Geldpolitik der Amerikaner Das Zittern der Fragilen Fünf

Die US-Notenbank entscheidet in diesen Stunden über eine Drosselung der Geldmenge - und damit über das Schicksal von Indien, Brasilien, Indonesien, Südafrika und der Türkei. Geht es in Amerika aufwärts, geraten die Schwellenländer in Turbulenzen.

Fed-Chef Bernanke: Letzte Notenbank-Sitzung
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Fed-Chef Bernanke: Letzte Notenbank-Sitzung

Von Alexander Jung


Hamburg - Zum letzten Mal leitet Ben Bernanke an diesem Mittwoch eine Sitzung der US-Notenbank, Janet Yellen übernimmt im Februar den Chefposten der Federal Reserve. Der Abschied Bernankes allein garantiert schon Aufmerksamkeit für das Treffen. Doch diesmal gewinnt es noch zusätzlich an Brisanz. Je nachdem, was der Notenbanker verkündet, können seine Worte schwerwiegende Konsequenzen für Staaten wie Brasilien, Indien oder die Türkei haben. Für die sogenannten Schwellenländer also, die ohnehin schon angeschlagen sind.

Alles dreht sich um die Frage, wie schnell die US-Notenbank ihren neuen Kurs fortsetzt. Seit dem vergangenen Jahr fährt die Fed ihre Anleihekäufe zurück, die Fachleute sprechen von Tapering. Bislang nimmt Bernanke jeden Monat 75 Milliarden Dollar an Wertpapieren vom Markt, um das Zinsniveau niedrig zu halten und so die Konjunktur zu stützen. Doch nun zieht die Wirtschaft an. Viele Analysten rechnen damit, dass Bernanke nun eine weitere Verringerung um 10 Milliarden Dollar ankündigen wird.

Die Drosselung der Geldzufuhr hat zwei Effekte: Sie erhöht die Renditen für amerikanische Staatsanleihen, macht es also attraktiver für Investoren, ihr Geld in Amerika anzulegen. Das bedeutet zugleich aber auch, dass die Anleger dann Kapital aus Schwellenländern zurückholen: Die Lage dort wird ihnen zu brenzlig. Seit Jahresbeginn haben sie Schätzungen zufolge vier Milliarden Dollar abgezogen. Dadurch sind Währungen wie die türkische Lira, der südafrikanische Rand oder die indische Rupie in Turbulenzen geraten. "Die US-Geldpolitik erzeugt fundamentalen Druck auf die Währungen der Schwellenländer", sagt der Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann.

"Die Lokomotive verliert an Dampf"

Die Zentralbanken dieser Länder kämpfen mit teilweise drastischen Eingriffen gegen den Verfall ihrer Währungen. Am Dienstag haben die Türken den Zinssatz von 4,5 auf 10 Prozent katapultiert, auch die Inder und Südafrikaner erhöhten bereits den Leitzins. Verzweifelt versuchen die "Fragilen Fünf", wie Devisenhändler die Krisenländer Indonesien, Indien, Brasilien, die Türkei und Südafrika auch nennen, ausländisches Kapital anzulocken, denn davon hängen sie in erheblichem Maße ab.

Viele Jahre waren die Schwellenländer Nutznießer der extrem lockeren Geldpolitik Washingtons. Das Kapital floss in Strömen gen Süden, der Wohlstand wuchs, aber es war ein Aufschwung auf Pump. Straßen, Brücken, Flughäfen: Die Volkswirtschaften wurden zum großen Teil aus dem Ausland finanziert. Damit dürfte vorerst Schluss sein. Steigende Zinsen erhöhen die Schuldenlast der Schwellenländer. Sofern sie sich in Euro oder Dollar verschuldet haben, fällt ihnen die Rückzahlung noch schwerer, da ihre eigenen Währungen an Wert verloren haben. Das Wachstumstempo lasse sich auf Dauer nicht aufrechterhalten, sagt Klaus-Jürgen Gern, Experte am Institut für Weltwirtschaft in Kiel: "Die Lokomotive verliert an Dampf."

Devisenhändler erwarten weitere Zinsschritte

Diese Aussichten drücken derzeit die Stimmung auf den Aktienmärkten weltweit. Gerade der deutschen Volkswirtschaft, die in hohem Maße vom Export lebt, könnte die Krise der Schwellenländer zu schaffen machen. Allerdings warnt der Kieler Ökonom Gern davor, den negativen Einfluss überzubewerten. Die Schwäche der Schwellenländer würde dadurch ausgeglichen, dass die Konjunktur in den USA spürbar anziehe. "Wenn es dort losgeht, profitieren wir noch mehr", erwartet Gern.

Selbst wenn die Zahlen, die Bernanke heute verkündet, im Rahmen der Erwartungen bleiben sollten und die Amerikaner ihre Anleihenkäufe nicht noch schneller zurückfahren, dürfte dies kaum ausreichen, um die Währungen der Schwellenländer zu stabilisieren. Devisenhändler jedenfalls erwarten dort weitere Zinsschritte. Staaten wie Indien oder Argentinien hätten noch Nachholbedarf, sagt der Commerzbanker Leuchtmann. Seine Prognose: "Die Phase fragiler Währungen ist längst nicht vorüber."

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normalbürger_0815 29.01.2014
1. Schade, dass Volkswirte so ein verdammt …
… kurzes Gedächtnis haben. Vor 3 Jahren titelte das Handelsblatt noch: „Brasilien will seine Währung schwächen“ handelsblatt.com/politik/international/starker-real-brasilien-will-seine-waehrung-schwaechen/3557844.html Und jetzt passiert genau das, und auch jetzt wird wieder Krisenstimmung verbreitet. Merke: Wer nichts wird, wird Wirt. Und wer nicht mal das schafft, wird Volkswirt!
fd53 29.01.2014
2. wo bitte bleiben die Analysten
und Ihre Selbstkritik an ihren erst 2 Jahre alten Lobeshymen auf die wirtschaftliche und finanzielle Stabilität der hier genannten Problemländer? Über die tollen Lobeshymnen auf Indien lache ich mich sowieso irgend wann noch tod. Und der Bauboom in der Türkei dürfte jetzt auch recht schnell enden. Aber vielleicht sorgt das sogar für eine noch größere "Betongoldblase" in der BRD. Meine bei der UOB liegende Mäuse kringeln sich derzeit vermutlich auch vor Lachen.
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