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Fachkräftemangel: Firmen werben gezielt um Migranten

Von Jan Willmroth und

Es wird bunt in der deutschen Wirtschaft: Unternehmen setzen gezielt auf das Know-how von Mitarbeitern mit ausländischen Wurzeln. Die Betriebe widerlegen damit Thilo Sarrazins These von angeblich unnützen Migranten - viele Firmen schmücken sich gar mit ihrem Multikulti-Image.

Integration: Migranten in deutschen Firmen Fotos
Die PR-Berater

Hamburg - In dem Kölner Büro der Agentur Die PR-Berater klingelt das Telefon. Eine Mitarbeiterin hebt ab: "Die PR-Berater, Gonca Mucuk-Edis am Apparat", sagt sie. Als sie am anderen Ende die Stimme des Gesprächspartners hört, wechselt sie in eine andere Sprache. "Merhaba, nasilsin?", erkundigt sie sich wie selbstverständlich auf Türkisch nach dem Befinden des Kunden.

Gonca Mucuk-Edis ist Beraterin. Sie ist Deutsche, ihre Eltern aber stammen aus der Türkei. Für Mucuk-Edis ist es daher normal, zwischen den Sprachen und Kulturen hin- und herzuwechseln - auch am Telefon. "Meiner Herkunft habe ich meinen Job zu verdanken", sagt sie. Damit ist sie nicht allein: Zehn ihrer 19 Kollegen haben ausländische Wurzeln - neben türkischen auch indische, japanische, koreanische, kasachische, niederländische, portugiesische, kroatische oder griechische. "Diese Vielfalt ist es, von der wir leben", sagt Agenturchef Thomas Müller. Denn seine Kunden kommen aus der ganzen Welt.

Das Beispiel der PR-Berater wirkt außergewöhnlich - ist es aber nicht. Neben der Kölner Agentur setzen viele weitere Firmen in Deutschland auf multikulturelles Personal. "Beim Mittelstand bis hin zu den großen Konzernen ist das Thema auf der Agenda angekommen", sagt Hans Jablonski. Der Globalisierung sei Dank.

Der Unternehmensberater weiß, wovon er spricht. Er hat jahrelang bei Ford in Köln den Bereich "Diversity Management" geleitet. Zu seinen Aufgaben in dem US-Autokonzern gehörte es dabei auch, auf eine ausgewogene Mischung der Kulturen zu achten - und sie für die tägliche Arbeit zu nutzen. Für einen weltweit agierenden Konzern ist das ein Muss. Aber auch andere Unternehmen könnten es sich heute nicht mehr leisten, auf Mitarbeiter mit ausländischen Wurzeln zu verzichten, sagt Jablonski.

2030 hat die Hälfte der Großstadtbewohner ausländische Wurzeln

Starke Zahlen stützen seine These - wenn auch aus anderen Gründen: Bereits heute haben laut Heinrich-Böll-Stiftung in vielen Großstädten 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung ausländische Wurzeln. 2030 dürften es bis zu 50 Prozent sein, bei jungen Menschen gar bis zu 60 Prozent. Hinzu kommt der gravierende Fachkräftemangel, der sich in zahlreichen Sparten bereits jetzt bemerkbar macht. Angesichts des demografischen Wandels dürfte die Not der Firmen noch stark zunehmen.

Wie wichtig ausländische Mitarbeiter und solche mit Migrationshintergrund sind, haben auch die 30 großen Konzerne Deutschlands begriffen, die im Dax notiert sind. Vor wenigen Jahren war das noch anders. "Im Jahr 2006 wusste keiner, was Diversity Management überhaupt ist", sagt Berater Jablonski. In den USA hingegen begreife man die Vielfalt schon sehr lange als Chance.

Vor diesem Hintergrund muss es für Peter Löscher ein Schock gewesen sein, als er 2007 als neuer Chef zu Siemens Chart zeigen nach München wechselte. Der Österreicher hatte zuvor viele Jahre in den USA gearbeitet. Entsprechend äußerte er sich ein Jahr nach seinem Amtsantritt in einem Zeitungsinterview. "Unsere 600 Spitzenmanager sind überwiegend weiße deutsche Männer. Wir sind zu eindimensional." Dabei sei es ein gewaltiger Vorteil, den internationalen Kundenstamm abbilden zu können, sagte Löscher weiter. Siemens macht rund 80 Prozent seiner Geschäfte im Ausland.

Oder das Beispiel Henkel. Der Konzern hat seit 2007 ein "Global Diversity & Inclusion Management" mit dem Ziel, die interkulturelle Vielfalt zu fördern. Für einen Konsumgüterhersteller wie Henkel Chart zeigen sei es logisch, auf ausländische Mitarbeiter zu setzen, sagt Anke Meier, die die Abteilung leitet. "Der kulturelle Hintergrund unserer Leute hilft uns zu verstehen, was unsere Kunden in anderen Ländern wollen", sagt sie. Wie viele der weltweit rund 50.000 Henkel-Mitarbeiter Ausländer sind oder einen Migrationshintergrund haben, kann der Konzern jedoch nicht sagen. Gleiches gilt für Siemens.

2007 gründeten prominente Konzerne die "Charta der Vielfalt"

Um ein Zeichen in puncto Multikulti-Personal zu setzen, haben Henkel und Siemens "Die Charta der Vielfalt" unterzeichnet, ein Bündnis von mehr als 800 Unternehmen und Einrichtungen in Deutschland, das die ethnische Vielfalt in Unternehmen fördern soll. Der Sinn der Charta war bei ihrer Gründung im Jahr 2007 zunächst, Unternehmen das Thema bewusst zu machen und eine einheitliche Linie zu erreichen, sagt Berater Jablonski. "Die Charta ist derzeit der kleinste gemeinsame Nenner."

Trotzdem machen die vielen prominenten Unterzeichner der Charta - dazu gehören die Telekom Chart zeigen, die Deutsche Bank, BP Deutschland und viele andere - deutlich: Migranten im Unternehmen zu beschäftigen, ist nicht nur profitabel, sondern auch schick, es verleiht den Firmen ein weltoffenes Image. "Die Personalrekrutierung von Mitarbeitern mit anders klingenden Namen ist auch Geschäftspolitik", sagt Thomas Müller, Chef der Agentur Die PR-Berater.

Und dennoch: Heile Welt herrscht in den Unternehmen nicht. Hunderttausende ausländische Akademiker leben in Deutschland - und können nicht arbeiten, weil die Behörden ihre Abschlüsse nicht anerkennen. Und bis nach ganz oben haben es ohnehin die wenigsten Ausländer geschafft. Dies zeigt ein Blick auf die Dax-Konzerne: Von 185 Vorstandsmitgliedern sind gegenwärtig nur 52 Ausländer. Knapp die Hälfte von ihnen kommt aus den USA und Österreich (siehe Grafik in der Fotostrecke oben).

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 193 Beiträge
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1. Super
Frank Wagner, 07.09.2010
erst wird das Bildungssystem systematisch an die Wand gefahren, dann die Bevölkerung mit Privatfernsehen verblödet und dann wundert man sich,das man nicht genügend Fachkräfte findet. Ist ja eh viel billiger sie zu importieren. Das hat auch den Vorteil, das es die Herkunfstländer im Wettbewerb schwächt.
2. Schmückende Leuchttürme
Kontrastprogramm 07.09.2010
Zitat von sysopEs wird bunt in der deutschen Wirtschaft: Unternehmen setzen gezielt auf das Know-How von Mitarbeitern mit ausländischen Wurzeln. Die Betriebe widerlegen damit Thilo Sarrazins These von angeblich unnützen Migranten - viele Firmen schmücken sich gar mit ihrem Multikulti-Image. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,715551,00.html
Nun, die PR-Firma sucht schmückende Fachkräfte. Aber wer sucht den Rest, mit dem man sich nicht so opportun schmücken kann? http://www.welt.de/politik/deutschland/article7222075/Tuerken-sind-die-Sorgenkinder-der-Integration.html
3. ...
neuroheaven 07.09.2010
das eine bedingt das andere. wenn ich einem land viele ausländer leben und man wirtschaftlich erfolgreich sein will, muss man auch diese gruppen bedienen können. das hat aber nichts mit dem persönlichen empfinden des einzelnen zu tun. von daher sehe ich den artikel als an den haaren herbeigezogen an.
4.
geishapunk, 07.09.2010
Zitat von sysopEs wird bunt in der deutschen Wirtschaft: Unternehmen setzen gezielt auf das Know-How von Mitarbeitern mit ausländischen Wurzeln. Die Betriebe widerlegen damit Thilo Sarrazins These von angeblich unnützen Migranten - viele Firmen schmücken sich gar mit ihrem Multikulti-Image. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,715551,00.html
Nein, das tun sie nicht, denn um diese Migranten geht es einem T.S. doch überhaupt nicht. Eine weitere mediale Nebelkerze... =_=
5. .
Lyric 07.09.2010
Zitat von sysopEs wird bunt in der deutschen Wirtschaft: Unternehmen setzen gezielt auf das Know-How von Mitarbeitern mit ausländischen Wurzeln. Die Betriebe widerlegen damit Thilo Sarrazins These von angeblich unnützen Migranten - viele Firmen schmücken sich gar mit ihrem Multikulti-Image. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,715551,00.html
Super. Drei Beispiele zur Widerlegung herauszupicken ist wohl kaum schwer. Es geht aber um die bildungsfernen Fälle. Und davon gibt es wohl unbestitten ausreichend viele für eine intensive Debatte. Wie man sieht.
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