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Faire Landwirtschaft: Renitente Bauern gründen eigenes Milchlabel

Von Nils Klawitter

Sie kämpfen für faire Preise - und nehmen die Vermarktung deshalb selbst in die Hand: Die Landwirte des rebellischen Milchbauernverbands BDM bringen ihre eigene Milch in die Regale. Die kostet kaum mehr als von anderen Erzeugern, soll den Produzenten aber ein ausreichendes Auskommen ermöglichen.

BDM-Milch mit Logo: Eigenes Label für faire Milch Zur Großansicht
MVS

BDM-Milch mit Logo: Eigenes Label für faire Milch

Hamburg - T-Shirts gibt es hierzulande für 2,99 Euro, 500 Gramm Reis kosten 49 Cent. Den Liter H-Milch gibt es inzwischen für unter 50 Cent. Im Einzelhandel, heißt es, tobe "der größte Preiskrieg aller Zeiten".

Doch was für den Verbraucher auf den ersten Blick lohnend erscheint, bringt die Produzenten in die Bredouille - und keiner steht dabei so im Fokus wie die deutschen Milchbauern. Die kämpfen seit Monaten um existenzsichernde Mindestpreise und haben es geschafft, dass sich die großen Lebensmittelkonzerne inzwischen für ihre Preispolitik rechtfertigen müssen. Die bieten deshalb immer häufiger regionale und vermeintlich fair gehandelte Produkte an. Zuletzt lancierte Lidl das Label "Ein gutes Stück Heimat", unter dem der Discounter Milch, Joghurt und Butter aus bayerischer Produktion anbietet.

Romuald Schaber aber hält die Aktion für eine "Mogelpackung". Schaber ist Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM), der rebellischen Gegenbastion zum alteingesessenen Bauernverband. Die Lidl-Initiative, so Schaber, sei "völlig einseitig". Die Bauern müssen gegenüber dem Discounter ihre Fütterung dokumentieren und auf gentechnisch veränderte Futtermittel verzichten - allerdings ohne eine feste Preiszusage für ihre Milch.

Milch von "Faironika"

Lange, vielleicht etwas zu lange, hat der BDM derlei Initiativen zugesehen. Seit einigen Tagen aber steht nun das eigene Milch-Label in den Regalen - vorerst in 300 Tegut und 1200 Rewe-Filialen in Süddeutschland. 99 Cent kostet die Vollmilch, die Magermilch ist zehn Cent günstiger - und garantiert gentechnikfrei soll sie sein.

Auf den Packungen prangt das Rind der Rebellen, die schwarz-rot-goldene "Faironika", das Maskottchen der Streikbewegung der vergangenen zwei Jahre. Geliefert wird hauptsächlich von knapp 150 Bauern der Milchvermarktung Süddeutschland (MVS), einer BDM-nahen Liefergemeinschaft aus Freising in Bayern, die sich in den vergangenen Monaten mehr schlecht als recht mit Lieferungen nach Italien durchgeschlagen hat. Denn monatelang suchte MVS-Geschäftsführer Jakob Niedermeier für das Projekt der fairen Milch nach einer Molkerei in Bayern - gefunden hat er keine. Große Teile der Milchwirtschaft in Bayern reagieren auf den BDM immer noch wie auf einen Aussätzigen. Nun muss die Milch erstmal nach Südhessen gefahren werden, zur Molkerei Schlüchtern, wo sie verarbeitet und verpackt wird.

Für den Handelsriesen Rewe ist die Milch dagegen interessant - passt sie doch zum Streben des Konzerns nach mehr Nachhaltigkeit. Man habe sich für die BDM-Milch entschieden, "weil am nachvollziehbarsten war, dass das Premium auch beim Bauern ankommt", sagt ein Konzernsprecher.

Denn anders als viele Molkereien beginnt die MVS ihre Preiskalkulation tatsächlich beim Bauern. 40 Cent pro Liter soll der vom Erlös bekommen. Dass das funktionieren kann, beweist die Upländer Bauernmolkerei im hessischen Willingen, die ihren Bio-Bauern seit Jahren Spitzenpreise für die Milch zahlt. 1994 hatten ein paar Bauern die Molkerei übernommen. Das Projekt schien chancenlos. Inzwischen ist die Molkerei so erfolgreich, dass ihre Bauern nun sogar dem BDM-Projekt mit ihrer Milch Starthilfe geben.

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1. Müssen die sich so nennen?
jberner 18.01.2010
BDM (Bund Deutscher Mädel) = Nazi-Gegenstück für Mädchen zur HJ (Hitlerjugend) Und dann noch die Nationalfahne auf der Packung: So vergraulen die zuverlässig diejenigen, die ihrem Anliegen aufgeschlossen sind, aber mit Deutschtümelei nichts am Hut haben wollen.
2. ..
aintnostyle 18.01.2010
finde ich föllig i.O. die müssen auhc von irgendwas leben. und selbst wenn man auf jeden cent in der geldbörse achten muss sind das noch stemmbare preise. warum also nicht? kleiner bonus ist ja auch "gentechnikfrei" und es kommt aus heimischen landen...
3. bravo
JocMet1967 18.01.2010
...kann man da nur sagen. Kommt einem vor, wie ein Fairtrade-Label fuer Produkte aus der 3. Welt. Schade nur, dass sowas hierzulande notwendig ist, um der Gier der Zwischenhaendler und der Preisdrueckerei der Konzerne ein Schnippchen zu schlagen.
4. Die Verbraucher sollen für die Ineffizienz der Bauern zahlen!?
cruxxx 18.01.2010
Milch lässt sich in Deutschland sehr gut für 30 Cent produzieren. Problem ist nur, dass sich die große Mehrzahl der Milchbauern über viele Jahrzehnte hinter hohen Subventionen und die Milchquote versteckt haben, sich nicht anpassten und heute von den Verbrauchern erwarten, dafür die Zeche zu zahlen...
5. von wegen
stiffmaster1976 18.01.2010
Nachdem ich quasi schon mit Steuergeldern über die europäische Union mit Milliarden (also nicht ich alleine wir alle natürlich)die Landwirtschaft subventioniere soll ich auch noch freiwillig was abdrücken ? Die armen, armen Bauern ! Gibt es auch schon eine Spendenhotline ? Sonst gelten doch bei uns überall die Gesetze des Marktes, warum nicht bei den Bauern ?
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Milchboykott: So haben die Bauern protestiert

Diese Milch gibt es im Supermarkt
Rohmilch
Diese Milch kommt nahezu direkt aus dem Euter in die Milchkanne. Da Rohmilch aber nicht mit Hitze behandelt wurde, enthält sie mehr Keime als abgekochte Milch und muss innerhalb von einem Tag verkauft werden. Für Rohmilch gelten zudem höhere Hygienestandards als für Milch, die in einer Molkerei verarbeitet wird.
Frischmilch
Nach halbminütigem Erhitzen bei höchstens 75 Grad bleibt eine ungeöffnete Packung Frischmilch im Kühlschrank rund zehn Tage haltbar. Durch die Verarbeitung werden Krankheitserreger abgetötet, die in der Rohmilch noch enthalten sind. Frischmilch sollte nach dem Öffnen innerhalb von drei Tagen verbraucht werden. Sie wird wie alle anderen Sorten auch mit einem reduzierten Fettgehalt oder als Bioprodukt angeboten.

ESL-Milch
ESL steht für Extended Shelf Life (länger haltbar im Regal). Sie wird auf über 120 Grad erhitzt oder mikrofiltriert, also besonders fein gefiltert. Die Milch ist an ihrem langen Haltbarkeitsdatum von bis zu drei Wochen und Hinweisen wie "länger frisch" zu erkennen. Hinsichtlich ihrer Inhaltsstoffe ist ESL-Milch laut Experten genauso vollwertig wie herkömmliche Frischmilch. Verbraucher müssen aber entscheiden, ob sie vorgekochte Milch noch als frisch empfinden. Zudem kann die ESL-Milch durch das Erhitzen einen leichten Kochgeschmack haben. Auch Biomilch kann ESL-Milch sein.

H-Milch
Ungeöffnet kann H-Milch bei Zimmertemperatur bedenkenlos bis zu drei Monate lang gelagert werden, da sie in der Verarbeitung kurz bis zu 150 Grad erhitzt wird. Dabei können bis zu einem Fünftel der in Milch enthaltenen Vitamine verloren gehen. Auch das Eiweiß in der Milch verändert sich, dadurch wird H-Milch allerdings etwas bekömmlicher.

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