Finanzreform in Großbritannien Britische Regierung verschont Banken

Großbritannien startet die lang erwartete Reform der Londoner City: Nach Plänen des Schatzkanzlers Osborne sollen Finanzhäuser das riskante Investmentgeschäft künftig vom Alltagsbanking trennen. Vielen Experten geht der Plan jedoch nicht weit genug - das Schlimmste konnten die Banker verhindern.

Von , London

Blick auf die City of London: Abschlussbericht am 12. September
REUTERS

Blick auf die City of London: Abschlussbericht am 12. September


Es hat etwas gedauert. Knapp drei Jahre nach dem Banken-Crash von 2008 hat die britische Regierung angekündigt, wie sie die Verantwortung der Steuerzahler in künftigen Finanzkrisen minimieren will. Schatzkanzler George Osborne stellte sich am Mittwochabend hinter die Empfehlungen, die eine unabhängige Bankenkommission unter John Vickers im April ausgesprochen hatte.

Die Zustimmung der Regierung bedeutet: Die Banken der Londoner City werden ihr Geschäft zweiteilen müssen, das riskante Investmentbanking soll vom herkömmlichen Privatkundengeschäft getrennt werden. Die beiden Geschäftsbereiche dürfen zwar weiter unter einem Dach betrieben werden, aber jede Abteilung soll eigenes Personal und eigene Kapitalquellen haben.

Die Regierung wolle das "britische Dilemma" lösen, erklärte Osborne in seiner jährlichen Rede im Mansion House im Londoner Finanzdistrikt. Man wolle einen starken Finanzsektor, ohne dass die gesamte Wirtschaft des Landes darunter leiden müsse. London solle die Heimat der global führenden Banken sein - aber nicht auf Kosten des Steuerzahlers.

Die Investmentsparte kann pleitegehen, der Bürger behält sein Erspartes

Grundsätzlich soll daher gelten, dass die Investmentbanking-Sparte einer Bank künftig pleitegehen kann, ohne dass die Einlagen britischer Sparer in Gefahr geraten. Der Geschäftsbereich mit den Spareinlagen soll zusätzlich durch eine Eigenkapitalquote von zehn Prozent gesichert werden. Das liegt deutlich über der im Basel-III-Abkommen vorgeschriebenen Quote von sieben Prozent.

Details nannte Osborne nicht. Wie genau der Schutzzaun um das Kerngeschäft der Banken aussehen soll, wird erst im Herbst feststehen, wenn die Vickers-Kommission ihren Abschlussbericht vorlegt. Bis dahin wird über die Details der Reform noch heftig gerungen.

Mit seiner Grundsatzentscheidung wollte der Schatzkanzler vor allem zeigen, dass die britische Regierung bei den internationalen Bemühungen der Bankenreform nicht hinterher hinkt. Der Schatzkanzler pries die "neue Kultur der Regulierung" und erwähnte auch das neu gegründete finanzpolitische Komitee der Bank of England, das am Donnerstag zu seiner ersten Sitzung zusammenkommt. Das Gremium hat die Aufgabe, Blasenbildung und sonstige Fehlentwicklungen im Finanzsektor frühzeitig zu erkennen. So etwas habe es noch nie gegeben, sagte Osborne.

Gleichzeitig kündigte er an, die 2007 verstaatlichte Bank Northern Rock wieder zu privatisieren. Zum Verkauf stehen die Filetstücke - das Filialnetz und die Vermögenswerte. Die in eine Bad Bank ausgelagerten Giftpapiere bleiben zunächst in Staatsbesitz. Den Verkauf wollte Osborne als "Zeichen des Vertrauens" in den britischen Bankensektor verstanden wissen.

Zerschlagungen sind ausgeschlossen

Trotz aller wohlklingenden Rhetorik - die Londoner Banker kommen unter Osbornes Plänen mit einem blauen Auge davon. Vor dem radikalen Schritt, einer Zerschlagung der Banken, scheut Osborne zurück. Dabei fordern zahlreiche Experten dies seit Jahren, um das Argument des "too big to fail" zu entwerten. Die beiden früheren Finanzminister Nigel Lawson (Tory) und Alistair Darling (Labour) sagten am Mittwoch, dass es besser wäre, die Geldinstitute ganz aufzuspalten.

Die von Osborne vorgeschlagene Trennung der Geschäftsbereiche sei zwar der richtige Gedanke, sagte Lawson, einst eine Schlüsselfigur des Thatcherismus. Doch könnten die Mauern in der Wirklichkeit schnell einstürzen. Es sei sehr schwierig, sie aufrechtzuerhalten, wenn über die getrennten Bankteile derselbe Vorstand, derselbe Aufsichtsrat und dieselben Aktionäre entschieden.

Das Problem ist bekannt: Die "chinesischen Mauern", die in Investmentbanken die Analysten von den Emissionsabteilungen trennen, haben sich in der Vergangenheit als hochgradig porös erwiesen. Vor Börsengängen jubelten Analysten in schöner Regelmäßigkeit Unternehmen hoch, damit ihre Kollegen, die den Börsengang organisiert hatten, einen größeren Profit für die Bank machten. Welche Mauscheleien wären wohl zu erwarten, wenn künftig der Investmentarm einer Bank vor der Pleite steht - und auf der anderen Seite der bankinternen Firewall das rettende Kapital bereitstünde?

Banken drohen mit höheren Kosten und weniger Krediten

Doch während den einen Osbornes Pläne nicht radikal genug sind, gehen sie den anderen viel zu weit. Die Chefs von Barclays Chart zeigen und der Royal Bank of Scotland (RBS) Chart zeigen hatten bereits vergangene Woche gewarnt, dass die Doppelstruktur zu erhöhten Kosten für Bankkunden und weniger Krediten für Unternehmen führen würde. Letztlich sei sogar das systemische Risiko größer, weil die Bank ihre Risiken nicht mehr breit streuen könne, sagte RBS-Boss Stephen Hester dem Finanzausschuss des Unterhauses.

Der Chef der HSBC Chart zeigen, Douglas Flint, hatte gefordert, die neue Definition des Privatkundengeschäfts nicht zu eng zu fassen oder gar auf Großbritannien zu reduzieren. Auch die Bank der Zukunft müsse genug Spielraum für internationale Investitionen haben, um sich etwa gegen Zins- und Währungsschwankungen abzusichern.

Die beiden entscheidenden Fragen sind: Wie dick werden die Wände innerhalb der Banken sein? Und welche Geschäftsfelder kommen auf welche Seite der Wand? Die Antwort gibt es erst am 12. September.

Eins ist jedoch jetzt schon klar. Die Reform kann die Verantwortung der Steuerzahler für die Banken verringern - ganz abschaffen wird sie sie aber nicht. "Es wird immer Umstände geben, unter denen eine Regierung sich verpflichtet fühlen wird, die Banken zu retten", sagte Vickers neulich im Unterhaus. Und auch Osborne will keine Illusionen verbreiten. Im Mansion House sagte er: "Das Risiko kann niemals auf Null reduziert werden."



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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Koana 16.06.2011
1. Eine tatsächliche Regulierung der Banken
- nicht nur in GB - käme in etwa einer Demokratisierung Chinas gleich. Beides sind mögliche Utopien, beides Aufgaben kommender Generationen. Freuen wir uns, über den Frieden in unserem Lande, möge er bestehen bleiben.
DasReptil 16.06.2011
2. .......
Zitat von sysopGroßbritannien startet*die lang erwartete*Reform der Londoner City: Nach Plänen des Schatzkanzlers Osborne sollen Finanzhäuser*das riskante Investmentgeschäft künftig vom Alltagsbanking trennen. Vielen Experten geht der Plan jedoch nicht weit genug - das Schlimmste konnten die Banker verhindern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,768697,00.html
Als ob das "Schlimmste" jemals auch nur in Betracht gezogen worden wäre. Mal wieder kritischer Journalismus "at its finest".
Doctor Feelgood 16.06.2011
3. Aha - geht doch!
Nun wird man also auf dem Inselchen endlich das Trennbankensystem einführen - wenn auch abzuwarten bleibt, wie konsequent. Aber immerhin. Und was passiert hier????
Eldani, 16.06.2011
4. und...
nach dem Spiel ist vor dem Spiel, ... isn't it?
deppvomdienst 16.06.2011
5. Mich würde mal interessieren
Zitat von sysopGroßbritannien startet*die lang erwartete*Reform der Londoner City: Nach Plänen des Schatzkanzlers Osborne sollen Finanzhäuser*das riskante Investmentgeschäft künftig vom Alltagsbanking trennen. Vielen Experten geht der Plan jedoch nicht weit genug - das Schlimmste konnten die Banker verhindern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,768697,00.html
mit welchen Argumenten die strikte Trennung verhindert wurde: was spricht dagegen, Investment- von Retailbanking absolut abzugrenzen in getrennte Unternehmen, keine Personalunion in Leitungs- und Aufsichtsgremien? Und das Gleiche dann noch für Versicherungen und Rating-Agenturen, so dass jede/r nur noch in einem Bereich wirken kann. Allenfalls auf der unteren operativen Ebene, also Zahlungsabwicklung, Kunden- und IT-Service, ... dürfte es Überschneidungen der Geschäftsfelder geben! Den Ackermännern dieser Welt wäre das natürlich ein Greuel - also das beste Argument, es zu tun!
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