Falschberatung Justizministerium will Anleger besser vor Abzocke schützen

Die Ergebnisse einer Studie rütteln die Politik wach: Die Beratungsprotokolle bei Banken und Versicherern bringen Anlegern offenbar nicht den erhofften Schutz. Deshalb erwägt das Justizministerium laut "SZ", die Gespräche aufzeichnen zu lassen.

Anlageberatung: Notwendige Reform oder Regulierungswut?
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Anlageberatung: Notwendige Reform oder Regulierungswut?


Berlin - Wo provisionsabhängige Bankberater auf arglose Kunden treffen, kommt es regelmäßig zu haarsträubend schlechten Ergebnissen für die Verbraucher. Doch für beherzte Reformen fehlte der Politik bislang der Mut. Jetzt will das Bundesjustizministerium Anleger besser vor falscher oder schlechter Finanzberatung schützen, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ").

Es sei zu überlegen, ob man die Beratungsprotokolle, die Banken und Versicherer nach einem Anlagegespräch anfertigen müssen, "nicht standardisieren sollte, damit bestimmte Punkte in jedem Fall immer abgefragt und dokumentiert werden", sagte Justizstaatssekretär Gerd Billen der Zeitung. Auch sei denkbar, Beratungsgespräche generell aufzeichnen zu lassen. Auf EU-Ebene werde das Thema ohnehin bereits diskutiert. "Das hätte den Vorteil, dass wirklich alles, was besprochen wurde, auch festgehalten wird." So solle Anlegern der Beweis erleichtert werden, falsch beraten worden zu sein.

Mit dem Vorstoß reagiert das Justizministerium der Zeitung zufolge auf eine Studie, die es am Mittwoch veröffentlichen wolle. Sie komme zu dem Ergebnis, dass die meisten Beratungsprotokolle den Anlegern nicht den vom Gesetzgeber erhofften Schutz bringen, sagte Billen dem Blatt. "Denn wenn die Protokolle gar nicht oder nur unvollständig angefertigt werden, erfüllen sie ihren Zweck nicht."

Es müsse aber verhindert werden, dass Anlegern Finanzprodukte angedreht würden, die für sie gar nicht geeignet seien. Gegen eine allgemeine Aufzeichnungspflicht von Beratungsgesprächen spreche allerdings, dass man den Arbeitnehmerdatenschutz beachten müsse. "Außerdem wäre damit nicht sichergestellt, dass auch wirklich alles besprochen wird, was wichtig ist."

Das Beratungsprotokoll ist seit dem Jahr 2010 verpflichtend vorgeschrieben, wenn es in Beratungsgesprächen um riskante Geldanlageformen geht. Kritiker werfen dem Gesetzgeber hingegen Regulierungswut in der Anlageberatung vor.

bos/AFP/Reuters



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insgesamt 39 Beiträge
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blowup 25.06.2014
1. Wer schützt wen?
Die Regierung will Anleger vor Abzocke schützen? Die zockt doch selber mit ab. Die geplante Neuregelung bei den Lebensversicherungen, die laut SPON-Bericht über die Anfrage der Linken im BT auf "einer dünnen Datenlage" basiert, ist doch ein gutes Beispiel. Die "Abzocker" bestellen sich nach gusto ihre passenden Gesetze und die Regierung liefert prompt.
infamartworks 25.06.2014
2. Klassifizierung der Produkte heißt die Lösung
Ganz schlicht - wie beim Energieausweis - können alle Anlageprodukte neutral klassifiziert werden. Einfach und sicher - dann kann kein "Opfer" mehr behaupten hohe Rendite bei hoher Sicherheit erwartet zu haben.
Togge 25.06.2014
3. Verbraucher ist kein Welpe
So, bald ist es geschafft und der Bürger ist vollständig entmündigt. Soll demnächst auch bei Mediamarkt ein Protokoll geführt werden, wenn ich einen neuen Fernseher kaufe? Was ich nicht verstehe, kaufe ich nicht, ganz einfach. Ein Verbraucher ist doch kein Welpe, der vor allem und jedem geschützt werden muss. Bei der Suche einer neuen Glotze werden Vergleiche und Tests konsultiert bis der Arzt kommt. Wieso nicht die gleiche Akribie wenn es um das Ersparte geht? Wenn der Staat sich aufspielen muss als Schutzheiliger, weil keiner mehr des Lesens eines Vertrages fähig scheint, dann gute Nacht Deutschland. Unterschreiben tut man immer noch selbst...
gazettenberg 25.06.2014
4.
Zitat von sysopDPADie Ergebnisse einer Studie rütteln die Politik wach: Die Beratungsprotokolle bei Banken und Versicherern bringen Anlegern offenbar nicht den erhofften Schutz. Deshalb erwägt das Justizministerium laut "SZ", die Gespräche aufzeichnen zu lassen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/falschberatung-justizministerium-will-anleger-vor-abzocke-schuetzen-a-977300.html
Wenn ich bei meiner Bank Geld anlege, bekomme ich mittlerweile tausende Seiten an Informationen und Prospekten ausgehändigt. Ich sehe nicht, was noch größere Papierberge bringen sollen, wenn die Kunden das sowieso nicht lesen. Geldanlage funktioniert nach einem ganz einfachen Prinzip: Je höher die erhoffte Rendite, desto größer ist auch das Risiko. Und niemand gibt mir eine Garantie, dass ich am Ende mein ganzes Geld mit Zinsen wiederbekomme. Hat mir gegenüber aber auch nie ein Banker behauptet. Mein Vorschlag: Die Banken setzen alle Kunden, die sich über verlorenes Geld beschweren, obwohl sie die Geldanlage aus freien Stücken gekauft haben, auf eine schwarze Liste. Für diese Leute gibt's dann keine Geldanlagen, keine Kredite und keine Konten mit Überziehungsmöglichkeit mehr. Nur noch ein Girokonto auf Guthabenbasis. Wir übrigen, erwachsenen Kunden entscheiden dann selber, wie wir unser Geld anlegen, informieren uns vorher und verzichten dankend auf die Papierberge. Und wenn wir Geld durch unsere eigene Entscheidung verlieren, dann stehen wir auch dazu. Das ganze Leben ist ein Risiko.
ernstmoritzarndt 25.06.2014
5. Überregulierung
Genauso wie bei den Beratungsprotokollen der Versicherungswirtschaft wird bei den Kreditinstituten ein derartiger Wust von Protokollen produziert, daß sich "Otto - Normalanleger", ausgenommen selbstverständlich Lehrer, die gar nicht mehr durchgelesen werden - können! Kürzlich hat ein jugendlicher Verwandter (21 Jahre, erste eigene Wohnung, Ausbildung beendet) eine Privathaftpflichtversicherung inkl. Mietsachschäden abschließen wollen. Das durchzuarbeitende Protokoll war 25 ziemlich heftig bedruckte Seiten lang! Um das durcharbeiten zu müssen, bedarf es mindestens des Abschlusses eines I. jur. Staatsexamens. Die Belehrungsverpflichtungen laufen also komplett leer.
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