schon sicher, der EFSF und der ESM stützen Staaten und rekapitalisieren Banken (spanische Banken). Die Eurozone entwickelt sich zu einer Transfer-, Haftungs- und Verschuldungsunion. Minizinsen erfreuen den deutschen Sparer. Wie lautete der Wahlslogan der CDU zur Europawahl im Jahre 1999? MÜSSEN WIR FÜR DIE SCHULDEN ANDERER EUROSTAATEN HAFTEN? Ein ganz klares NEIN! Eine Lüge, wie man heute erkennen kann. Die derzeitigen Wahlplakate, die man überall finden kann, groß, bunt und schöne Motive, erzählen wieder ein schönes Euromärchen. Die SPD sitzt im gleichen Boot wie die CDU/CSU. Die EZB wird wiederum eingreifen müssen, massiv, umfassend und auf lange Sicht. Viele Eurostaaten stecken einfach zu tief im Eurosumpf, eine grundlegende Neuausrichtung und Neuordnung der Eurozone ist nicht zu erwarten, Griechenland ist dafür seit 2010 ein gutes Anschauungsbeispiel. Die Europolitik bleibt auf der politischen Bühne das zentrale Dauerthema. Wir befinden uns auf einem guten Weg, so das Statement aus Berlin!
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