So arbeitet Deutschland Warum melden sich wieder mehr Leute krank?

Sinkt die Arbeitslosenquote, steigt die Zahl der Krankheitstage - und umgekehrt. Die Infografik zeigt auf einen Blick, dass dieser Zusammenhang kein Vorurteil ist. Doch warum ist das so? Die Forschung hat gleich zwei Gründe gefunden.

SPIEGEL ONLINE

Von und


Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
Einen Überblick finden Sie hier.

Ist die Arbeitslosigkeit hoch, sind die Leute selten krank - und umgekehrt. Das ist nicht nur ein Vorurteil. Ökonomen haben diesen Zusammenhang zweifelsfrei nachgewiesen. Auch in Deutschland sank während der Phase sehr hoher Arbeitslosigkeit um die Jahrtausendwende die Zahl der Tage deutlich, die Arbeitnehmer im Schnitt krank zu Hause blieben. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Beschäftigung erheblich, ebenso der Krankenstand.

SPIEGEL ONLINE

Die Statistik dürfte die Zahl der krankheitsbedingten Fehltage jedoch nicht vollständig abbilden, weil sie nur die Krankmeldungen berücksichtigt, die auch an die Krankenkassen geschickt wurden - in der Regel geschieht das nur bei Fehlzeiten ab drei Tagen und auch dann beileibe nicht in jedem Fall.

Doch so eindeutig der Zusammenhang zwischen Krankenstand und Arbeitslosigkeit auch ist - die Gründe dafür sind es nicht. Die gängige Annahme, dass Arbeitnehmer die Krankmeldung scheuen, weil sie Angst haben, den Arbeitsplatz zu verlieren, ist zwar durchaus richtig.

Aber eine weitere Ursache ist belegt: Arbeitgeber entlassen zuerst die Beschäftigten mit niedriger Produktivität, wozu jene mit gesundheitlichen Problemen und höheren Fehltagen zählen. Diesen Zusammenhang hat etwa der Ökonom Gunnar Pietzner bereits 2007 in einer Studie belegt. Und wenn Arbeitgeber die Auswahl haben - wie in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit - stellen sie diejenigen ein, bei denen sie hohe Produktivität vermuten. Wenn die Arbeitslosigkeit hoch ist, sind die knappen Arbeitsplätze also von tendenziell Gesünderen besetzt, die naturgemäß weniger oft krank zu Hause bleiben müssen.

Nicht vergessen werden darf eine weitere Erkenntnis der Arbeitsmarktforscher: Fühlt sich ein Arbeitnehmer krank, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er dennoch in die Arbeit geht, statt zu Hause zu bleiben. Der Fachbegriff dafür heißt Präsentismus. In einer österreichischen Untersuchung stellte sich heraus, dass sich die Arbeitnehmer in sechs von zehn Fällen dazu entschieden.

Klug ist das auch aus Sicht der Arbeitgeber nicht, weil kranke Arbeitnehmer weit weniger produktiv sind. Experten gehen zudem davon aus, dass Arbeitnehmer durch verschleppte Krankheiten auf lange Sicht gesehen insgesamt mehr Tage fehlen, als wenn sie sich sofort auskurieren würden. Ganz abgesehen von der Gefahr, Kollegen anzustecken.



insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hevopi 28.08.2017
1. Haben die Autoren dieser naiven Berichte
denn überhaupt keine Ahnung, wie das so in der Praxis abläuft? Der Krankenstand bei vielen Gewerbstätigen spiegelt leider in vielen Fällen nicht den Gesundheitszustand, sondern die Unzufriedenheit wieder. Das gilt oft für "Streikperioden" und Veränderungen in einem Unternehmen, die von den Mitarbeitern nicht akzeptiert werden.
janne2109 31.08.2017
2. es
es geht uns zu gut und wer das abstreitet ist nicht ehrlich, jeder denkt -- oho der Job ist sicher und dann können wir ja...
zonk_zwo_null 31.08.2017
3. Danke Hevopi
..... meine Verwunderung beim lesen dieses Artikels wuchs mit jedem Satz - ich bin froh das so ein Kommentar wie ihrer gleich folgte. Wir kann die Redaktion so einen Artikel zulassen ?
neo99999 31.08.2017
4. Anspruchsdenken
Leider stelle ich um mich herum eine Art Anspruchsdenken fest, gerade, was Langzeitkrank angeht. Immer oefter hoere ich ein "nach zig Jahren Arbeit steht mir das zu" (was einem fuer Arbeit zusteht ist Gehalt und vertraglich geregelter Urlaub) oder ein "man ist ueberfordert und brauch einfach mal eine Pause" oder der Job macht unzufrieden. Alles in allem keine wirklichen Krankheitsgruende, sondern es wird hier das System missbraucht, um sich eine Pause zu verschaffen - die dann auch auf Kosten der Kollegen, die naemlich fuer den Ausfall herhalten muessen. Ich wuenschte mir vor Allem, dass man den Aerzten dabei mal mehr auf die Finger schaut. Wenn ich nicht konkret sage, dass 3 Tage Krankschreibung erstmal ausreichen und ich ja am vierten Tag nochmal kommen kann, wird man vorsorglich direkt die ganze Woche krank geschrieben. Man kriegt halt das Gehalt dafuer, dass man 100 % zur Arbeit zur Verfuegung steht - Punkt. Und ist ein riesiger Bonus, dass man in unserem Land bezahlt krank zu Hause bleiben kann.
docdede 31.08.2017
5. Zweischneidig
Als niedergelassener Arzt schreibe ich häufig Patienten krank. Einige wollen - aus welchen Gründen auch immer - so wenig wie möglich auf dem Arbeitsplatz fehlen. Bei anderen ist es regelrecht beschämend, wie um jeden Tag Arbeitsunfähigkeit gefeilscht wird. Da tun mir manchmal die Arbeitgeber leid.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.