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28. August 2018, 07:58 Uhr

Greenpeace-Studie

Deutsche Städte investieren nur wenig in sichere Radwege

Radfahrer riskieren in deutschen Städten oft Kopf und Kragen. Schuld daran sind laut einer Greenpeace-Studie zu niedrige Investitionen in sichere Infrastruktur. Eine süddeutsche Metropole ist besonders geizig.

Deutschlands Städte investieren vergleichsweise wenig in einen sicheren Radverkehr. Das zeigt eine Kurzstudie von Greenpeace. Der Umweltverband hat die öffentlichen Haushalte der sechs größten deutschen Städte Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt und Stuttgart untersucht. Diese gaben demnach pro Kopf und Jahr folgende Beträge für den Radverkehr aus:

Andere europäische Städte investieren deutlich mehr: In Amsterdam sind es laut Greenpeace 11 Euro pro Kopf und Jahr, in Kopenhagen 35,60 Euro. Norwegens Hauptstadt Oslo gibt 70 Euro pro Einwohner und Jahr für den Radverkehr aus, das niederländische Utrecht gar 132 Euro.

Auf Bundesebene sehe es kaum besser aus, schreibt die Umweltorganisation: Von den insgesamt fast 28 Milliarden, die dem Verkehrsministerium zur Verfügung stünden, flössen nur rund 0,5 Prozent in den Radverkehr.

Mehr als ein tödlicher Fahrradunfall pro Tag

Die Sicherheitslage für Radfahrer im Straßenverkehr ist entsprechend schlecht. Laut Statistischem Bundesamt sind in Deutschland im vergangenen Jahr 382 Fahrradfahrer bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen, 79.000 wurden verletzt.

Während die Zahl der Verkehrstoten insgesamt zwischen 2010 und 2017 um 13 Prozent sank, blieb die Zahl der tödlich verunglückten Radfahrer nahezu konstant. Seit 2011 wurden laut Statistischem Bundesamt bei Verkehrsunfällen innerhalb von Ortschaften jedes Jahr mehr Radfahrer als Autofahrer getötet.

Verkehrsexperten kritisieren seit Langem die nun auch von Greenpeace thematisierten Mängel bei der Infrastruktur. Viele Radspuren in deutschen Städten sind schmal und baulich nicht vom Autoverkehr getrennt. Radfahrer sind in vielen Fällen direkt auf der Fahrbahn unterwegs. Falsch geparkte Autos blockieren teils die Radwege. Autotüren werden oft zum Radweg hin geöffnet.

Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Sinus fühlen sich 85 Prozent der Radfahrer unsicher, wenn sie ohne eigene Markierung mit Autos und Lkw gemeinsam auf einer Fahrspur unterwegs sind. In anderen europäischen Städten sind Radwege bereits seit vielen Jahren vom übrigen Verkehr abgetrennt.

Radfahren: unattraktiv

Radfahren in deutschen Städten - so das Fazit der Greenpeace-Studie - ist mangels geeigneter Infrastruktur meist stressig, unbequem und gefährlich. Im internationalen Vergleich tun sich entsprechend wenig Pendler diese tägliche Belastung an.

Der Anteil der Radfahrer am bundesweiten Verkehrsaufkommen ist zwischen 2002 und 2017 nur von neun auf elf Prozent gestiegen. In den Niederlanden liegt der Anteil mittlerweile bei 31 Prozent. Gleichzeitig verunglückten Radfahrer dort etwa zehnmal seltener.

"Die Bundesregierung muss Geld bereitstellen, damit Menschen mit dem Rad künftig sicher durch die Stadt kommen", sagte Greenpeace-Verkehrsexpertin Marion Tiemann. Dann würden sicher bald viele Pendler umsatteln. Etwa die Hälfte der mit dem Auto zurückgelegten Wege seien kürzer als fünf Kilometer.

Bis zu 30 Prozent aller Pkw-Fahrten in Ballungszentren lassen sich laut Umweltbundesamt auf das Fahrrad verlagern. Das würde enorm dabei helfen, die Verkehrs- und Luftprobleme der Städte zu lösen.

Video: Verkehrserziehung? - Englands meistgehasster Radfahrer

ssu

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