SPIEGEL ONLINE: Auch afrikanische Gewerkschafter äußern die Sorge, China wolle sich vor allem die Rechte auf Ihre Rohstoffe sichern. Langfristig werde der Kontinent rücksichtslos ausgebeutet.
Kaberuka: Aber früher, bevor die chinesischen Investoren kamen, lagen diese Rohstoffe unter der Erde und haben keinem etwas gebracht. Viele Kupferminen im Kongo etwa waren geschlossen. Wenn ein Investor kommt und sagt: Ich will hier Geschäfte machen und ich werde dafür Infrastruktur aufbauen, was ist daran schlecht? Nichts - so lange man einen guten Deal macht, einen guten Vertrag abschließt. Wir haben dafür in der Afrikanischen Entwicklungsbank die African legal support facility aufgebaut, die Ländern helfen soll, solche Kontrakte gut zu verhandeln.
SPIEGEL ONLINE: China macht aber auch Geschäfte mit dem Sudan oder Guinea, wo die Menschenrechte ignoriert werden und Korruption ein Riesenproblem ist. In Guinea wurde ein Sieben-Milliarden-Dollar-Vertrag unterschrieben - eine Woche nachdem eine Demonstration gewaltsam niedergeschlagen und 150 Menschen getötet wurden.
Kaberuka: Wir sollten versuchen, neue Geldgeber wie Indien oder China von den in den OECD-Ländern geltenden Grundprinzipien zu überzeugen. Wir sollten Anreize setzen. Aber wenn wir auf der Kanzel stehen und China als Sünder brandmarken, dann können chinesische Investoren leicht mit dem Finger zurück auf die traditionellen Geberländer zeigen. Lange Zeit hat der Westen doch selbst viele schlecht regierte Länder wie das Mobutu-Regime finanziell unterstützt, aus strategischen Gründen. Abgesehen davon denke ich, dass gute Regierungsführung in einem Land nur funktioniert, wenn sie von den Bürgern selbst angenommen wird.
SPIEGEL ONLINE: Soll das heißen, Hilfe an Bedingungen zu knüpfen, nützt nichts?
Kaberuka: Lange Zeit wurde versucht, Hilfe an Vorgaben zu binden. Aber es hat nicht funktioniert. Die Themen, um die es ging, haben sich die Menschen in den betroffenen Ländern nicht zu eigen gemacht. So hatte man nur für eine kurze Zeit Erfolg. Aber wir können unsere finanziellen Hilfen an die Leistungskraft eines Landes binden, an die wirtschaftliche Performance, an die Leistung der Regierung, an die Qualität der Institutionen. Gute Performer bekommen mehr, schlechte Performer weniger Geld. Das funktioniert.
SPIEGEL ONLINE: In Krisenzeiten sind die Länder der westlichen Hemisphäre ziemlich mit sich selbst beschäftigt. Ist die Hilfe für Afrika zurückgegangen?
Kaberuka: Wenn Tausende ihren Job und ihr Haus verlieren, fängt man natürlich erst einmal an, auf sein eigenes Land zu schauen. Wahlen werden immer zu Hause gewonnen. Aber plötzliche Einschnitte hat es bislang nicht gegeben. Die traditionellen Geberländer haben wirklich versucht, ihre Zusagen einzuhalten. Aber es gibt viele Länder, die ihre Hilfe an ihr Bruttoinlandsprodukt binden. Das heißt, selbst wenn sie sich an ihre Zusagen halten, geht die Hilfe zurück.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie noch daran, dass die so genannten Millenniumsziele erreicht werden, wonach die Armut auf der Welt bis 2015 halbiert werden sollte?
Kaberuka: Nein. Den Beschlüssen von Gleneagles zufolge sollte die Hilfe für Afrika bis 2010 verdoppelt werden. Das ist nicht geschehen. Handelsbarrieren sollten abgebaut werden. Auch das ist nicht geschehen. Im Gegenteil: Viele Länder haben mit protektionistischen Maßnahmen reagiert, um die Krise zu bekämpfen.
SPIEGEL ONLINE: Der Chef der WTO, Pascal Lamy, hat doch einen Durchbruch für die Doha-Runde zum weltweiten Abbau von Handelshemmnissen für 2010 versprochen. Sehen Sie Chancen für einen solchen Erfolg?
Kaberuka: Für mich sieht es so aus, als sei der Moment für einen solchen Durchbruch noch nicht gekommen.
Das Gespräch führte Anne Seith
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