Hamburg - Die Kreditklemme in Südeuropa verschärft sich. Laut "Wall Street Journal" ("WSJ") gehen viele Unternehmer aus den Euro-Krisenländern inzwischen mit dem Klingelbeutel um die Welt, auf der Suche nach Kreditgebern.
Immer seltener kommen sie demnach an Kapital. Bankkredite an Firmen aus der Euro-Zone seien 2012 bislang im Jahresvergleich um 43 Prozent gesunken, berichtet die Zeitung unter Berufung auf Statistiken von Dealogic, einem britischen Beratungshaus, dessen Datendienste zahlreiche Investmentbanken nutzen. In den vergangenen fünf Jahren sei das Kreditvolumen gar um 68 Prozent zurückgegangen.
Europäische Unternehmen müssen sich zusehends kreative Lösungen überlegen, um flüssig zu bleiben - und dabei teils wenig vorteilhafte Konditionen akzeptieren. Der Verkauf von Firmenanteilen ist für Unternehmen oft keine Option, da man diese oft nur zu Ramschpreisen loswerde. Eine kaum bessere - aber offenbar oft praktizierte Taktik - sei es, ausländische Banken oder Private-Equity-Firmen anzuzapfen. Folgt man der Spur des Geldes, wird deutlich, wie Europas wirtschaftliche Substanz leidet.
Das "WSJ" nennt als Beispiel Cementos Portland Valderrivas, eine spanische Zementfirma, die durch die jahrelange Immobilienkrise im Land schwer gebeutelt ist. Die Nachfrage nach Zement ist in Spanien seit 2007 um zwei Drittel gefallen. Vor kurzem drängten Banken das Unternehmen dazu, seine Kreditlinie von insgesamt rund 1,5 Milliarden Euro zu reduzieren.
Fragwürdige Konditionen für Kredite
Firmenanteile wollte Cementos Portland Valderrivas nicht verkaufen, also handelte sie mit dem US-Finanzinvestor Blackstone einen Kredit aus: sechs Jahre Geld zu zehn Prozent Zinsen, abgesichert durch Cementos Portland Valderrivas' US-Geschäft. Dazu müssen die Spanier dem US-Investor zum Ende der Leihfrist auch noch einen Teil des Cashflows aus dem US-Geschäft überweisen.
Die Konditionen sind mies. Doch Cementos Portland Valderrivas kann seine Schulden mit dem Blackstone-Geld auf 1,1 Milliarden drücken - und muss sein US-Geschäft nicht ausgerechnet in dem Moment versilbern, wo sich der Markt ein wenig zu erholen scheint. Laut Juan Bejar, Chef von Cementos Portland Valderrivas, geht es derzeit vor allem ums Durchhalten, um fast jeden Preis, in der Hoffnung zu überleben, bis wieder Profite möglich sind.
Ein Blackstone-Manager sprach im "WSJ" von einem guten Geschäft. Es werde immer mehr Situationen geben, in denen solche Deals denkbar seien.
Andere europäische Firmen suchen Hilfe in sogenannten Schwellenländern. So refinanzierte Portugal Telecom einen Teil seiner Schulden kürzlich mit Krediten der Banco do Brasil. Der portugiesische Energieriese EDP wandte sich im Juli an die China Development Bank. Im Gegenzug verkaufte EDP 21 Prozent seiner Firmenanteile an China Three Gorges Corp - ein Unternehmen, das vom chinesischen Staat kontrolliert wird.
ssu
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Staat & Soziales | RSS |
| alles zum Thema Euro-Krise | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH