Euro-Krise: Finnischer Minister lästert über "lasche" Südländer

In der Euro-Krise verschärft sich der Umgangston. Der finnische Europaminister fordert von den südeuropäischen Krisenstaaten größere Anstrengungen und bezeichnet deren Regierungen als "zu lasch". Helfen will er trotzdem - schließlich seien die Nordländer früher auch mal arm dran gewesen.

Trübe Stimmung in Griechenland: Premierminister Samaras verspricht ein Ende des Sparens Zur Großansicht
dapd

Trübe Stimmung in Griechenland: Premierminister Samaras verspricht ein Ende des Sparens

Berlin - Jetzt bloß nicht schlapp machen! Das ist die Botschaft, die die europäischen Nordländer an diesem Wochenende in Richtung Südstaaten schicken. Am Donnerstag hatte die Europäische Zentralbank (EZB) angekündigt, Krisenländern durch den Kauf von Staatsanleihen zu helfen. Nun fürchten Länder wie Deutschland und Finnland, dass den Südeuropäern der Spareifer abhanden kommen könnte.

Sein Land habe sich in den neunziger Jahren mit einem Sparprogramm am eigenen Schopf aus einer Krise gezogen, sagte der finnische Europaminister Alexander Stubb der "Süddeutschen Zeitung". "Wir fänden es gut, wenn es andere Länder genauso machten."

Er sei wirklich ein großer Freund von Europa und helfe gern, sagte Stubb. "Aber ich will nicht, dass man mich beschuldigt, ich sei zu streng. Nein: Die anderen sind zu lasch, und das muss sich ändern."

Vorsicht vor der "Arroganz des Nordens"

In der Sache ähnlich, aber im Ton etwas vorsichtiger argumentiert Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). "Wir werden die Vertrauenskrise des Euro nur dann überwinden, wenn wir mit den Reformen nicht nachlassen. Noch sind sich die Märkte nicht sicher, dass die Euro-Zone hält", sagte Schäuble der "Bild am Sonntag".

"Es wäre ein schwerer Fehler, wenn die EZB-Entscheidung falsch interpretiert werden würde in dem Sinne, dass man jetzt mit den Anstrengungen nachlassen könne. Das Gegenteil ist richtig", sagte Schäuble. Die Staaten müssten ihre Haushaltsdefizite verringern und ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern. "Und wir müssen die notwendigen institutionellen Reformen in der EU und der Euro-Zone zügig angehen."

Auch der finnische Minister Stubb forderte als Konsequenz aus der Krise eine tiefgreifendere Integration in der Euro-Zone. Die EU-Kommission müsse mehr Macht erhalten, um die Haushalte der Mitglieder zu überwachen. Zugleich warnte Stubb vor einer "Arroganz des Nordens" gegenüber den hilfsbedürftigen Ländern im Süden Europas.

"Vor 20 Jahren herrschten Bankenkrisen in Finnland und Schweden, Dänemark und die Niederlande waren nicht im mindesten wettbewerbsfähig, und Deutschland galt als kranker Mann Europas. Jetzt ist es eben andersherum, und wir müssen dem Süden helfen, wieder auf die Beine zu kommen."

Portugal will noch mehr sparen, Griechenland nicht

In Portugal scheinen die Signale aus Helsinki und Berlin angekommen zu sein. Die portugiesische Regierung kündigte neue Maßnahmen zur Sanierung der Finanzen an. So sollen die Sozialversicherungsbeiträge der Beschäftigten von derzeit 11 auf 18 Prozent erhöht werden, wie Ministerpräsident Pedro Passos Coelho erklärte. Zugleich sollten die Sozialabgaben der Unternehmen von 23,75 auf 18 Prozent gesenkt werden, um die Einstellung von Arbeitskräften zu fördern.

Die Regierung in Lissabon erwartet, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um 3,3 Prozent schrumpft. Die Steuereinnahmen werden nach Schätzungen des Finanzministeriums um zwei Milliarden Euro einbrechen. Unter anderem belastet eine Arbeitslosenquote in Rekordhöhe von 15,7 Prozent die Staatskassen.

Der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras versprach seinen Landsleuten indes, nach dem aktuellen Sparpaket werde es kein weiteres mehr geben. "Dies werden die letzten Kürzungen sein", sagte Samaras bei der Eröffnung der größten Messe Griechenlands in der Hafenstadt Thessaloniki.

Die griechische Polizei zog am Samstag starke Einheiten in Thessaloniki zusammen. Die Gewerkschaften wollten am Abend massiv gegen die neuen Einschnitte protestieren. Das Sparprogramm ist Voraussetzung für weitere Hilfen für Griechenland.

stk/Reuters/dpa/AFP

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1.
glen13 08.09.2012
Zitat von sysopdapdIn der Euro-Krise verschärft sich der Umgangston. Der finnische Europaminister fordert von den südeuropäischen Krisenstaaten größere Anstrengungen und bezeichnet deren Regierungen als "zu lasch". Helfen will er trotzdem - schließlich seien die Nordländer früher auch mal arm dran gewesen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,854708,00.html
Wie schön, dass es Politiker gibt, die Klartext reden.
2. hm
Leto13 08.09.2012
Die Sozialversicherungsbeitraege der Arbeitnehmer hier in GR betragen schon 16,5 % und hinzu kommt monatlich ein Solibeitrag von etwa 1 %.
3. Schlechter Vergleich
duppdidupp 08.09.2012
"Jetzt ist es eben andersherum" Erstens war unsere Situation vor einigen Jahren nicht vergleichbar mit dem Zustand der meisten Südländer heute und zweitens kann ich mich nicht daran erinnern, dass die Südländer uns damals finanziell hätten stützen müssen bzw. auch nur daran gedacht haben. Das Argument zieht einfach nicht und es wird auch niemals zu einer umgekehrten finanziellen Unterstützung kommen, weil dafür einfach die wirtschaftliche Grundlage in den Südländern fehlt. Diese lässt sich auch nicht über Nacht herbeizaubern.
4. Ich bin den Euro satt
WolfHai 08.09.2012
Zitat von sysopdapdIn der Euro-Krise verschärft sich der Umgangston. Der finnische Europaminister fordert von den südeuropäischen Krisenstaaten größere Anstrengungen und bezeichnet deren Regierungen als "zu lasch". Helfen will er trotzdem - schließlich seien die Nordländer früher auch mal arm dran gewesen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,854708,00.html
Recht hat er, der finnische Minister. Noch besser aber wäre es, wenn es den fürchterlichen Euro nicht gäbe. Denn dann ginge so etwas andere Länder nichts an, da der grenzübergreifende Einfluss von Krisen viel geringer wäre; und die Krisenländer könnten sich nach ihrem eigenen Zeitplan und ihren eigenen Präferenzen aus der Krise befreien. Außerdem würden ihre Krisen nicht Transferzahlungen von Hunderten von Milliarden zu Lasten anderer Länder erfordern. Ich bin es jedenfalls satt, dass das deutsche wirtschaftliche Wohlbefinden jetzt weniger davon abhängt, ob wir in Deutschland gut wirtschaften, sondern davon, wie andere Länder, auf die wir kaum Einfluss haben, ihre sozialen Konflikte lösen und ob sie es überhaupt können. Ebenfalls habe ich es satt, dass das Niveau von Sozialleistungen und Renten usw. andere Länder, von denen ich absolut nichts verstehe und um die ich mich auch nicht kümmern müssen möchte, vom Wohl und Wehe meiner eigenen Regierung abhängen. Ich möchte z.B. keine Bilder mehr von armen, obdachlosen Griechen im deutschen Fernsehen sehen, verbunden mit der vagen Unterstellung, das hinge mit den Sparauflagen meiner Regierung zusammen. Wenn ich das richtig erinnere, waren die Südländer vor dem Euro irgendwie in der Lage, ihre eigenen Problem anzugehen, und das ohne unser Geld und ohne unsere Ratschläge. Das war besser.
5. Zukunft sieht anders aus!
mischpot 08.09.2012
Es sind doch nicht die laschen Südländer sondern die Abzocker des Euro Systems, die Banker, die Versicherungskonzerne, die Industrie und das alles mit Hilfe der Politiker die sich die Taschen vollstecken. Der Korruption und Selbstberreicherung aus diesen Kreisen ist die Krise zu schulden. Daher ist auch der Schritt Draghis dem ehemaligen Präsidenten von Goldman Sachs ein weiterer Schritt dieser Bereicherung. Haften sollen alle, die Steuer steigt, die Inflation wird kommen und ist schleichend schon längst da. Die Preise beim Discounter steigen jedenfalls. Und keiner der Verantwortlichen will haften.
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