Finanzkrisenprozess Milde für den Milliardenzocker

Zehn Monate Haft auf Bewährung plus 100.000 Euro Geldstrafe - das Urteil gegen Ex-IKB-Chef Ortseifen hinterlässt Ratlosigkeit. Immerhin geriet der Geldkonzern unter seiner Ägide an den Rand des Zusammenbruchs. Ist der Manager zu gut weggekommen?

Aus Düsseldorf berichtet


Stefan Ortseifen hat den Blick starr geradeaus gerichtet, der Mund ist nur noch ein Strich. Die Mikrofone, die ihm entgegengestreckt werden, ignoriert der Ex-Chef der IKB-Bank, als er langsamen Schrittes das Gerichtsgebäude in Düsseldorf verlässt. Sieht so ein gebrochener Mann aus? Einer, der eine Bank an den Rand des Abgrunds geführt hat, so dass sie als erster deutscher Geldkonzern von der Finanzkrise mitgerissen wurde? Dem eine Richterin sein ganzes Versagen gerade vor den Augen der Öffentlichkeit dargelegt hat?

Unmöglich zu sagen, was in dem hochgewachsenen 59-Jährigen vorgeht. Als er in der Sommersonne zu einem nahe gelegenen Hotel geht, wirkt er wie ein beliebiger Geschäftsmann. Sein Haar ist fast weiß und sehr schütter, der dunkle Anzug sitzt gut und sieht teuer aus, der Gesichtsausdruck ist noch immer unbewegt. Denkt er schon an die nächste Runde?

Denn Ortseifen will weiterkämpfen. "Na klar", lautet die Antwort seiner Anwälte auf die Frage, ob Revision eingelegt wird. "Das ist ein krasses Fehlurteil", wettert Jurist Reinhard Freiherr von Dalwigk. Ortseifen, von 2004 bis 2007 Vorstandssprecher der Mittelstandsbank, beharrt trotz des soeben verkündeten Urteils auf seiner Unschuld. Er hält sich selbst für ein Opfer dieses unvorstellbaren Bebens auf den Finanzmärkten, das unmöglich zu erahnen war. Und er will genau das von der Justiz bescheinigt haben.

Er könnte auch erleichtert sein. Wenigstens ein bisschen. Zehn Monate auf Bewährung lautet das Urteil gegen ihn. Plus eine Geldstrafe von 100.000 Euro, zu zahlen an zehn verschiedene wohltätige Institutionen. Dabei gab es bestimmt nicht wenige Momente in den vergangenen Jahren, in denen Ortseifen sich schon im Gefängnis sah. Immerhin hat der Manager bei der IKB ein Trümmerfeld hinterlassen.

Wegen Zockereien am US-Hypothekenmarkt wurde die einst kreuzsolide IKB als erstes deutsches Finanzinstitut von der Finanzkrise erwischt. Zehn Milliarden Euro an Garantien und Finanzspritzen waren nötig, um den Untergang abzuwenden. Der Großteil ist Steuergeld. Und noch immer schreibt die mittlerweile an den Finanzinvestor Lone Star verkaufte Bank Verluste, zuletzt fast eine Milliarde Euro.

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Finanzkrise: Die Buh-Manager

Zehn Monate auf Bewährung und eine Geldstrafe - das also ist alles, was Ortseifen verbüßen soll? Viele Prozesszuschauer hatten schon empört reagiert, als der Staatsanwalt dieses Strafmaß forderte. Jetzt hinterlässt das erste Verfahren, das im Zusammenhang mit der Finanzkrise geführt wird, am Ende bei vielen ein Gefühl der Ratlosigkeit. Denn es hat vor allem eins gezeigt: Wie schwer erfüllbar die Hoffnung ist, eine solche Krise könnte auch nur teilweise vor Gericht aufgearbeitet werden.

"Maulkorberlass" für die Risikoüberwachung

"Schuldig der Kursmanipulation" lautet das Urteil gegen Ortseifen. Es bezieht sich nicht auf die riskanten Derivate-Zockereien, die die IKB über Jahre hinweg über sogenannte Zweckgesellschaften - also außerhalb der Bilanz - tätigte. Es beantwortet nicht die Frage, wie angemessen es ist, wenn ein Geldinstitut mit einem Eigenkapital von nicht einmal eineinhalb Milliarden Euro solche Risikogeschäfte im Volumen von mehr als 17 Milliarden Euro eingeht. Für eine Anklage wegen Untreue mit Blick auf solch blindwütige Investments in hochkomplexe Finanzinstrumente fehlten der Staatsanwaltschaft die Beweise. Dafür muss ein Vorsatz nachgewiesen werden - der Wille oder zumindest das Wissen, dem Geldinstitut Schaden zuzufügen.

In dem Urteil geht es wie schon im Prozess deshalb nur um eine einzige Pressemitteilung, herausgegeben am 20. Juli 2007 gegen 16 Uhr. "Sehr gut" sei die Bank ins neue Geschäftsjahr gestartet, heißt es da. Die Krise am amerikanischen Hypothekenmarkt habe "praktisch keine Auswirkungen" auf die IKB. Die Mittelstandsbank sei lediglich mit einem einstelligen Millionenbetrag in kritisch eingestuften Subprime-Papieren investiert.

Eine Woche später sollte die Bank wegen ihres Engagements am US-Subprime-Markt vor dem Kollaps stehen.

Ortseifen habe die Lage damals irreführend beschönigt, steht für Richterin Brigitte Koppenhöfer fest. Um die Anleger in Sicherheit zu wiegen, einen kompletten Preisabsturz der IKB-Aktien zu verhindern.

Der Bank-Manager hatte schon in den Wochen zuvor derart eigenmächtig und dreist agiert, wie es eigentlich nur einer kann, der komplett die Bodenhaftung verloren hat. Oder einer, der total verzweifelt ist. Der das Unheil noch verhindern will, in dem er vor der Realität einfach die Augen verschließt.

Schon am 27. Juni wurde Ortseifen in einer Aufsichtsratssitzung besorgt nach dem Engagement auf dem US-Hypothekenmarkt gefragt. Ortseifen habe daraufhin erklärt, es gebe keine direkten Investments, resümiert Koppenhöfer die Erkenntnisse des Prozesses. Anschließend habe der Bankenchef dann versucht, "das Protokoll an dieser Stelle zu ändern".

Dann beschreibt die Juristin mit ernster Stimme den sogenannten "Maulkorberlass". Aufgrund "personeller Engpässe" seien irgendwann Frühindikatoren zur Risikoeinschätzung schlicht nicht mehr überwacht worden. Zu einer Zeit, als die Warnungen mit Blick auf den US-Markt Schlag auf Schlag kamen.

"Wir wollten kein Exempel statuieren"

Im Krisenmanagement hat Ortseifen also versagt, er hat die dramatische Lage der Bank gegenüber Aufsehern und Anlegern vertuscht, um so das Unheil doch noch abzuwenden. So lautet das richterliche Urteil, nachdem Manager und Politiker wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen ihre Aussagen gemacht haben.

Aber welche Verantwortung trägt Ortseifen für den Beinahe-Untergang der Bank? Wie sehr kann man Einzelpersonen überhaupt verantwortlich machen, weil sie sich von der jahrelangen, aufgepeitschten Stimmung an den Finanzmärkten mitreißen ließen? Schließlich förderte auch Ortseifen die Zockereien in seinem Institut nicht ohne Ansporn. Die Rating-Agenturen drängten schon in den neunziger Jahren, nicht mehr allein auf die langweilige Mittelstandsfinanzierung zu setzen. Drohten sogar mit einer Herabsetzung des Ratings.

Welche Schuld trägt also der Einzelne, wenn das ganze System mit sämtlichen Kontrollsystemen versagt? Das sei nicht die Frage dieses Prozesses gewesen, betonte Richterin Koppenhöfer. "Wir wollten auch kein Exempel statuieren." Weder die Verantwortung von Banken wie der Deutschen Bank, die der IKB erst Risikopapiere verkaufte und ihr dann den Geldhahn zudrehte, noch die Rolle der umstrittenen Rating-Agenturen seien das Thema gewesen.

Noch ist unklar, ob solche Fragen überhaupt jemals juristisch aufgearbeitet werden. Trotz unzähliger Razzien in Banken und Wohnungen, trotz energischer Ermittlungen von Staatsanwälten in ganz Deutschland, ist bislang außer Ortseifen noch kein einziger Banker in Deutschland wegen seines Verhaltens vor und in der Krise angeklagt worden.

"Beredtes Schweigen"

Und auch die Causa Ortseifen ist noch lange nicht abgeschlossen. "Ich bin überzeugt, dass ich mich nicht strafbar gemacht habe", sagte der Manager zuletzt. Zu Prozessbeginn hatte er zwei Verhandlungstage lang seine Sicht der Dinge erläutert. Das Urteil von Richterin Koppenhöfer über die damaligen Ausführungen fällt im Nachhinein vernichtend aus. "Vorlesungsartig" habe Ortseifen die Finanzmärkte erklärt, zu entscheidenden Punkten habe er sich aber nicht geäußert.

Sie werte die Ausführungen - die in Schriftform satte 180 Seiten füllen - deshalb als "beredtes Schweigen", so Koppenhöfer. Die Reaktionen von Ortseifens Anwälten auf diese harte Kritik ist nüchtern. Dann werde Ortseifen eben im nächsten Prozess noch genauer aufzeigen, was nach seiner Meinung in diesem verheerenden Sommer 2007 hinter den Türen der IKB passierte.



insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
saul7 14.07.2010
1. ++
Zitat von sysopZehn Monate Haft auf Bewährung plus 100.000 Euro Geldstrafe - das Urteil gegen Ex-IKB-Chef Ortseifen hinterlässt Ratlosigkeit. Immerhin geriet der Geldkonzern unter seiner Ägide an den Rand des Zusammenbruchs. Ist der Manager zu gut weggekommen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,706323,00.html
Die kleine Kassiererin bei irgendeinem Discounter, die sich eines geringfügigen Vergehens schuldig macht, wird um ihren Beruf und damit ihre Existenz gebracht, während der feine Herr aus der oberen Etage einer Bank mit einem milden Urteil davonkommt, das ihm seine Zukunft sicher nicht verbauen dürfte....
TommIT, 14.07.2010
2. Ich drücke es mal so aus
hätte ich Gelegnheit und Wahl würde ich es sofort genauso machen. Der Nutzen ist ganz klar überwiegend. Ich habe gelernt, danke Justiz
RealityCheck 14.07.2010
3. Was war der Fehler?
Zitat von sysopZehn Monate Haft auf Bewährung plus 100.000 Euro Geldstrafe - das Urteil gegen Ex-IKB-Chef Ortseifen hinterlässt Ratlosigkeit. Immerhin geriet der Geldkonzern unter seiner Ägide an den Rand des Zusammenbruchs. Ist der Manager zu gut weggekommen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,706323,00.html
Frau Seith spricht von einem … “unvorstellbaren Beben auf den Finanzmärkten, das unmöglich zu erahnen war”. Wirklich? Weshalb hat die Banco de España es spanischen Banken durch erhöhte Depotanforderungen für US-Hypothekenpapiere bewusst unmöglich gemacht, diese zu erwerben? Weshalb viel niemandem auf, dass 100%-Beleihungen an Mittellose sich häuften, seit bei Clinton der Community Reinvestment Act des US-Kongresses energisch durchgesetzt wurde? Die konnten nur bedient werden, solange der dadurch ausgelöste Hausboom laufend Zusatzhypotheken auf Grund steigender Preise ermöglichte. Es war allgemein bekannt, dass Hausbesitzer ihre Häuser wie ATMs, wie Cash-Maschinen benutzten. Es viel niemandem bei der IKB auf, weil sie wohl keine Investmentbanker an Bord hatten. John Paulson machte mit seinem Paulson Fund $20 Milliarden Gewinn (für sich persönlich $3 Milliarden) indem er diese Papiere Short ging. Er hatte sie vorher aufbröseln lassen und individuelle Kreditnehmer gecheckt, um sie zu prüfen. Das Ergebnis war, dass er nach einem unvermeidlichen Zinsanstieg mit einer Pleite rechnete. Banken wie die IKB, die Sächsische Landesbank, die HRE und dergleichen politisch besetzte Landesbanken taten nichts dergleichen, sie wollten Gewinne machen, ohne das nötige Wissen und Personal zu besitzen. Sie haben insofern unprofessionell gehandelt. Näheres über die Ursachen des “unvorstellbaren Bebens” kann man bei Dr. Helen Thompson, University of Cambridge, lesen: “The Political Origins of the Financial Crisis: The Domestic and International Politics of Fannie Mae and Freddie Mac”
evolut 14.07.2010
4. Ratlosigkeit?
Zitat von sysopZehn Monate Haft auf Bewährung plus 100.000 Euro Geldstrafe - das Urteil gegen Ex-IKB-Chef Ortseifen hinterlässt Ratlosigkeit. Immerhin geriet der Geldkonzern unter seiner Ägide an den Rand des Zusammenbruchs. Ist der Manager zu gut weggekommen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,706323,00.html
Das Strafmaß hinterlässt Ratlosigkeit? Man könnte argumentieren: Immerhin kein Banküberfall, nur Kursmanipulationen, also gehobene Gaunereien (die auch etwas mehr einbringen, als ein plumper Raub). Bessere Gentlemangaunereien also, die von anderen Gentlemangaunern im Namen des Staates (soweit es geht) gedeckt werden. Wenn nötig per Gesetz, schließlich gehts auch um den eigenen inkompetenten Hals. 100.000€? Das muß ein Witz sein, von der "Gefängnisstrafe" ganz zu schweigen. Gentlemans Agreement nennt man sowas.
roland.vanhelven 14.07.2010
5. na klar zu milde !
Zitat von sysopZehn Monate Haft auf Bewährung plus 100.000 Euro Geldstrafe - das Urteil gegen Ex-IKB-Chef Ortseifen hinterlässt Ratlosigkeit. Immerhin geriet der Geldkonzern unter seiner Ägide an den Rand des Zusammenbruchs. Ist der Manager zu gut weggekommen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,706323,00.html
ein normaler mensch geht fuer zweistellige millarden betraege 4536 jahre in den knast...
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