Hamburg - Die Reaktion folgte prompt und sie fiel deutlich aus: Am Mittwoch hatte die US-Notenbank Fed angekündigt, bis Mitte 2011 amerikanische Staatsanleihen im Umfang von 600 Milliarden Dollar aufzukaufen. Jetzt drohen China und Japan mit Gegenmaßnahmen.
"Solange die Welt keine Zurückhaltung bei der Ausgabe von Währungen wie dem Dollar übt, ist das Eintreten einer neuen Krise unvermeidlich", schrieb der Berater der chinesischen Notenbank, Xia Bin, in einem am Donnerstag veröffentlichten Beitrag in der "Financial News", einem von der Zentralbank herausgegebenen Blatt. Die Volksrepublik müsse einen "währungspolitischen Schutzwall" errichten, um sich gegen externe Schocks abzusichern.
Auch in Japan wird die Fed-Aktion kritisch gesehen. Tokio sprach sich am Donnerstag für eine verstärkte Debatte zur Abstimmung der Währungspolitik führender Wirtschaftsnationen aus. Ein Regierungssprecher sagte, Japan hoffe nun, dass die Debatte über eine "Koordinierung der Geldpolitik vertieft" wird.
Hintergrund: Infolge der Fed-Entscheidung könnte der Yen zulegen, was Japans in hohem Maße vom Export abhängige und ohnehin schon schwächelnde Wirtschaft belasten könnte. Außerdem wird über billigere Importe die Deflation noch verschärft. Die japanische Notenbank kommt am Donnerstag zu einer vorgezogenen Sitzung zusammen. Am Markt wird spekuliert, dass sie aus Sorge um einen steigenden Yen notfalls ihrerseits Geld auf den Markt schütten will. Notenbankchef Masaaki Shirakawa hatte vor kurzem genau damit gedroht.
Wie die Dollar-Schwemme funktioniert
Doch warum drückt die Aktion der Fed den Dollar nach unten und andere Währungen nach oben? Der Mechanismus funktioniert so: Die Notenbank kauft US-Banken Wertpapiere ab und schreibt ihnen den Kaufpreis auf ihrem Konto bei der Zentralbank gut. Die Privatbanken müssen auf ihrem Fed-Konto stets eine bestimmte Reserve halten. Durch die Fed-Aktion erhöht sich diese nun. Das zusätzliche Geld können die US-Privatbanken für andere Geschäfte nutzen. Sie können zum Beispiel mehr Kredite an Firmen und Haushalte vergeben, was die Konjunktur stimulieren soll.
Am Devisenmarkt vergrößert die US-Notenbank so aber auch die Menge der zirkulierenden Dollar. Sie erhöht das Angebot - bei gleichbleibender Nachfrage. Das führt dazu, dass der Dollarkurs sinkt und im Vergleich zu anderen Währungen weniger wert ist. Dann kosten die in den USA gefertigten Produkte in anderen Staaten weniger. Für Länder wie Japan bedeutet das einen Wettbewerbsnachteil. Sie könnten deshalb ihrerseits versuchen, die eigene Währung weiter abzuwerten -oder Handelsbeschränkungen aufzubauen.
Die Folge könnte ein protektionistisches Wettrüsten sein, das den Welthandel lähmt und den Aufschwung bremst. Erst Ende Oktober gelobten die 20 wichtigsten Wirtschaftsmächte der Welt (G20) zwar Besserung. Ein Währungs- und Handelskrieg müsse unbedingt vermieden werden, sagten sie. Doch die von der Fed angekündigte Dollarschwemme bedroht nun den Konsens der Staaten.
Entsprechend sorgte Bernankes Entscheidung nicht nur die Wirtschaftsmächte in Fernost. Auch Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hat die aggressive Geldpolitik der USA kritisiert. "Ich sehe das mit Sorge", sagte Brüderle. Er habe Zweifel, dass das Gelddrucken der US-Notenbank Fed die Konjunktur ankurbeln werde, weil die Banken ohnehin ausreichend Geld für Kredite haben. "Es reicht nicht, allein das Wasser hinzustellen. Die Pferde müssen auch saufen." Er sei der Meinung, dass die Wechselkurse die Fundamentaldaten einer Volkswirtschaft im Prinzip widerspiegeln müssten. Bei China und den USA sei das nicht der Fall. Entscheidend sei, ob die eigene Wirtschaft wettbewerbsfähig sei oder nicht. Deutschland habe seine Hausaufgaben gemacht. "Eine starke industrielle Basis ist unerlässlich."
Bernanke verteidigt seinen Kurs
US-Notenbankchef Ben Bernanke verteidigt dennoch seinen Kurs. Die Fed habe entschieden, dass "eine zusätzliche Unterstützung der Wirtschaft angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und der niedrigen Inflationsrate notwendig ist", schrieb Bernanke in einem Gastbeitrag für die "Washington Post". Die Notenbank habe die Aufgabe, bei der Steigerung der Beschäftigung zu helfen und die Preisstabilität zu unterstützen. Dazu trage die beschlossene Maßnahme bei.
Bernanke wies Befürchtungen eines verstärkten Preisauftriebs in dem Artikel zurück. Das Instrument sei bereits zuvor eingesetzt worden und habe nicht zu höherer Inflation geführt. Er versicherte, die Federal Reserve verfüge über die Werkzeuge, die zusätzliche Liquidität "zur angemessenen Zeit" wieder abschöpfen zu können. Die Federal Reserve bekenne sich zu ihrem Mandat, die Inflation niedrig und stabil zu halten.
Experten sind skeptisch, ob die Aktion als Konjunkturhilfe funktioniert: Die Fed laufe Gefahr, langfristig Schaden anzurichten, sagte der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, "Handelsblatt"-Online. Schon grundsätzlich sei der Kauf von Staatsanleihen durch die Notenbank ein ordnungspolitischer Sündenfall. Erschwerend komme noch hinzu, dass so keines der strukturellen Probleme der US-Wirtschaft gelöst werde. Der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, sieht die Maßnahmen als Akt der Verzweiflung. Die geldpolitische Stimulanz werde kaum eine direkte stimulierende Wirkung in der amerikanischen Wirtschaft entfalten, betonte er.
Auch der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, glaubt nicht, dass die US-Wirtschaft mit dem Fed-Manöver schneller auf die Beine kommen wird. "Die Konsumenten sind zu hoch verschuldet und lassen sich durch die ultra-lockere Geldpolitik der Fed nicht dazu verführen, mehr auszugeben und die US-Wirtschaft anzuschieben", sagte Krämer "Handelsblatt"-Online. Stattdessen schaffe die Fed ein Klima, das risikoreiche Anlageformen begünstigt, wenn Anleger mit Staatsanleihen nicht verdienen können.
Immerhin dämpfte das US-Konjunkturpaket am Donnerstag die Furcht vieler Dax-Anleger vor einem Rückfall der Vereinigten Staaten in die Rezession. Der deutsche Leitindex stieg um bis zu 1,8 Prozent und erreichte den höchsten Stand seit Juni 2008. Die wichtigsten europäischen Börsen starteten ebenfalls mit Kursgewinnen in den Handel. Der Leitindex EuroStoxx 50
kletterte um mehr als zwei Prozent. Auch in London gab es Gewinne. Der Leitindex FTSE 100
legte um mehr als zwei Prozent zu.
Der Kurs des Euro stieg ebenfalls deutlich. Die europäische Gemeinschaftswährung wurde mit 1,4124 Dollar gehandelt. Die Europäische Zentralbank hatte den Referenzkurs am Mittwoch noch auf 1,4014 Dollar festgesetzt.
wit/ssu/AFP/dpa/Reuters
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