Fehde um "Foie gras" Wie die Stopfleber die Achse Paris-Berlin bedroht

Die Stopfleber gilt in Frankreich als Kulturerbe, hierzulande ist sie als Tierquälerei verschrien. Jetzt will eine deutsche Nahrungsmittelmesse sie boykottieren - das sorgt für ernste diplomatische Verstimmungen.

Heftig umstritten: Stopfleber von Gans oder Ente
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Heftig umstritten: Stopfleber von Gans oder Ente


Hamburg - In der Diplomatie herrscht für gewöhnlich ein zurückhaltender Ton, selbst harsche Kritik wird in freundliche Formulierungen gekleidet. Dies gilt erst recht für die deutsch-französischen Beziehungen. Die Achse Berlin-Paris sieht sich als enge Partnerschaft, die gemeinsam die Europäische Union führt und Auseinandersetzungen in der Sache zwar hart, im Ton aber stets konziliant führt.

In dieser Woche war es allerdings vorbei mit der diplomatischen Zurückhaltung. Am Mittwoch wurde der deutsche Botschafter in Paris ins Wirtschaftsministerium einbestellt - zum Empfang einer Protestnote.

Dort wartete bereits Pierre Lellouche, Staatssekretär für den Außenhandel, und verlangte in ultimativer Diktion von dem Gesandten Berlins, die deutsche Regierung müsse "auf schärfste Weise ihre Autorität" zeigen. So berichtet es unter anderem die "Financial Times Deutschland" ("FTD").

Grund für den Furor: Die Veranstalter der weltgrößten Nahrungsmittelmesse Anuga hatten angekündigt, die sogenannte "Foie gras" aus dem Warenverzeichnis zu verbannen. Das Nahrungsmittel, zu Deutsch auch Stopfleber genannt, wird aus der Leber von jungen Gänsen oder Enten gewonnen.

Delikatesse oder Tierquälerei?

Der Boykott auf der Messe, die im Oktober in Köln stattfindet, ist für die Franzosen ein Affront. Für sie ist die Stopfleber nicht nur irgendeine Delikatesse - 2005 erhob die Nationalversammlung sie zum nationalen Kulturgut. 35.000 Arbeitsplätze sollen von der Produktion der Delikatesse abhängen.

Mit dieser schwärmerischen Haltung stehen die Franzosen allerdings relativ allein da. Im Rest Europas ist der Prozess, der zu ihrer Herstellung nötig ist, größtenteils verboten. In Deutschland gilt die sogenannte Stopfmast gar als Tierquälerei und Straftat. Enten oder Gänsen wird dabei mit Rohren gewaltsam Futterbrei in den Magen gepumpt, nur so erreicht ihre Leber eine beeindruckende Übergröße und ein Gewicht von bis zu zwei Kilogramm.

Welch unterschiedlichen Emotionen die Foie gras dies- und jenseits des Rheins auslöst, war vor zwei Jahren auch auf SPIEGEL ONLINE nachzuverfolgen. Als Hobbykoch Peter Wagner es wagte, in seiner Kolumne ein Stopfleber-Rezept zu präsentieren, schrieben viele erboste Leser, im Forum entspann sich eine aufgeregte und ausführliche Debatte.

Die Stopfleber gehört zum französischen Nationalstolz

Um den Boykott zu verhindern, fahren die Franzosen nun alle erdenklichen diplomatischen und juristischen Geschütze auf.

  • Bereits vor gut zwei Wochen hatte Agrarminister Bruno Le Maire seiner Amtskollegin Ilse Aigner (CSU) in einem Brief damit gedroht, seine Reise zur Anuga-Eröffnung abzusagen.
  • Alain Rousset, Präsident der südwestlichen Region Aquitaine, die frankreichweit die meisten Stopfleberprodukte herstellt, will sämtliche landwirtschaftliche Firmen der Region zu einem Boykott der Anuga aufrufen.
  • Auch der oppositionelle sozialistische Senator Alain Fauconnier empört sich: "Das ist, als ob wir in Frankreich die Wiener Würstchen aus Deutschland verbieten würden", schimpft er.
  • Am Donnerstag kündigte der Verband der Stopfleber-Hersteller juristische Schritte an. Der Boykott der Foie gras auf der Anuga sei eine Ungerechtigkeit, für die es keine gesetzliche Grundlage gebe, heißt es zur Begründung.

Fraglich ist, ob die Intervention auf höchster diplomatischer Ebene irgendetwas an dem Verbot ändert. Schließlich wird die Anuga von der privaten Koelnmesse GmbH veranstaltet, der Agrarministerin Aigner grundsätzlich nichts vorschreiben kann.

Eine Sprecherin der Anuga bemüht sich ohnehin um Versöhnung. Stopfleber sei auf der Messe beileibe nicht verboten, man wolle nur keine "Plattform für Foie gras" sein, auch weil sich bei der letzten Messe 2009 Besucher darüber aufgeregt hätten. Wenn ein Hersteller neben anderen Produkten auch Stopfleber im Angebot habe, könne ihm die Messe dies nicht verbieten.

fdi/AFP

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insgesamt 104 Beiträge
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Seite 1
wwwwebman 29.07.2011
1. nichts verstanden!
>Auch der oppositionelle sozialistische Senator Alain Fauconnier empört sich: "Das ist, als ob wir in Frankreich die Wiener Würstchen aus Deutschland verbieten würden", schimpft er.
herr_jaspers 29.07.2011
2. der vergleich von alain fauconnier
Zitat von sysopDie Stopfleber gilt in Frankreich als Kulturerbe, hierzulande ist sie als Tierquälerei verschrien. Jetzt will eine deutsche Nahrungsmittelmesse sie boykottieren - das sorgt für ernste diplomatische Verstimmungen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,777324,00.html
hinkt - die werden nicht aus wienern gemacht. besser vorher informieren. mfg
jerzick 29.07.2011
3. !
Zitat von sysopDie Stopfleber gilt in Frankreich als Kulturerbe, hierzulande ist sie als Tierquälerei verschrien. Jetzt will eine deutsche Nahrungsmittelmesse sie boykottieren - das sorgt für ernste diplomatische Verstimmungen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,777324,00.html
Es IST zweifellos Tierquälerei und das nicht zu födern eine gute und richtige Sache. Ich habe in Frankreich als Kind gesehen, wie ein Mann Fröschen lebendig (sic!) die Beine ausriss und die noch lebenden, beinlosen Frösche ins Meer kippte, einen ganzen Eimer voll. Die Möwen holten sie dann. Französischer Nationalstolz beim Essen? Prost Mahlzeit!
Medienkritiker 29.07.2011
4. Prost Mahlzeit
Wenn schon die widerliche Stopfleber die Achse ins Wanken bringt...dann gute Nacht Europa;) das wars dann wohl - Ade`geliebter Euro, Tschüss EU...
rhodensteiner 29.07.2011
5. Tierquälerei
Solche Tierquälerei solte EU-weit verboten werden, genauso wie "koscheres" oder "halal" Schlachten. Tierquälerei sollte auch dann ein Verbrechen sein, wenn es Tradition oder gar Religion ist! Wo sind die EU-Bürokraten, wenn man sie mal braucht?
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