Wirtschaft


  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Finanzkniffs Wie Griechenland mit dem Haushalt trickst

Demonstration gegen Griechenlands Sparpaket: Wundersame GeldvermehrungZur Großansicht
DPA

Demonstration gegen Griechenlands Sparpaket: Wundersame Geldvermehrung

Mitte Oktober ist Griechenland pleite, nein Mitte November - oder doch erst Ende Dezember? Die Athener Regierung verwirrt Europa mit ihren Angaben über ihren Haushalt. Wann wäre das Land eigentlich wirklich pleite?

Hamburg - In der Griechenland-Krise Klarheit zu schaffen ist ungefähr so einfach, wie einen Pudding an die Wand zu nageln. Besonders verwirrend sind Athens Angaben über die eigene Finanzlage: Noch vor kurzem hieß es, das Land brauche kommenden Montag dringend neues Geld aus dem Euro-Rettungsfonds EFSF; ansonsten drohe die Staatspleite. Doch bis auf weiteres haben die Retter diese Zahlung gestoppt, weil Premier Georgios Papandreou das Volk über die eigene Sparpolitik abstimmen lassen wollte. Ehe frisches Geld fließt, wollten die Euro-Retter Sicherheit, dass das Land seine Versprechen einhält. Dazu hieß es dann plötzlich aus Athen: Macht nichts - man habe eh noch bis mindestens Mitte Dezember genügend Geld.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Hellenen auf wundersame Weise ihren Geldbedarf an die Gegebenheiten anpassen. Im Oktober machten sie's schon einmal: Seinerzeit verzögerte die sogenannte Troika aus EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) die Auszahlung neuer Hilfen, weil die Griechen aus ihrer Sicht nicht hart genug sparten. Athen hatte beteuert, man habe nur noch bis Mitte Oktober Geld. Dann plötzlich sagte Griechenlands Finanzminister Evangelos Venizelos: "Bis Mitte November - das ist klar - gibt es kein Problem."

Alles soweit klar?

"In Athen scheint eine geheime Geldmaschine zu stehen, die die Euro-Prüfer noch nicht gefunden haben", spöttelte ZDF-Korrespondent Udo van Kampen am Mittwoch im "Heute Journal".

Rettungsgelder seit September verzögert

Klar ist inzwischen nur noch eins: "Wenn die griechische Regierung erklärt, bald zahlungsunfähig zu sein, dann ist das zunächst nur eine politische Drohung, die darauf abzielt, die Retter der Troika unter Druck zu setzen", sagt der Analyst Christoph Weil von der Commerzbank. Sein Team hatte bereits im Oktober ausgerechnet, dass das Geld der Griechen bis Mitte Dezember reichen dürfte, wenn der Staat außer Löhnen und Renten keine Rechnungen mehr bezahlt.

Finanziell hat sich seitdem wenig geändert. Das Geld, das am Montag nun doch nicht ausgezahlt wird, ist dasselbe, das schon im Oktober zurückgehalten wurde. Konkret handelt es sich um einen Teil aus dem ersten Rettungspaket für Griechenland. Noch konkreter: um die sechste Tranche im Wert von acht Milliarden Euro. Statt wie geplant im September soll diese nun erst im Dezember überwiesen werden.

Nur, warum kommt das Land eigentlich auch ohne diese Tranche klar? Aus zwei Gründen: Erstens braucht Griechenland bis Jahresende nicht sonderlich viel frisches Geld. Zweitens hat es mehrere Möglichkeiten, die Schulden zu strecken.

Wie Griechenland Zahlungen aufschiebt

Der Finanzbedarf der griechischen Regierung lässt sich ganz gut beziffern. Pleite wäre der Staat ja nur, wenn er seine Schulden nicht mehr bedienen kann. Doch bis Ende des Jahres laufen nur Anleihen im Wert von rund 10,5 Milliarden Euro aus.

Wann laufen Griechenlands Staatsanleihen aus?
Datum Volumen der Anleihe
11. November 2011 2 Milliarden Euro
18. November 2011 1,6 Milliarden Euro
16. Dezember 2011 2 Milliarden Euro
19. Dezember 2011 1,2 Milliarden Euro
22. Dezember 2011 1 Milliarde Euro
23. Dezember 2011 2 Milliarden Euro
30. Dezember 2011 700 Millionen Euro
Gesamt 10,5 Milliarden Euro
Quelle: Bloomberg; Zahlen gerundet
Alle übrigen Ausgaben hat der Staat offenbar auf ein Minimum zurückgefahren. Aus Athen wird kolportiert, dass die Regierung derzeit nur die nötigsten Rechnungen zahlt. Renten und Löhne für Staatsangestellte muss sie überweisen, weil der Aufschrei sonst zu groß wäre. Im aktuellen Haushalt beziffert Athen die monatlichen Kosten dafür auf 1,8 Milliarden Euro, doch inzwischen dürfte es etwas weniger Geld sein, da die Regierung Löhne und Renten zuletzt deutlich gedrückt hat.

Gleichzeitig gibt es Möglichkeiten, die Schulden bis Jahresende zu strecken:

  • Die meisten Staatsanleihen, die bis Ende 2011 auslaufen, halten nach Information der Commerzbank griechische Banken. Die Regierung könnte sie bitten, die Schulden bis zur Auszahlung der nächsten Troika-Tranche zu stunden. Schließlich haben die Banken kein Interesse an einer Staatspleite - sie würden dann Milliarden verlieren und schlimmstenfalls selbst pleitegehen.
  • Zusätzlich kann Griechenland kurzlaufende Kredite aufnehmen. Denn zwar muss das Land für Anleihen mit zweijähriger Laufzeit Phantasiezinsen von mehr als 100 Prozent zahlen - Anleihen mit einer Laufzeit von 13 Wochen fanden aber auch Ende Oktober für 4,6 Prozent Zinsen Abnehmer. Schon jetzt beschafft sich die Regierung auf diesem Weg einen immer größeren Teil ihres Geldes. Zwischen Januar und Juni 2011 hatten 43,5 Prozent der neu aufgenommenen Kredite eine Laufzeit von einem Jahr oder weniger. Noch 2010 hatte die Regierung kaum kurzlaufende Kredite aufgenommen.
  • Laut Commerzbank-Analyst Weil gibt es zudem Gerüchte, dass Griechenland Mittel aus einem nationalen Bankenrettungsfonds entnommen hat, um damit einen Teil der Ausgaben zu finanzieren. Dieser sogenannte TXS-Fonds war auch schon im Oktober als Notnagel im Gespräch.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 24 Beiträge
adam68161 03.11.2011
Die bis Jahresende fälligen Schulden betragen nach der Aufstellung 10,5 Milliarden. Darin sind vermutlich noch nicht enthalten die seit längerem nicht bezahlten sonstigen Rechnungen vieler Gläubiger. Dem hätte die Tranche der [...]
Die bis Jahresende fälligen Schulden betragen nach der Aufstellung 10,5 Milliarden. Darin sind vermutlich noch nicht enthalten die seit längerem nicht bezahlten sonstigen Rechnungen vieler Gläubiger. Dem hätte die Tranche der Troika von 8 Milliarden gegenüber gestanden. - Hier hätte man tatsächlich gutes Geld dem schlechten hinterher geworfen, denn die Griechen werden diesen Rückstand niemals aufholen können. Unabhängig vom Referendum spricht alles für eine Insolvenz und den Austritt aus dem Euroverbund.
Berlinjoey 03.11.2011
Tja, was soll man zu diesem Staat sagen? Alles Lügner und Betrüger und alle von jeder Steuer befreit. Sollen sie den Saustall selber ausmisten.
Zitat von sysopMitte Oktober ist Griechenland pleite, nein Mitte November - oder doch erst Ende Dezember? Die Athener Regierung verwirrt Europa mit*ihren Angaben über ihren Haushalt. Wann wäre das Land eigentlich wirklich pleite? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795657,00.html
Tja, was soll man zu diesem Staat sagen? Alles Lügner und Betrüger und alle von jeder Steuer befreit. Sollen sie den Saustall selber ausmisten.
thepunisher75 03.11.2011
Vielleicht sollten wir die Sündenböcke mal irgendwo anders suchen, werte Redaktion des Spiegels. ; ) Schließlich kann Deutschland selber behaupten, das es mit dem Haushalt trickst, da es bestimmte Städte wie Berlin z.B. gibt, [...]
Zitat von sysopMitte Oktober ist Griechenland pleite, nein Mitte November - oder doch erst Ende Dezember? Die Athener Regierung verwirrt Europa mit*ihren Angaben über ihren Haushalt. Wann wäre das Land eigentlich wirklich pleite? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,795657,00.html
Vielleicht sollten wir die Sündenböcke mal irgendwo anders suchen, werte Redaktion des Spiegels. ; ) Schließlich kann Deutschland selber behaupten, das es mit dem Haushalt trickst, da es bestimmte Städte wie Berlin z.B. gibt, die Probleme mit ihrem eigenen Haushalt haben. Und wenn Schwarz/Geld so weiter macht haben diese Haushalte selbst bald gar nichts mehr....
regula2 03.11.2011
"Wann wäre das Land eigentlich wirklich pleite?" Diese Frage sollten wir uns auch in der Beamtenrepublik Deutschland stellen, zumindest seit der "55 Mrd HRE"-Affaire
"Wann wäre das Land eigentlich wirklich pleite?" Diese Frage sollten wir uns auch in der Beamtenrepublik Deutschland stellen, zumindest seit der "55 Mrd HRE"-Affaire
nick999 03.11.2011
Griechenland steht bereits mit mehreren Milliarden bei seinen Lieferanten in der Kreide. Da geht nicht mehr viel. Zumal die Lieferanten durch dies Zahlungsmoral selbst am Abgrund stehen und als zukünftige Steuerzahler ausfallen [...]
Griechenland steht bereits mit mehreren Milliarden bei seinen Lieferanten in der Kreide. Da geht nicht mehr viel. Zumal die Lieferanten durch dies Zahlungsmoral selbst am Abgrund stehen und als zukünftige Steuerzahler ausfallen könnten. *In der aktuellen Situation sollte die Eurozone klar regeln, das es für jetzt ausgegebene Anleihen Null Erstattung bei einer Pleite gibt.*
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
alles zum Thema Finanzkrise in Griechenland

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:





TOP



TOP