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Müllers Memo: Die riskante Dollar-Schwemme

Eine Kolumne von

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Neue 100-Dollar-Noten

Kommende Woche dürfte die US-Notenbank Fed erstmals seit neun Jahren die Zinsen anheben. Insbesondere die Schwellenländer fürchten die Entscheidung. Zeit, das globale Währungssystem auf eine neue Grundlage zu stellen.

Eigentlich ist alles klar: Amerikas Wirtschaft ist in einer guten Verfassung. Deshalb muss die US-Notenbank beginnen, die Zinsen anzuheben. Am Mittwoch dürfte der Gouverneursrat der Federal Reserve Bank die lange erwartete Zinserhöhung beschließen. Es wäre das Ende einer Ära: Seit Dezember 2008 liegt der US-Leitzins nahe Null; zuletzt hat die Fed 2006 die Zinsen erhöht.

Es klingt wie ein natürlicher Vorgang: Die Wirtschaft hat die lange Krise hinter sich gelassen. Nun folgt die Politik: Allmählich fährt der Fiskus das Haushaltsdefizit zurück; allmählich hebt die Notenbank den Leitzins an. Zurück zur Normalität, endlich?

Tatsächlich ist die Sache komplizierter.

Die Fed ist nicht nur die Notenbank der USA, sie managt auch die wichtigste Währung der Welt, den Dollar. Und da die halbe Welt den Dollar für die Finanzierung nutzt, hat die Entscheidung der Washingtoner Zentralbanker um Chefin Janet Yellen Auswirkungen rund um den Erdball. Formal mögen sie lediglich für die USA zuständig sein. Tatsächlich sind sie so etwas wie die Weltwährungshüter. Was zeigt, dass das globale Währungssystem dringend reformbedürftig ist.

Yellens Vorgänger Ben Bernanke hat bereits im Frühjahr 2013 die Erfahrung gemacht, dass Fed-Chef-Worte die Weltwirtschaft erzittern lassen können. Damals genügte es, in Aussicht zu stellen, die Fed werde ihre Anleihekäufe allmählich zurückfahren, um die Finanzmärkte rund um den Globus in Aufruhr zu versetzen. In den Schwellenländern schossen die Zinsen in die Höhe, Aktien- und Wechselkurse stürzten ab. Erschrocken zuckte die Fed zurück und verschob ihre Aktion zunächst - obwohl sie angesichts der Lage der US-Wirtschaft eigentlich angezeigt gewesen wäre.

Seither ist eine Menge passiert - in den USA, aber auch in den Schwellenländern. Durch das immer noch sehr billige Geld ist die US-Konjunktur ordentlich in Fahrt gekommen. Die Arbeitslosenquote ist niedrig; kommendes Jahr wird sie nach OECD-Prognosen unter fünf Prozent liegen. Die verfügbaren Einkommen steigen kräftig, um mehr als drei Prozent in diesem Jahr. Das stützt die Konsumnachfrage. Die Volkswirtschaft nähert sich allmählich dem Zustand der Vollauslastung.

Anzeichen irrationalen Überschwangs

Nach üblichen nationalen Maßstäben ist es also hohe Zeit, die Zinsen auf Normalniveau zu hieven. Auch wenn die Verbraucherpreise derzeit - dank des weltweit sehr billigen Öls - kaum steigen: Einige Preise haben längst angezogen, nämlich an den Börsen und den Immobilienmärkten. Deutliches Anzeichen irrationalen Überschwangs: US-Anleger verschulden sich wieder kräftig, um mit geliehenem Geld Aktien zu kaufen. Rund 200 Milliarden Dollar stehen derzeit aus. "Rekordhöhen, die seit dem Dotcom-Crash vor mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen wurden", rechnet die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vor. Auch ein Bauboom zeichnet sich ab: Die Wohnungsbauinvestitionen sollen nach OECD-Vorhersage ab kommendem Jahr um als 10 Prozent zulegen.

Das billige US-Geld hat sich nicht nur über die US-Wirtschaft ergossen, sondern auch über den Rest der Welt. Unbeeindruckt vom Frühjahrsschock des Jahres 2013 ist die Dollar-Verschuldung außerhalb der USA immer weiter in die Höhe geschossen: auf 9,8 Billionen Dollar zur Jahresmitte 2015, so die BIZ. Ein Drittel davon entfällt auf die Schwellenländer. Ob China, Malaysia, Indonesien, die Philippinen, Mexiko, die Türkei, Chile oder Südafrika - die Schulden in US-Währung sind exponentiell gestiegen. Unternehmen haben zudem in großem Stil Dollar-Anleihen ausgegeben.

Schon bemerkenswert: Allen Warnungen zum Trotz haben sich viele rund um den Globus von den extrem niedrigen US-Zinsen verführen lassen und Schulden lieber in Dollar als in nationaler Währung aufgenommen. Das dürfte sich rächen: Wenn die US-Zinsen steigen und den Dollar folglich gegenüber anderen Währungen aufwertet, wird der Schuldendienst für sie deutlich teurer. Umso schwerer fällt es ihnen, diese Schulden zu bedienen. Und das in einer Zeit, da viele Schwellenländer ohnehin wirtschaftlich nicht gerade kraftstrotzend dastehen. Die BIZ sieht denn auch ein "erhöhtes Risiko von Finanzkrisen".

Wegen solcher Risiken außerhalb der USA dürfte der US-Notenbank gar nichts anderes übrigbleiben, als extrem vorsichtig zu Werke zu gehen. Gut möglich, dass sie die Zinsen nicht so schnell anheben wird, wie es derzeit viele erwarten. Noch im September sah die Fed die Leitzinsen auf einem recht steil ansteigenden Pfad: Die große Mehrheit der Gouverneure gab damals an, bis 2017 würden die Sätze auf Werte zwischen zwei und vier Prozent steigen. Womöglich fällt die lang erwartete Zinswende noch verhaltener aus. Für die US-Wirtschaft selbst wäre das schlecht: Je größer das Überhitzungsrisiko in den USA, desto größer auch das Risiko einer erneuten Finanzkrise dort.

Eine endlose Kette von Booms und Crashs

Das Szenario zeigt, wie reformbedürftig das internationale Währungssystem ist. Durch die hohe Dollar-Verschuldung außerhalb der USA ist die Fed - nicht rechtlich, aber faktisch - für große Teile der Schwellenländer mit zuständig. Eigentlich ein Unding.

Die heutige Mix aus offenen Kapitalmärkten und souverän agierenden nationalen Notenbanken produziert eine endlose Kette von Booms und Crashs. In den Nullerjahren befeuerten chinesische Überschüsse den amerikanischen Häusermarkt. Als dort die Blase platzte und 2008 die Finanzbranche mitriss, pumpte die US-Notenbank viele Billionen Dollar in die Wirtschaft, die sich wiederum über die Schwellenländer ergossen und dort den nächsten schuldenfinanzierten Boom auslösten. Nun schlägt das Pendel abermals zurück. Allerdings wird die Höhe der Ausschläge immer größer.

Zum Schluss eine Vorhersage: Entweder wird es eine globale Koordinierung der Geldpolitik und der Finanzmarktregulierung geben. Oder das System offener Kapitalmärkte wird auf Dauer keinen Bestand haben.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche:

MONTAG

Karlsruhe - Seid umschlungen, Millionen! - CDU-Parteitag: Kanzlerin Merkel stellt sich parteiinternen Kritikern ihrer Flüchtlingspolitik.

MÜNCHEN - Sinnverlust - Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn nähert sich dem Ruhestand und hält seine Abschiedsvorlesung.

DIENSTAG

Nairobi - Rettet die Globalisierung! - Die für Handelsfragen zuständigen Minister treffen sich zur WTO-Konferenz.

MITTWOCH

Washington - Dollar-Wende - Die Fed berät, ob sie die Leitzinsen erhöhen soll. Mutmaßliches Ergebnis: Anhebung um einen Viertelprozentpunkt.

Brüssel - Rückendeckung - Der ukrainische Präsident Poroschenko bespricht mit der EU, ob die Sanktionen gegen Russland verlängert werden sollen.

Berlin - Rakete im Trudeln - Rocket Internet, das Vehikel der Samwer-Brüder und Heimat von Startups wie Zalando, war der größte deutsche Börsengang 2014. Seither ist der Kurs abgeschmiert. Nun veröffentlicht die Firma Quartalszahlen ausgewählter Beteiligungen.

DONNERSTAG

Brüssel - Im Dauerkrisenmodus - Flüchtlingszustrom, Terror, Klimapolitik, Rechtspopulismus: viel zu besprechen beim EU-Gipfel.

New York - Bankiers des Terrors - Der UN-Sicherheitsrat berät darüber, wie sich die finanziellen Aktivitäten des IS austrocknen lassen.

London - Euro-Stimmung - Neue Zahlen zur Stimmung bei den Unternehmen der Euro-Zone.

München/Frankfurt - Deutschland-Stimmung - Das Ifo-Institut legt den Geschäftsklimaindex für Dezember vor. Der Maschinenbauerverband VDMA berichtet auf seiner Jahrespressekonferenz über Lage und Stimmung im Herzen der deutschen Industrie.

FREITAG

Tokio - Abenomics in Zeiten der Dollar-Wende - Die Bank von Japan entscheidet über den Fortgang ihrer superexpansiven Geldpolitik. Wichtiges Datum: die Reaktionen der Finanzmärkte auf den Fed-Entscheid vom Mittwoch.

SONNTAG

Madrid - Spaltung auf Spanisch - Parlamentswahl: Bekommt Spanien eine linke Regierung, die die EU-Sparpolitik ablehnt? Bleibt das Land geeint, oder spalten sich die Katalanen ab?

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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Müllers Memo
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insgesamt 42 Beiträge
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1. Geldschwemme
behemoth1 13.12.2015
Wir sollten nicht nur von einer Dollarschwemme sprechen, auch die EZB wirft massenhaft €uros auf dem Markt und den Nutzen haben allein nur die Banken und Spekualnten, aber die Wirtschaft im Euroraum kommt trotzdem nicht in Bewegung. Die Geld und Finanzpolitik ist eine Katastrophe und die Ergebnisse werden sich auch wieder erneut negativ zeigen, es ist bloß noch eine Frage der Zeit.
2.
Timsen90 13.12.2015
Zitat von behemoth1Wir sollten nicht nur von einer Dollarschwemme sprechen, auch die EZB wirft massenhaft €uros auf dem Markt und den Nutzen haben allein nur die Banken und Spekualnten, aber die Wirtschaft im Euroraum kommt trotzdem nicht in Bewegung. Die Geld und Finanzpolitik ist eine Katastrophe und die Ergebnisse werden sich auch wieder erneut negativ zeigen, es ist bloß noch eine Frage der Zeit.
Der Euro wird jedoch nicht so stark für internationale Verschuldung genutzt und darum geht es im Beitrag. Die Banken leiden an den niedrigen Zinsen, da die Zinsspanne deutlich gefallen ist. Seit dem generieren europäische Banken sehr niedrige Eigenkapitalverzinsungen. Ihr Beitrag ist unsinnig.
3. Wechselkurs
wolbit 13.12.2015
wie wird sich da der Wechselkurs Dollar-Euro entwickeln. Hat da jemand infos
4. @timsen
lzielen 13.12.2015
@Timsen90 Ich denke eher ihr Beitrag ist unsinnig. Warum sollte der Zinssatz den sonst so niedrig sein, wenn die Banken darunter leiden? Schließlich ermöglicht es den Banken billige Kredite aufzunehmen um ihre Bilanzen zu schönigen und weiter Investment Banking zu betreiben. Natürlich sind so die eigenen Zinserlöse momentan niedriger, aber für die meisten Banken sollte dies zu vernachlässigen sein.
5.
Timsen90 13.12.2015
Zitat von lzielen@Timsen90 Ich denke eher ihr Beitrag ist unsinnig. Warum sollte der Zinssatz den sonst so niedrig sein, wenn die Banken darunter leiden? Schließlich ermöglicht es den Banken billige Kredite aufzunehmen um ihre Bilanzen zu schönigen und weiter Investment Banking zu betreiben. Natürlich sind so die eigenen Zinserlöse momentan niedriger, aber für die meisten Banken sollte dies zu vernachlässigen sein.
Das Zinsergebnis ist der wichtigste Ertragsbringer und mit ca. 1,4 % Zinsspanne ist hier nicht viel zu holen, wenn man noch bedenkt, dass der ein oder andere Kredit ausfällt. In den USA hat man Spannen von über 2-3 %. Investmentbanking durch mehr M&A-Nachfrage und Co. kann das nicht ausgleichen. Darum habe ich auch auf die Ek-Verzinsung hingewiesen, diese ist derzeit bei den europäischen Banken strukturell sehr niedrig. Davon kann man sich gerne selbst überzeugen. Es gibt ein paar Effekte, die sind positiv für die Banken, ja. Das sind niedrige Refikosten, aber die Spanne hat das bereits berücksichtigt. Dazu noch weniger Ausfälle, durch weniger Kosten beim Kunden und eben eine gewisse IB-Unterstützung. Unterm Strich wirkt nur die gefallene Zinsspanne deutlich schwerwiegender. Kurzfristig würden steigende Zinsen einigen Banken mit hoher Zinsbindung (weniger variabel) wohl schaden, langfristig wäre es positiv für die Erträge, wenn die Zinsen ein normales Niveau zurückerlangen könnten (was ich jedoch bezweifle).
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