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Ex-Sträfling Josef Müller: "Dann wird es Nacht, die Tür fällt zu, du bist allein"

Ein Interview von

Josef Müller: Ex-Sträfling und Münchner Millionär Fotos
Brunnen Verlag Basel

Wie fühlt sich das an, wenn man erfolgreich ist, reich - und plötzlich dreht sich das Leben um 180 Grad? Josef Müller hat es erlebt. Wegen Steuerhinterziehung und anderer Delikte musste der Münchner Millionär ins Gefängnis. In die JVA Landsberg, wie Uli Hoeneß.

SPIEGEL ONLINE: Herr Müller, Sie waren Millionär und eine Größe in der Münchner Gesellschaft, dank Anlagebetrug und Steuerhinterziehung. 2005 kam der Absturz. Öffentliche Schmähung. Knast. Uli Hoeneß ergeht es gerade ähnlich. Was raten Sie ihm für seine Zeit im Gefängnis?

Müller: Er kann das durchstehen. Das Schlimmste ist gar nicht der Freiheitsentzug, sondern die öffentliche Vernichtung. Der Spott, die Häme. Da sollte Hoeneß weghören, sonst zerbricht er.

SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie die Strafe für Hoeneß?

Müller: Gerecht. So wie ich damals zu Recht büßen musste.

Zur Person
  • Brunnen Verlag Basel
    Für die Münchner Schickeria war Josef Müller ein Geheimtipp, viele legten bei ihm ihr Geld an. Sie ahnten nicht, dass der querschnittsgelähmte Starnberger Steuerberater ein Betrüger war. 1994 wurde Müller zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, unter anderem wegen Steuerhinterziehung. Er musste die Strafe nie antreten, Haftverschonung wegen Behinderung. Müller zockte weiter - und flog erneut auf. Ab 2007 verbrachte er fünfeinhalb Jahre in Haft, unter anderem in der JVA Landsberg, in die nun auch Uli Hoeneß muss. Müller ist inzwischen überzeugter Christ, er bezeichnet sich als geläutert. Seine Lebensgeschichte (Titel: "Ziemlich bester Schurke") ist im Brunnen Verlag Basel erschienen.
SPIEGEL ONLINE: Einen Teil Ihrer Haft verbrachten Sie in der JVA Landsberg, in die höchstwahrscheinlich auch Hoeneß muss. "Bayerisches Alcatraz", wird sie manchmal genannt. Oder auch "Hitler-Knast", weil der Nazi-Diktator dort einmal eingesperrt war. Klingt hart.

Müller: Klingt härter, als es ist. Ich war fünf Jahre und vier Monate in Haft und habe keinen einzigen Übergriff gesehen, geschweige denn selbst erlitten. Nicht mal in Straubing, wo mehrfache Gewaltverbrecher ihre Strafe absitzen. Und in Landsberg schon gar nicht. In Landsberg sitzen die Ersttäter, es herrscht ein meistens lockerer Strafvollzug.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach Kuschelknast.

Müller: Knast ist nie kuschelig. Aber der Schwerpunkt liegt in Landsberg klar auf Resozialisierung. Dort sitzen keine harten Jungs, sondern vor allem Wirtschaftskriminelle und Anwälte.

SPIEGEL ONLINE: Im Gefängnisportal "Knast.net" loben Ex-Insassen die JVA Landsberg. Es gebe "interessante Freizeitbetätigungen", die Knastküche sei "eine der besten Deutschlands". Können Sie das bestätigen?

Müller: Man wird in Landsberg immer gut behandelt. Auch das Essen war gut. So musste ich nie etwas von außen bestellen.

SPIEGEL ONLINE: Moment - man kann im Gefängnis Pizza bestellen?

Müller: Nein, ganz so einfach ist das nicht. Nur ausgewählte Restaurants liefern Essen, ordern muss es der Wärter. Den Häftling kostet das eine Bearbeitungsgebühr. Es ist alles etwas umständlich und wird von den Wärtern nicht gerne gesehen. Wie gesagt: Ich hab das nie gemacht. Auch weil das Essen so gut war.

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SPIEGEL ONLINE: Das klingt jetzt fast so, als wollten Sie zurück in die JVA Landsberg.

Müller: Ganz bestimmt nicht. Im Gefängnis zu sitzen ist schrecklich. Ich weiß noch, wie am ersten Tag meiner Haft die Tür hinter mit zufiel. Sie hatte von innen keine Klinke. Ich fühlte mich ohnmächtig. Ich dachte: "Was, wenn es jetzt brennt?"

SPIEGEL ONLINE: Was war das Schlimmste für Sie?

Müller: Der Statusverlust. Ähnlich wie Hoeneß hatte ich mein Leben lang bestimmt, was gemacht wird. Ich, das Alpha-Tier. Dann, plötzlich, musste ich nach der Pfeife eines Aufsehers tanzen, der vielleicht halb so alt war wie ich und der mich von oben herab behandelte.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich das angefühlt?

Müller: Erst wirst du wütend. Dann verstehst du, dass du ein Mensch einer anderen Kategorie geworden bist. Dann wird es Nacht, die Tür fällt wieder zu, und du bist allein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben viel gegrübelt?

Müller: Jede Nacht. Das war hart. Es ist leicht zu akzeptieren, dass du das Gesetz gebrochen hast. Aber es dauert sehr lange, bis du dich deinem nackten Ego stellst. Bis du verstehst, warum du so geworden bist. Warum du ein Verbrecher bist. Daran zerbrechen viele.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Menschen getroffen, die daran zerbrochen sind?

Müller: Ich hatte mal einen Siemens-Manager mit auf der Zelle, er war für den Schmiergeldskandal mitverantwortlich. Ein einst mächtiger Mann, nun saß er da, auf der Bettkante, und hatte Weinkrämpfe.

SPIEGEL ONLINE: Und bei Ihnen? Was war Ihre Erkenntnis?

Müller: Ich habe verstanden, warum ich nie zufrieden war. Selbst als ich 40 Millionen Euro auf dem Girokonto hatte. Ich war nie zufrieden, nie glücklich. Ich musste es immer allen beweisen, in allen Lebenssituationen topp sein.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Müller: Ich fühlte mich unangreifbar. Ich wurde zu meinem eigenen Gott. Ich dachte: Was kann mir die Justiz?

SPIEGEL ONLINE: Als Sie ins Gefängnis mussten, waren Sie in der Münchener Schickeria berühmt. Die Presse berichtete über Ihren Fall. Hat das geholfen?

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Müller: Ja, prominent zu sein, hilft in der Haft. Die Justiz hat großes Interesse, sich in der Öffentlichkeit gut darzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Sie steht aber öffentlich nicht gut da, wenn man denkt, im Knast seien manche gleich und andere gleicher.

Müller: Das ist den Behörden im Zweifel immer noch lieber, als wenn es plötzlich heißen würde, die bayerische Strafjustiz sei ein fürchterlicher Ort.

SPIEGEL ONLINE: Welche Privilegien hatten Sie?

Müller: Ich hatte zwischenzeitlich eine 24 Quadratmeter große Einzelzelle mit Flatscreen-Fernseher, CD-Spieler, eigener Toilette und eigener Duschgelegenheit. Ich hatte dieselbe Kaffeemaschine, die auch die Wärter haben. Und ich durfte morgens oft eine halbe Stunde früher aus meiner Zelle als die anderen Sträflinge.

SPIEGEL ONLINE: Lag das daran, dass man Sie in der Münchener Schickeria kannte? Oder daran, dass Sie im Rollstuhl sitzen?

Müller: Beides hat eine Rolle gespielt. Aber Prominenz ist ein großer Faktor. Das habe ich auch an anderen gesehen. Wenn man unter Beobachtung der Presse steht und einen guten Anwalt hat, wird es einem im Gefängnis besser gehen, als wenn ein armer Hund daherkommt. So ist die Welt nun einmal.

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insgesamt 104 Beiträge
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1. Das schlimmste ist die U-Haft.
berns 14.03.2014
Wenn man eingesperrt wird in eine Zelle, normalerweise mindestens zu zweit, da hat jeder Häftling gerade mal 8 qm zur Verfügung, aber darauf stehen noch Bett, Tisch, Stuhl und Schrank, so dass für die Bewegung des Häftlings kaum noch Platz ist, meist ist auch noch eine offene Kloschüssel im Eck des Raumes eingebaut - es gibt darum herum nicht mal einen Vorhang - wenn der Mitgefangene drauf sitzt und Gerüche verbreitet oder umgekehrt Sie selbst das Klo benutzen - wirklich sehr "angenehm". Wenn man weiss, an dem bestimmten Termin komme ich wieder raus, ist das leichter zu ertragen, als wenn man in U-Haft sitzt und nicht weiss, wann man wieder raus komt. Das ist wirklich kaum zu ertragen. In den meisten Gefängnissen darf man täglich eine Stunde zum Hofgang ins Freie, aber nur, wenn es nicht regnet. In allen älteren Gefängnissen sind die Fenster ganz oben, so dass man sich auf den Stuhl stellen muss, um rauszuschauen. Da sieht man dann durch die Gitterstäbe meist nur bis zur Gefängnismauer, die oben herum mit NATO-Stacheldraht verziert ist. In einigen Gefängnissen sind vor den Festergittern auch noch Milchglasscheiben angebracht, so dass die Gefangenen nicht wissen, ob draussen die Sonne scheint oder nicht. Fernsehen oder Radio gibt es zunächst nicht und das Essen beinhaltet wenig Vitamine. Man kann zukaufen im Gefängnis-Shop. Da wird alles zu weit überhöhten Preisen verkauft. Wer Geld von zu Haus aus hat, dem ist das egal, er kann sich TV-Gerät etc von zu Hause bringen lassen. Wer kein Geld hat und das Pech, im Gefängnis keine Arbeit zu bekommen, um etwas zu verdienen (Stundenlöhne um die 50 Cent!!!), der ist eine ganz arme Sau. Für die Zeit im Knast werden auch keine Beiträge an die Rentenkasse abgeführt. Das wirkt sich bei armen Leuten nachteilig auf die spätere Rente aus. Mir geht es nicht ein, warum sich jemand, der auf diese Weise in eine Zelle eingesperrt wird, resozialisieren oder "bessern" soll. Es passiert genau das Gegenteil: Je länger in der Zelle weggesperrt, desto grösser wird der Hass auf die Gesellschaft, die ihm das angetan hat. Die mittelalterliche Bestrafung durch Einsperren in winzige Zellen ist das schlechteste, was die Gesellschaft tun kann. Da sollte man schleunigst sich was besseres überlegen. Ausser gemeingefährlichen Mördern sollte niemand auf diese Weise weggesperrt werden.
2. Abtretung meiner Autorenhonorare an meine Gläubiger
spon-facebook-10000125593 14.03.2014
Re: Herr Rassek (Kommentar 17:37 Uhr) Ich habe alle meine Honorare vom Verlag abgetreten um noch nicht entschädigte Anleger befriedigen zu können. Melden Sie sich über das Kontaktformular auf meiner homepage. Danke. Josef Müller
3. klasse
luckyfrank 14.03.2014
Zitat von bernsWenn man eingesperrt wird in eine Zelle, normalerweise mindestens zu zweit, da hat jeder Häftling gerade mal 8 qm zur Verfügung, aber darauf stehen noch Bett, Tisch, Stuhl und Schrank, so dass für die Bewegung des Häftlings kaum noch Platz ist, meist ist auch noch eine offene Kloschüssel im Eck des Raumes eingebaut - es gibt darum herum nicht mal einen Vorhang - wenn der Mitgefangene drauf sitzt und Gerüche verbreitet oder umgekehrt Sie selbst das Klo benutzen - wirklich sehr "angenehm". Wenn man weiss, an dem bestimmten Termin komme ich wieder raus, ist das leichter zu ertragen, als wenn man in U-Haft sitzt und nicht weiss, wann man wieder raus komt. Das ist wirklich kaum zu ertragen. In den meisten Gefängnissen darf man täglich eine Stunde zum Hofgang ins Freie, aber nur, wenn es nicht regnet. In allen älteren Gefängnissen sind die Fenster ganz oben, so dass man sich auf den Stuhl stellen muss, um rauszuschauen. Da sieht man dann durch die Gitterstäbe meist nur bis zur Gefängnismauer, die oben herum mit NATO-Stacheldraht verziert ist. In einigen Gefängnissen sind vor den Festergittern auch noch Milchglasscheiben angebracht, so dass die Gefangenen nicht wissen, ob draussen die Sonne scheint oder nicht. Fernsehen oder Radio gibt es zunächst nicht und das Essen beinhaltet wenig Vitamine. Man kann zukaufen im Gefängnis-Shop. Da wird alles zu weit überhöhten Preisen verkauft. Wer Geld von zu Haus aus hat, dem ist das egal, er kann sich TV-Gerät etc von zu Hause bringen lassen. Wer kein Geld hat und das Pech, im Gefängnis keine Arbeit zu bekommen, um etwas zu verdienen (Stundenlöhne um die 50 Cent!!!), der ist eine ganz arme Sau. Für die Zeit im Knast werden auch keine Beiträge an die Rentenkasse abgeführt. Das wirkt sich bei armen Leuten nachteilig auf die spätere Rente aus. Mir geht es nicht ein, warum sich jemand, der auf diese Weise in eine Zelle eingesperrt wird, resozialisieren oder "bessern" soll. Es passiert genau das Gegenteil: Je länger in der Zelle weggesperrt, desto grösser wird der Hass auf die Gesellschaft, die ihm das angetan hat. Die mittelalterliche Bestrafung durch Einsperren in winzige Zellen ist das schlechteste, was die Gesellschaft tun kann. Da sollte man schleunigst sich was besseres überlegen. Ausser gemeingefährlichen Mördern sollte niemand auf diese Weise weggesperrt werden.
ganz klasse Beitrag. leider kommt das thema aber doch nur eben bei Promis auf, so wie jetzt bei UH. Sonst heisst es immer "Kuschelknast" oder die Leute - vor allem welche nie einen Knast von innen gesehen haben - meinen Knast sei wie "Urlaub"/"Hotel" Viele, die Milde fuer UH fordern finden sich sonst in der Law and Order Fraktion, fordern sonst immer "haertere Strafen" UH wirds im Knast nicht besonders schlecht gehen, bei anderen ist die Existenz kaputt. DLand entschaedigt nicht mal richtig (wenn ueberhaupt) die Leute, die erwiesenermassen unschuldig einsassen...
4.
kai kojote 14.03.2014
Die Ehrlichkeit zuzugeben dass man besser behandelt wird freut mich, aber die Tatsache ist wirklich sehr ärgerlich. Klassengesellschaft vom Staat aus, nicht von den Insassen - das gibt's nichtmal in Hollywood. Ich war nie in einem Knast, aber eine Zeit lang in einem Wohnheim, und nichtmal da hatte ich eine eigene Dusche, kostenlose Mahlzeiten die man lobt oder einen Flatscreen-TV usw. Klar, die Freiheit, aber trotzdem. Schon irgendwie verkehrt wenn prominente Kriminelle mehr Luxus bekommen als zb Wohnungslose. Ich stimme zwar berns zu dass mehrfach belegte kleine Zellen an Folter grenzen und grad bei Ersttätern oder gar Unschuldigen in U-Haft sehr kontraproduktiv auf die Psyche wirken können, aber man sollte doch schon vorm Knast irgendwie Angst haben und nicht rückblickend schöne Erinnerungen an die gemütliche Zelle und das gute Essen haben :X
5. ein wirklich guter Beitrag
1lauto 14.03.2014
und er bestätigt die Auffassung des gemeinen Bürgers- auch im Knast sind manche gleicher! Respekt vor ihrer Ehrlichkeit Herr Müller!
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