Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Finanzkrise: Europa zeigt den Ausweg aus der Schuldenfalle

Ein Debattenbeitrag von Wolfgang Kaden

Millionen, Milliarden, Billionen - tägliche Schlagzeilen über immer größere Defizite der öffentlichen Haushalte verunsichern die Bürger. Dabei übersehen viele: In Wahrheit geht die Ära des ungezügelten Schuldenmachens zu Ende. Und dabei kann Europa sogar zum Vorbild für den Rest der Welt werden.

Kanzlerin Merkel, Präsident Sarkozy: Kampf gegen die Schuldenflut Zur Großansicht
AP

Kanzlerin Merkel, Präsident Sarkozy: Kampf gegen die Schuldenflut

Ist das nicht wunderbar? Die Steuern werden um vier Milliarden Euro gesenkt; ein " Betreuungsgeld" für unter Dreijährige wird eingeführt, erst 100, dann 150 Euro im Monat; und gegen die drohende Altersarmut will Ursula von der Leyen demnächst mit einer Zuschussrente antreten, Gesamtkosten: 2,5 Milliarden Euro im Jahr.

Ein Füllhorn staatlicher Wohltaten, das den Eindruck vermittelt, unser Land habe keinerlei Finanzprobleme. Das ist, wie wir alle wissen, nicht so. Auch wenn Deutschland im Vergleich zu anderen hochverschuldeten Ländern gut dasteht - die öffentlichen Haushalte schreiben weiterhin rote Zahlen.

Auf die bestehenden Schulden von mehr als zwei Billionen Euro packt Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) trotz üppiger Steuereinnahmen in diesem Jahr weitere 22 Milliarden Euro drauf, im kommenden Jahr sollen es noch mal 26 Milliarden werden. Es ist, als wollten die Regierenden in Berlin den Nachweis für die These liefern, dass Demokratien systemisch unfähig sind, nur so viel auszugeben, wie sie einnehmen.

Was die Regierenden da gegenwärtig tun, belegt überdeutlich, wie schwer es Staatsmännern und -frauen fällt, die Zeichen der neuen Zeit zu erkennen. Diese signalisieren in Euro-Land und darüber hinaus nämlich: Die Ära der immer höher wachsenden Staatsschulden läuft definitiv aus. Keines der Industrieländer wird über kurz oder lang daran vorbeikommen, Pläne zu entwickeln, wie man einigermaßen sozialverträglich und konjunkturschonend aus dem notorischen Schuldenmachen herausfindet.

Finanzmanager ziehen die Reißleine

Dass diese Zäsur ansteht, verdanken wir den oft verteufelten Akteuren an den Finanzmärkten, die Kredite fast im Tagesrhythmus teurer machen. Die Finanzmanager handeln sicherlich zu spät. Viel zu lange haben sie in Europa und im Rest der Welt darauf vertraut, dass die Regierungen ihre Schulden zurückzahlen. Aber immerhin: Sie ziehen nun die Reißleine.

Der unvermeidliche Einschnitt trifft so gut wie alle westlichen Demokratien, nicht nur die Euro-Länder. Bei der sogenannten Primärverschuldung, dem Defizit ohne Berücksichtigung der Zinsen auf Altschulden, rangieren die Briten und die US-Amerikaner, die sich derzeit als Ratgeber für die Europäer aufspielen, wie auch die Japaner, die den höchsten Schuldenberg verwalten, noch vor den größten Schuldenmachern der Euro-Zone (Griechenland, Italien, Portugal, Spanien).

Doch das rettet die Europäer nicht, wie wir derzeit leidvoll erfahren. Die USA, Japan und Großbritannien stehen nicht im Fokus der Geldanleger, weil sie sich in eigener Währung verschuldet haben. Sie können ihre Notenbanken munter Geld drucken lassen, indem sie diesen ihre Staatsanleihen ins Portfolio drücken. Die Europäer haben diesen schönen Ausweg nicht - zumindest so lange nicht, wie die Europäische Zentralbank hart bleibt und Anleihen nur in begrenztem Ausmaß aufnimmt.

Für fast alle Industriestaaten wird es eng

Aber letztlich wird es für alle Länder eng, ob innerhalb der Euro-Zone oder außerhalb. Zum einen, weil die Banken allenthalben ihre Bilanzen säubern müssen und zukünftig weniger Kredite vergeben können. Zum anderen, weil das ständige Anhäufen neuer Schulden in den meisten Ländern an der Grenze zum Absurden angelangt ist. Inzwischen gehören die Zinsen zu den größten Etatposten in den nationalen Haushalten.

Womöglich wird auch in absehbarer Zukunft ein fragwürdiges Privileg fallen: die Vorzugsbehandlung von Staatskrediten in der Bankenregulierung. Bislang müssen die Kreditinstitute Staatskredite nicht mit Eigenkapital unterlegen; es gelten zudem nicht die Einschränkungen für Großkredite, das sogenannte Klumpenrisiko. Beides wird, wenn die Geldhäuser krisenfester gemacht werden sollen, kaum zu halten sein.

Fast alle Industriestaaten stehen nun vor einem fundamentalen Wandel - ihrer Regierungspraxis wie ihrer Lebensweise.

Das "unerträgliche Ausmaß der öffentlichen Verschuldung" ( Niall Ferguson) ist das Resultat jenes zum Ritual gewordenen Überbietungswettbewerbs, den sich überall die politischen Parteien im Kampf um die Regierungsmacht liefern. Mit immer neuen Versprechungen und, soweit es die Amtsinhaber betrifft, immer mehr Wohltaten (wie jetzt die Schwarz-Gelben in Berlin) kämpfen sie um die Gunst der Wähler - die offenkundig unfähig sind zu erkennen, dass Gesellschaften auf Dauer nicht mehr konsumieren können, als sie produzieren.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 152 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Zen und die Loesung der Finanzkrise – Teil 2
localpatriot 23.11.2011
Zitat von sysopMillionen, Milliarden, Billionen - tägliche Schlagzeilen über immer größere Defizite der öffentlichen Haushalte verunsichern die Bürger. Dabei übersehen viele: In Wahrheit geht die Ära des ungezügelten Schuldenmachens zu Ende. Und dabei kann Europa sogar zum Vorbild für den Rest der Welt werden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,799236,00.html
Zen und die Loesung der Finanzkrise – Teil 2 Die Guten Eurobuerger schliefen den Schlaf der Gerechten, aber ueber Nacht sind die Bond Vigilantes und Heuschrecken aus dem von Goldman Sachs gebauten Trojanischen Pferd geklettert und fingen an ihr Unwesen zu treiben. Alle waren in Panik, denn Euroland ist fuehrungslos. Wie vom Fuchs aufgescheuchte Huehner flattern sie, aber niemand fuehrt, denn die eine die fuehren koennte, darf nicht. Unter Maennern waere das Einfach, der Maechtigste steht auf und setzt sich die Krone auf den Kopf. Einfach, aber unter Huehnern funktioniert das nicht immer so einwandfrei. Es gibt welche die den neuen Koenig wollen, die sagen aber nichts. Es gibt welche die den Koenig nicht wollen, die sagen auch nichts, machen aber dann nicht mit. Und dann gibt es noch welche die den neuen Koenig ueberhaupt nicht wollen, und die schreien es laut und oft. Und ganz andere wollen dass die Musik unendlich weiterspielt, als ob es keine Heuschrecken im Koenigreich gebe. Das Resultat: Der Koenig hat eine Krone aber keine geschlossene Gefolgschaft. Alles ist Schein, und die Heuschrecken fressen das Land ab. Was fehlte den Eurolaendern am meisten? Verstaendnis, Weisheit, Enlightenment. Der Zen-Meister Ikkyū Sōjun (一休宗純) zu einem Verzweifelten: „Ich würde gerne irgend etwas anbieten, um Dir zu helfen, aber im Zen haben wir überhaupt nichts.“ Zen zielt immer auf die Erfahrung und das Handeln im gegenwärtigen Augenblick, und umfasst auf diese Weise Gefühl, Denken, Empfinden usw.*) Und wer nicht fuehren darf aber die Fuehrung uebernehmen muss, hat keine andere Wahl als den Grundsaetzen des Zen Meisters zu folgen. Erst muss der Verzweifelte die innere Weisheit finden welche eine Hilfeleistung des Nichtfuehrenden zulaesst. Und wenn der Erste die innere Weisheit gefunden hat, dann wird es fuer den Zweiten und den Dritten und den Vierten gar nicht so schwierig denn man lernt vom Beispiel der Anderen. GR und I benoetigten 18 Monate um zu der ersten inneren Erkenntnis zu kommen. Und das ist nur der erste Schritt. Moeglicherweise dauert es noch einmal 18 Monate bis die Erkenntnis zum Handelt fuehrt – Die Wahl ist in den Haenden der Verzweifelten. Die Moral: Einsicht und innere Erkenntnis sind die Schluessel zur Loesung der Eurokrise. *) Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Zen
2. Grober Unfug
clonck 23.11.2011
Dem Autor scheint der Zusammenhang zwischen zinsbedingt wachsenden Schulden und andererseits entsprechend zinsbedingt wachsenden Vermögen nicht klar zu sein. Anders kann ich mir diesen naiv-niedlichen Artikel nicht erklären. Immer wenn so ein Schreiberling seinen Mist verzapft bleibt er eine klitzekleine Antwort schuldig: Wenn die Staaten die Schulden nicht mehr aufnehmen können/wollen/dürfen, wer dann? Die Billionen der Vermögenden müssen ja schließlich irgendwo "investiert" (sprich: gegen Zins verliehen) werden.
3. Herr Kaden, ich kann Sie ja gar nicht mehr erkennen
Litajao 23.11.2011
Herr Kaden, ich habe bisher in keinem Ihrer bisherigen Beiträge so viele WENN, WÄRE, KÖNNTE, VIELLEICHT usw. gehört. Sie verlieren sich hier leider im Ungefähren, so "es hätte sein können, wenn es so vielleicht gekommen hätte werden würden". Aber Ihr letzter Abschnitt: "Der Euro, von so vielen echten und angemaßten Experten tot geredet, hätte Europa dann doch zusammengeführt und der Welt ein Vorbild für nachhaltige Finanzpolitik geliefert. Der Weg ist schwer, wie sich täglich zeigt. Aber die Chance ist da..." zeigt, dass Sie wohl auch zu den Lohnschreibern der Euro-Retter geworden sind. Der Euro soll also Europa zusammenführen... welche Chance denn?, die sichere Chance, dass am Ende der Euro platzt, es zu einer Währungsreform kommt, wenn die EZB nicht nur PIPI-FAX Beträge einsammelt, sondern richtig einkaufen geht. Na ja, sind ja zur Zeit nur ca. 200 Mia. Euro, die die EZB an Schrottanleihen kauft. (Ich weiß einigen Foristen gefällt dieses Wort nicht, denn diese Schrottanleihen sind werthaltige Anleihen, für die fast kein Risiko besteht. (Ironie Ende). Sorry, Herr Kaden, sehr schlechter Beitrag, eigentlich Ihnen nicht würdig, zumal wenn man Ihre anderen Beiträge der letzten Monate gelesen hat.
4. von der Krisenüberwindung und zukünftiger Sparsamkeit
marcaurel1957 23.11.2011
EIn sehr guter Artikel der 2 Dinge anspricht, zum einen die Tasache, daß hinter der ganzen Medienhype vielfältige Aktivitäten laufen, die augenblickliche Krise zu überwinden und zum anderen, daß die Schuldenphilosophie der westlichen Staaten dabei ist eine andere zu werden. Wie Späth gestern bei Maischberger sagte, wir werden einige schwierige Jahre vo uns haben, dann wird auch diese krise vorbei sein, unser land wird auch dann erfolgreich sein, der, wir werden in Euro zahlen und Mitglied der EU sein. Natürlich haben etliche ewig gestrige Politiker dies noch nicht verstanden, wenn ich mir z.B. die unsägliche Frau haderthauer und die CSU anschaue, die mal wieder ein paar Milliarden Herdprämie unter die Leute schmeissen möchte, dann fragt man sich wirklich, in welcher Welt diese Leute leben. Trotzdem geht der Trend in die richtige Richtung, die Menschen wollen keine Steuersenkungen unter diesen Umständen und sind bei sozialen Wohltaten auf Pump kritischer geworden. Die Politiker werden dies nachvollziehen
5. Volkswirtschaft - Preis-Absatzfunktion auch beim Preis für Geld
marcaurel1957 23.11.2011
Zitat von clonckDem Autor scheint der Zusammenhang zwischen zinsbedingt wachsenden Schulden und andererseits entsprechend zinsbedingt wachsenden Vermögen nicht klar zu sein. Anders kann ich mir diesen naiv-niedlichen Artikel nicht erklären. Immer wenn so ein Schreiberling seinen Mist verzapft bleibt er eine klitzekleine Antwort schuldig: Wenn die Staaten die Schulden nicht mehr aufnehmen können/wollen/dürfen, wer dann? Die Billionen der Vermögenden müssen ja schließlich irgendwo "investiert" (sprich: gegen Zins verliehen) werden.
Normalerweise kommentiere ich die vielen unsinnigen Theorien übert "Fiat money" "Schuld-Geld" u.ä. nicht aber iHre Frage ist sehr leicht zu beantworten, wenn die Staaten weniger Geld am Finanzmarkt nachfragen, sinkt der Preis fürs Geldund was dazu führt, daß andere Wirtscahftssubjekte als Nachfrager auftreten um ihre Proejkte zu realisieren. Nicht in jedem Einzelfall aber so doch für die gesamte Volkswirtschaft gilt, daß Preisreduzierunegn die Nachfrage erhöhen
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zum Autor
mm
Wolfgang Kaden leitete ab 1979 das Ressort Wirtschaft des SPIEGEL und übernahm dort 1991 die Chefredaktion. Von 1994 bis Juni 2003 war er Chefredakteur des manager magazins.

Die Schuldenbremse
Regeln für den Bund
Durch die Föderalismusreform II wurde eine Schuldenbremse ins Grundgesetz aufgenommen. Demnach darf der Bund ab 2016 faktisch keine Kredite mehr aufnehmen und sich nur noch bis zu einer Höhe von maximal 0,35 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verschulden. Dies sind in absoluten Zahlen rund zehn Milliarden Euro.

Bis 2016 will die Bundesregierung das Defizit in gleichmäßigen Schritten reduzieren, das entspricht Einsparungen in Höhe von acht bis zehn Milliarden Euro pro Jahr.

Regelung und Hilfen für ärmere Länder
Die Schuldenbremse sieht vor, dass die Länder ab 2020 keine neuen Schulden mehr machen dürfen. Dafür sollen die finanzschwachen Länder Bremen, Saarland, Berlin, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein im Zeitraum 2011 bis 2019 beim Abbau ihrer Altschulden mit Hilfen in Höhe von insgesamt 800 Millionen Euro jährlich unterstützt werden. Diese insgesamt 7,2 Milliarden Euro teilen sich der Bund und die reichen Länder je zur Hälfte.
Ausnahmen
In Konjunkturkrisen und Notsituationen wie Naturkatastrophen sind unter strengen Bedingungen Ausnahmen möglich. In wirtschaftlich guten Jahren müssen Rücklagen gebildet oder Schulden getilgt werden.
Fotostrecke
Grafikstrecke: Wie die Schuldenkrise entstand

Fotostrecke
Die Eine-Billion-Euro-Frage: Wofür gibt der Staat das ganze Geld aus?

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: