Von Georgios Christidis, Thessaloniki
Im größten Datenskandal der griechischen Geschichte hat die Polizei einen 35-jährigen Mann verhaftet. Auf seinem privaten Computer fanden die Ermittler Daten von neun Millionen Steuerzahlern, inklusive Kfz-Kennzeichen und Adressen. Der Verdächtige musste sich am Freitag vor Gericht verantworten.
Die Polizei vermutet, dass der Datendieb mit hochrangigen Mitarbeitern im griechischen Finanzministerium zusammengearbeitet hat. Ein Sprecher der griechischen Polizei sagte SPIEGEL ONLINE, dass die bisherigen Ermittlungen auf Täter innerhalb des Ministeriums hinweisen: "Wir können noch nichts sicher sagen, aber das schiere Ausmaß des Vergehens weist darauf hin, dass Mitarbeiter des Finanzministeriums beteiligt waren."
Bis jetzt kann die Polizei noch nicht sagen, ob der gesamte Datensatz oder Teile davon verkauft oder verwendet wurden, und wenn ja, von wem. Die griechische Tageszeitung "Ta Nea" vermutet, dass die Daten für Werbezwecke missbraucht werden sollten. Der Verdächtige soll für eine Marketing-Firma gearbeitet haben und als Mittler zwischen den Beamten des Finanzministeriums und möglichen Käufern gedient haben. Ein Regierungsmitarbeiter, der mit dem Fall vertraut ist, sagte SPIEGEL ONLINE, dass der Verdächtige die Daten womöglich auch an Kreditgeber verkaufen wollte, die die finanzielle Situation ihrer Schuldner durchleuchten wollten.
Die Steuerdaten waren beim Informationssekretariat des Finanzministeriums gespeichert. Es ist das größte öffentliche Datenzentrum Griechenlands. Über seine IT-Systeme können Privatpersonen und Unternehmen ihre Steuererklärungen abwickeln, außerdem werden dort Lohn- und Pensionsabrechnungen der Beamten verwaltet. Harry Theoharis, der Leiter des Zentrums, sagte SPIEGEL ONLINE, er warte auf den Abschluss der Ermittlungen, bevor er selbst tätig werde. "Wir wollen dafür sorgen, dass alles aufgedeckt und jeder unehrliche Mitarbeiter des Finanzministeriums bestraft wird, der in den Fall verwickelt ist."
Der Verdacht: Viele oder hochrangige Beamte beteiligt
Viele Mitarbeiter des Finanzministeriums können nur auf bestimmte Teile der Steuerdaten zugreifen, erklärt Theoharis. "Die wenigsten haben so umfangreichen Zugang zu den Daten. Und selbst unter denen haben nur wenige das technische Know-How, um das zu machen." Deswegen müssten an dem Diebstahl entweder sehr viele oder sehr hochrangige Beamte beteiligt gewesen sein.
Der Investigativ-Reporter Kostas Vaxevanis, der zuletzt die sogenannte "Lagarde-Liste" veröffentlicht hatte, berichtete auf seiner Website, dass ein hochrangiger Beamter des Finanzministeriums unter Verdacht steht. Er beruft sich dabei auf nicht näher genannte Ermittler der griechischen Steuerbehörden. In anderen Berichten ist die Rede davon, dass der Verdächtige im Verhör eine Person beschuldigt hat, die im privaten Sektor arbeitet. Diese habe ihn beauftragt, die Daten in eine lesbare Form zu bringen. Den Berichten zufolge wurde gegen die Person ein Haftbefehl erlassen.
Theoharis sagt, seine Behörde habe inzwischen einen speziellen Sicherheitsdienst eingerichtet, um den Schutz der Steuerdaten zu verbessern. "Es ist aber noch viel zu tun", sagt der Behördenleiter. Es ist nicht das erste Mal, dass Zweifel an der Sicherheit persönlicher Daten im griechischen Finanzministerium aufkommen: Vor einigen Monaten wurden Steuererklärungen von griechischen Stars in der Presse veröffentlicht. Im Oktober gerieten Dutzende Dokumente mit sensiblen Informationen sowie Hunderte Computer-Passwörter an die Öffentlichkeit. Auch damals wurden Beamte des Finanzministeriums verdächtigt.
Übersetzung: Alexander Demling
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