Von Somalia nach Deutschland Ilyaas Ahmads große Chance

Ilyaas Ahmad wollte ein Praktikum. Er bekam 70 Absagen. Dann postete er seine Bewerbung auf einem Kleinanzeigenportal. Inzwischen ist der somalische Flüchtling Fachlagerist - und sehr zufrieden.

Flüchtling Ilyaas Adam Ahmad: Azubi in Hamburg
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Flüchtling Ilyaas Adam Ahmad: Azubi in Hamburg


Hätte seine Betreuerin auf die Behörden gehört, dann hätte Ilyaas Adam Ahmad keinen Abschluss. Dann wäre der somalische Flüchtling vermutlich arbeitslos.

Wenn man ihn sieht, ohne seine Geschichte zu kennen, könnte man meinen, Ilyaas Ahmad wäre einfach ein gut gelaunter, fleißiger junger Mann, der sich über seinen Beruf freut. Aber für ihn ist der Arbeitsplatz, an dem er in diesem Sommer eine zweijährige Ausbildung als Fachlagerist abgeschlossen hat, viel mehr als sein erster Job. Es ist die vorläufige Endstation einer lebensgefährlichen Reise.

Sommer 2009. Vor sechs Jahren lebte Ahmad noch mit seiner Familie in Mogadischu. "Als am 18.6.2009 mein Vater umgebracht wurde", erzählt er, "war die Lage nicht mehr sicher. Dann hat meine Mutter beschlossen, dass ich weggehe. Einfach weg. Und dann hat die Reise angefangen."

Damals, so erzählt er es, ging es von Somalia erst nach Kenia, dann nach Äthiopien, über den Sudan durch die Sahara bis nach Libyen. Nach Malta mit einem kleinen Boot. Ahmad floh weiter nach Italien, kam schließlich nach Hamburg. Ohne einen Cent in der Tasche, ohne ein Wort Deutsch, ohne zu wissen, in welcher Stadt er eigentlich war.

"Mein Traum war es nicht, nach Deutschland zu kommen", sagt er. "Mein Traum war es, von zu Hause wegzugehen. Woandershin, wo es sicher ist."

Wenn der Postmann mit der Absage kommt

17. November 2010. Die Sozialpädagogin Anja Bremmes erinnert sich gut an den Tag, an dem sie Ilyaas Ahmad kennenlernte. Der "unbegleitete minderjährige Flüchtling", wie die Behörden ihn nennen, ist einer von Bremmes "Betreuten" in der Jugendwohnung, in die er nach der Erstaufnahme kommt.

"Er war durch die Erstversorgungseinrichtung nur mit Sommerbekleidung ausgestattet", sagt die 47-Jährige. "Es war ein langer Weg, bis das Grundsicherungsamt 200 Euro Kleidungsgeld bewilligt hat. Davon mussten wir eine Winterjacke, warme Schuhe, Handschuhe, Mütze, Schal und eine Jeans kaufen."

Ahmad ist zu diesem Zeitpunkt fast 18, ein Schulplatz soll ihm daher verwehrt werden. Aber seine Betreuerin will das nicht gelten lassen. Wieder und wieder hakt sie nach. So kann er nach einem Deutschkurs ab Sommer 2011 endlich zur Schule gehen.

Einem somalischen Flüchtling aber hilft der Hauptschulabschluss, den Ahmad erlangt, bei der Jobsuche offenbar nur bedingt weiter. "Nach der Schule habe ich angefangen, mich zu bewerben", erzählt Ahmad.

Es kommen nur Absagen: 10, 20, 30. "Ich habe es gehasst, wenn der Postmann kommt", sagt Ahmad. Über 70 Bewerbungen hat er mit Hilfe seiner damaligen Betreuerin geschrieben. "Nichts ist dabei rausgekommen."

Eine Bewerbung auf Ebay-Kleinanzeigen

Eines Tages sieht er jemanden an einem Computer sitzen. "Der hat Sachen verkauft, auf Ebay-Kleinanzeigen. Da habe ich gesagt: Hier poste ich meine Bewerbung auch! Meine Freunde meinten, spinnst du? Das macht man nicht. Aber ich habe gesagt: Egal, das mache ich."

Zur Antwort erhält er zunächst nur Beleidigungen. Auch auf Facebook muss Ahmad Demütigungen erdulden: "Ihr seid sowieso nur hier, um Hartz IV zu bekommen!", schreibt ihm jemand. Einige Nutzer hätten ihn aber auch verteidigt.

"Und dann kam endlich die Chance von Herrn Mende", sagt Ahmad. "Und die hab ich genutzt."

Ernst Mende, Ilyaas Ahmad vor einer Karte mit dem Vertriebsnetz: Kunden weltweit
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Ernst Mende, Ilyaas Ahmad vor einer Karte mit dem Vertriebsnetz: Kunden weltweit

Ernst Mende betreibt in Hamburg einen Onlineversandhandel für Strumpfwaren. Der gebürtige Rheinländer sucht gern Praktikanten in der Nähe seines Betriebs. Deshalb schaut er auch schon mal bei den Kleinanzeigen nach Bewerbern - und findet: Ilyaas Ahmad. Der macht zunächst ein Praktikum in dem Unternehmen, dann seine Ausbildung.

Wie man einem somalischen Azubi, der noch sehr wenig deutsch spricht, beim Start in den Beruf helfen kann, liegt für Mende auf der Hand: "Erst mal muss man ihm den Glauben vermitteln, dass er das kann."

Für den Alltag im Betrieb spielen dann natürlich noch andere Dinge eine Rolle: "Die Weltkarte zum Beispiel", sagt Mende. "Wir verschicken nicht nur nach Deutschland, sondern auch in die Europäische Union und in Drittländer. Und diese Sendungen müssen wir alle anders behandeln. Beim Drittland, da müssen Sie eine Zollerklärung mit dazu legen. Das wiederum müssen Sie Ihren Mitarbeitern vermitteln - für die verschiedenen Staaten: Dass zum Beispiel Großbritannien in der EU ist, Norwegen aber nicht", erklärt der Betriebswirt und fügt hinzu: "Das war schon eine interessante Erfahrung: Wie bringe ich das jemandem bei, der nie in seinem Leben einen Atlas gehabt hat? Der nie in seinem Leben gelernt hat, wo welches Land ist."

Wenn Ahmad von seiner Arbeit erzählt, spricht er so flüssig, als sei er schon seit sehr langer Zeit in Deutschland. "Ich habe gelernt, wie man eine Bestellung kommissioniert, Rechnungen schreibt, und wie man richtig mit einem Computer umgeht", erklärt er.

Somalischer Flüchtling Ahmad: "Ich bin so froh, dass ich einen Beruf habe"
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Somalischer Flüchtling Ahmad: "Ich bin so froh, dass ich einen Beruf habe"

Einige Worte in der Firma waren zunächst gänzlich neu für ihn: Amber. Perle. Diamant. Bronze. "Es gibt viele Farben, die ich nie gelernt hatte", sagt er. "Aber hier sind sie wichtig." Es sind die Farbtöne von Feinstrumpfhosen.

Als junger Mann zwischen lauter Damenstrumpfhosen? Wie fühlt sich das an? "Ehrlich gesagt wollte ich am Anfang immer niemandem sagen, wo ich arbeite", sagt er und schaut ein wenig verlegen. "Aber mit der Zeit ist es ganz normal geworden."

Heute, zwei Jahre nach dem Beginn seiner Ausbildung, sagt Ilyaas Ahmad: "Ich bin so froh, dass ich einen Beruf habe. Dass ich jetzt meine Miete alleine zahlen kann. Und Steuern!" Dann lacht er sein strahlendes Lachen.

Die Berufsschule, die Staatliche Gewerbeschule Werft und Hafen (G7) in Hamburg, absolvierte er in diesem Jahr als Klassenbester. Den mittleren Schulabschluss, der dem Realschulabschluss entspricht, hat er wegen seiner guten Noten auch in der Tasche. Gerade wurde ihm zudem einer der Ausbildungspreise für Azubis des Nordens 2015 des AGA Unternehmensverbands zugesprochen.

Im Anschluss an die Ausbildung hatte Ahmad von seinem Chef erst einmal einen Arbeitsvertrag erhalten. Aufbauend auf seinen Abschluss könnte er nun eine einjährige Folgeausbildung als Fachkraft für Lagerlogistik machen. Für die aber kann Mendes kleiner Betrieb nicht alle notwendigen Kenntnisse vermitteln, dafür muss sich Ahmad nach einem neuen Job umschauen. Er hat bereits eine Stelle in Aussicht.

Auch die Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis, die ihm laut seiner früheren Betreuerin aus humanitären Gründen nach § 25 erteilt wurde, muss der Somalier bald beantragen. Nun hofft er auf eine neue Chance.

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