Treffen in Vilnius: Finanzminister jammert über "Frankreich-Bashing"

"Als wären wir der kranke Mann Europas!" Auf dem Treffen der Finanzminister in Vilnius platzte dem Franzosen Pierre Moscovici der Kragen. Die immer wieder aufbrandende Kritik an den fehlenden Reformen im Land diene nur dazu, "Frankreich schlecht zu reden".

Frankreichs Finanzminister Pierre Moscovici: "Als wären wir der kranke Mann" Zur Großansicht
AFP

Frankreichs Finanzminister Pierre Moscovici: "Als wären wir der kranke Mann"

Vilnius - Mit ungewöhnlich scharfen Worten hat Frankreichs Finanzminister Pierre Moscovici Kritik am mangelnden Reformeifer seines Landes zurückgewiesen. Moscovici warnte davor, ständig auf Frankreich einzuprügeln und das Land schlecht zu reden. "Hört auf mit dieser Art von "Frankreich-Bashing", als wären wir der kranke Mann Europas", sagte der Franzose am Freitag in Vilnius. Frankreich sei nach wie vor die zweitwichtigste Volkswirtschaft im Euroraum und setze schnelle Reformen um, "um wieder die Führung zu übernehmen".

Moscovicis Fazit lautete: "Wir sind auf dem richtigen Weg." Die Pariser Regierung hatte kürzlich eingeräumt, seine Defizitziele erneut zu verfehlen. Die EU hatte Frankreich wegen der schweren Wirtschaftskrise zuvor schon zwei zusätzliche Jahre zum Sparen eingeräumt. Der Finanzminister zählte jedoch eine Reihe von Reformen auf, die die Pariser Regierung umgesetzt habe, etwa am Arbeitsmarkt und bei den Renten, beim Abbau des öffentlichen Defizits und bei der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit: "Wenn das keine Reformen sind, was ist dann eine Reform?"

Im litauischen Vilnius sind gerade die Euro-Finanzminister versammelt, vor allem um Ideen zur Bankenrettung zu diskutieren. Das Thema Frankreich stand nicht offiziell auf der Agenda, doch Pierre Moscovici musste viel Kritik einstecken. Die Sorge wächst, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas die Währungsunion in neue Turbulenzen stürzt. In der EU-Kommission gilt Frankreich schon länger als schwieriger Fall. Auch dort wird Frankreich Reformunfähigkeit bescheinigt. Brüssel fürchtet, dass die Kreditwürdigkeit des Landes weiter sinkt.

Am deutlichsten forderte EU-Währungskommissar Olli Rehn am Freitag Frankreich zu Reformen auf: "Es ist noch eine Menge zu tun...um nachhaltiges Wachstum und neue Jobs zu schaffen - eben das, was das französische Volk erwartet."

mia/dpa

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1. Frankreich
systemmirror 13.09.2013
Zitat von sysop"Als wären wir der kranke Mann Europas!" Auf dem Treffen der Finanzminister in Vilnius platzte dem Franzosen Pierre Moscovici der Kragen. Die immer wieder aufbrandende Kritik an den fehlenden Reformen im Land diene nur dazu, "Frankreich schlecht zu reden". Finanzminister jammert über "Frankreich-Bashing" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/finanzminister-jammert-ueber-frankreich-bashing-a-922194.html)
wird schon seit Beginn der Krise via Griechenland, Portugal und vor allen Dingen mit Irlands Zwangskredit über Wasser gehalten um die EU nicht von Vornherein als totes Konstrukt zu bezeicnen. Mit Irlands Zwangskredit wirden überwiegend deutsche und französiche Babken vor dem Absturz gerettet. Es waren die Franzosen, die die Zwangseinführung des Euro wollten um ihre Vormachtsstellung in Europa zu dokumentieren. Jetzt, da es den Bach runtergeht und die Zahlungen an die Rettungsschirmstaaten geringer werden, fehlt auch den Franzosen permanent Geld, die Banken kommen mal wieder ins Schwimmen. Da gint es nichts mehr schön zu reden. Vor allem vor dem Hintergrund, daß Deutschland das Szenario des eigenen Austritts ins Auge faßt. Spätestens dann dürfen die Franzosen sich von ihrer ach so geliebten und favorisierten "Süd-Entente" retten lassen.
2. optional
joachim_m. 13.09.2013
Mal im Klartext ausgedrückt: Frankreich ist den Neoliberalen nicht asozial genug, die lassen nicht mindestens 10 % ihrer Bevölkerung in Armut verkommen während die Reichen immer reicher werden.
3. La Grande Nation
Pandora0611 13.09.2013
Zitat von sysop"Frankreich sei nach wie vor die zweitwichtigste Volkswirtschaft im Euroraum und setze schnelle Reformen um, "um wieder die Führung zu übernehmen"." Finanzminister jammert über "Frankreich-Bashing" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/finanzminister-jammert-ueber-frankreich-bashing-a-922194.html)
■ Frankreich ist die "Wirtschaftslokomotive" in Europa! ■ Frankreich ist die stärkste Wirtschaftsmacht in der Eurozone ■ Frankreich ist Exportweltmeister ■ Frankreich ist die führende Nation im ClubMed ■ Frankreich ist der größte Autobauer der Welt Und wovon träumt Moscovici nachts?
4. Zitat:
knowit 14.09.2013
"um wieder die Führung zu übernehmen". Hab ich da was verpaßt, obwohl ich in F lebe?? Dieses nach dem Krieg hier ausgelobte Ziel wurde jedoch nie erreicht. Statt dessen vergrößerte sich der wirtschaftliche Abstand zum großen Bruder östlich des Rheins immer mehr. Dies schmerzt natürlich die patriotische Seele vieler franz. Politiker. Dieser Patriotismus bzw, Chauvinismus ist hier übrigens im linken Spektrum mindestens so ausgeprägt wie bei den Konservativen, ganz im Gegensatz zu Deutschland, aber das hängt mit Geschehnissen des letzten Jahrhunderts zusammen.
5. trotzdem dominieren die Franzosen die EU !
niealternativlos 14.09.2013
Das EuGH ist französisch dominiert. Richter können eigentlich nur französisch Muttersprachler werden und die Gerichtsordnung ist ebenfalls französisch. C. Lagarde war fr. Finanzminsterin. Wundert sich noch jemand über abstruse Entscheidungen des EuGH. Die grande Nation versucht auch als Kriegstreiber in Syrien von internen Problemen abzulenken. Die Deutsch-Französische Freundschaft ist Geschichte, wenn es sie denn je wirklich gab.
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