Facebook, Yahoo, Netflix Bezahlter Mutterschutz wird zum Trend im Silicon Valley

Bei der Auszeit für Eltern sind die USA beschämend unmodern: ein guter Mutterschutz? Fehlanzeige. Bezahlte Elternzeit? Kaum denkbar. Nun will das Silicon Valley daran etwas ändern - ausgerechnet die Branche, die als arbeitssüchtig gilt.

Yahoo-Chefin Mayer: Gutes Vorbild? Schlechtes Beispiel?
AFP

Yahoo-Chefin Mayer: Gutes Vorbild? Schlechtes Beispiel?

Von , New York


Als ob Marissa Mayer nicht genug Sorgen hätte. Seit mehr als drei Jahren kämpft die Yahoo-Chefin darum, den Internetriesen zu retten. So will sie Yahoos Anteile am chinesischen Web-Giganten Alibaba abstoßen, um bis zu 24 Milliarden Dollar in die Kasse zu spülen. Doch die US-Steuerbehörde IRS blockiert den Plan.

Im Silicon Valley haben sie aber sowieso nur ein ganz anderes Gesprächsthema: Mayers erneute Schwangerschaft.

Mayer - die 2012, zweieinhalb Monate nach ihrem Einstieg bei Yahoo, einen Jungen zur Welt gebracht hatte - erwartet Zwillinge. Trotzdem wolle sie nur begrenzt in Mutterschutz gehen und "während der Schwangerschaft durcharbeiten", schrieb die 40-Jährige auf ihrem Tumblr-Blog: "Es gibt viel zu tun, für meine Familie und für Yahoo. Beides wird harte Arbeit und umsichtige Prioritätensetzung erfordern."

Mayers "Mikro-Mutterschutz", wie die Spötter es nennen, sorgt für Aufruhr. Die einen kritisieren Mayers Spagat zwischen Firma und Familie als "Schwachsinn" ("Daily Beast") und Beispiel für eine "Rund-um-die-Uhr-Arbeitskultur" ("New York Times"), die Frauen schade. Die anderen loben, dass sie sexistische Erwartungen enttäusche: Männer müssten sich so was erst gar nicht fragen lassen, stellt "Fortune" fest.

Speerspitze einer Bewegung

Mit ihrer arg kurzen Abwesenheit steht Mayer, die schon 2012 nur zwei Wochen Mutterschutz nahm, im Widerspruch zu den hauseigenen Regelungen - und zum aktuellen Trend im Silicon Valley. Denn dort weitet gerade ein Tech-Konzern nach dem anderen die - in den USA bisher kaum existierende - Elternzeit aus, als Speerspitze einer Bewegung, die auf die ganze US-Wirtschaft abfärben könnte.

Nicht zuletzt Yahoo: Bereits 2013 führte es 16 Wochen bezahlten Mutterschutz ein und acht Wochen für Väter - und legte noch 500 Dollar für Baby-Ausgaben drauf: Damit wolle man, so hieß es, "das Glück und Wohlergehen der Yahoos und ihrer Familien" gewährleisten.

Obwohl sich US-Präsident Barack Obama gerne als Fürsprecher der Frauen geriert, etwa durch seine Initiative zur Lohngleichheit, hinkt Amerika weltweit hinterher, was Eltern am Arbeitsplatz angeht. Einer Uno-Studie zufolge sind die USA der einzige Industriestaat, der keinen landesweiten Mutterschutz bietet - von Elternzeit für Väter ganz zu schweigen. Nur zwei andere Länder verweigern das: Oman und Papua-Neuguinea.

In Deutschland haben beide Eltern Anspruch auf bis zu drei Jahre Elternzeit - plus ein Jahr Elterngeld (65 bis 67 Prozent des letzten Nettogehalts). Hinzu kommt das neue, flexible Elterngeld Plus.

Junge Mütter sind begehrt

In den USA - wo Arbeitnehmerrechte wenig zählen und der normale Jahresurlaub im Schnitt zehn Tage beträgt - waren solche Leistungen lange undenkbar. Der bis heute gültige Family and Medical Leave Act von 1993 garantiert höchstens zwölf Wochen Elternzeit - unbezahlt.

Das will eine neue Generation von Unternehmern nun aber ändern - angeführt vom sonst als eher arbeitssüchtig geltenden Silicon Valley.

  • Netflix erlaubt jungen Eltern neuerdings, den Job bis zu einem Jahr ruhen zu lassen.

  • Bei Microsoft bekommen beide Elternteile ab November zwölf Wochen voll bezahlten Elternschutz, Mütter haben die Option auf weitere acht Wochen.

  • Google gewährt Müttern 18 Wochen bezahlten Elternurlaub und Vätern 12 Wochen, plus 500 Dollar Extra.

  • Twitter hat den bezahlten Mutterschutz jetzt sogar auf 20 Wochen aufgestockt. Väter dagegen bekommen für ihre Elternzeit bisher nur die Hälfte.

  • Die Arbeitnehmer von Facebook und dessen Foto-Site Instagram haben Anspruch auf 17 Wochen bezahlte Elternzeit, plus 4000 Dollar "Baby-Cash". Offen ist, ob Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und Ehefrau Priscilla Chan das in Anspruch nehmen werden: Auch sie erwarten ihr erstes Baby.
    Priscilla Chan und Mark Zuckerberg: Werden auch sie die 4000 Dollar "Baby-Cash" von Facebook einstreichen?
    AP

    Priscilla Chan und Mark Zuckerberg: Werden auch sie die 4000 Dollar "Baby-Cash" von Facebook einstreichen?

Die Konzerne tun das aber kaum aus plötzlicher Großzügigkeit. Die Millenniumgeneration, die in Amerikas Wirtschaft hineinwächst, hat höhere Ansprüche, nicht nur was Gleichberechtigung angeht. Vor allem im Silicon Valley ist die Konkurrenz um neues Personal groß - und am Ende siegt, wer diesen Anforderungen am besten gerecht wird.

"Die USA mögen bei familienfreundlichen Leistungen hinterher sein", sagte Julie Sweet, die Nordamerika-Chefin der Beratungsfirma Accenture, der "New York Times". "Aber das ändert sich, weil wir alle um Talente kämpfen." Will heißen: Junge Mütter sind begehrt.

Das merken auch andere Konzerne: Die Wall-Street-Bank Goldman Sachs verdoppelte ihre Elternzeit für Väter jetzt, immerhin - auf vier Wochen.



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insgesamt 10 Beiträge
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keksguru 10.09.2015
1. Arbeitnehmerrechte...
sind in den USA dramatisch erodiert. Als mein Onkel vor 60 Jahren dort eingewandert ist und seinen ersten Arbeitstag hatte, haben erstmal pauschal alle Arbeiter auf der Baustelle die Arbeit niedergelegt weil er nicht in der "Union", in der Gewerkschaft war. Das hat er dann ganz schnell nachgeholt... ich hab mit ihm telefoniert als ich Ende der 90er Jahre nen Jobangabot in St Paul hatte.... 90.000 $ pa und 4 Wochen Urlaub klangen erstmal verheißungsvoll, nur das war ein Brutto ohne jegliche Sozialabgaben und der Arbeitgeber bezahlt weder 50% für den Rentenfonds noch 50% für die Krankenkasse. 60 Stunden Arbeit, Reisezeit unbezahlt, Samstage und Sonntage ohne Zuschläge oder Freizeitausgleich ließen das Gehalt dann in einem anderen Licht stehen... ich stamme aus einem dunkelrotem Elternhaus, und mach lieber meine 80K in Deutschland als 150k in den USA...
kwilliams 10.09.2015
2. Wo sind die Kinder?
Und weil, vor allem in Deutschland, alles so fantastisch ist bekommen die Deutschen auch so unheimlich viele Kinder....
susanne.heinlein 10.09.2015
3. Elternzeit und Elterngeld
Naja, hört sich erstmal auch für Deutschland wesentlich besser an als es dann in der Realität aussieht. Elternzeit von 3 Jahren + Elterngeld für 14 Monate hören sich für Nichteingeweihte nach einer sehr guten Unterstützung an. Tatsächlich heißt dies 3 Jahre Jobgarantie, falls man unbefristet eingestellt wurde, davon können beide Elternteile zusammen 14 Monate finanzielle Unterstützung erhalten. Über die 14 Monate hinaus muss man sich also erstmal finanzieren können, falls man die Elternzeit in Anspruch nehmen will. In Städten wie München kann man, wenn überhaupt, nur bezahlbare Betreuungsplätze zum September eines Jahres finden. Wenn dies zufälligerweise nicht gerade mit dem Geburtstermin übereinstimmt, hat man Pech gehabt.
#9vegalta 10.09.2015
4.
Die zitierten Unternehmen haben zunächst mal das Geld um solche Leistungen bieten zu können. Das sieht in vielen anderen Branchen ganz anders aus. Da hat die "Milleniumsgeneration" auch nicht viel zu sagen. Im Billiglohnsektor sind auch die 10 Tage Urlaub noch Luxus. Übrigens kann man, je nach Unternehmen, nach 10 Jahren Zugehörigkeit auch 20 Tage bekommen. Interessant an D ist übrigens dass ausländische Arbeitnehmer, die als Expats für beschränkte Zeit hier für Ihre Firma arbeiten, nicht unbedingt dem deutschen Arbeitsrecht unterliegen, sondern dem des Heimatlandes.
charlyspiegel 11.09.2015
5. Silicon Valley gibt's schon lange
und nun hat man's auch hier entdeckt. Lach mich tot. SUN, Cisco, Apple (+) whatever haben immer versucht, mit besonderem Mitarbeiter anzulocken. Campus, Kindergarten, Fitness-Studio. Vor Kurzem wurden Frauen belohnt, wenn sie nicht in Mutterschaft gingen, nun, wenn sie gehen. Ist eigentlich nicht so extra, ausser man hats nun hier auch entdeckt. Lach mich tot ABER: man könnte davon lernen, wie man Mitarbeiter bindet/anlockt
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