Flüchtlinge als Konsumenten Heute im Heim, morgen Kunde

Die vielen Flüchtlinge sind eine Chance für die deutsche Wirtschaft, sagen Ökonomen. Unternehmen hoffen nicht nur auf neue Arbeitskräfte, sondern auch auf neue Kunden - dafür müssen die Neuankömmlinge aber erst mal Geld verdienen.

Ankunft von Flüchtlingen in München im September: Wie können wir die Leute erreichen?
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Ankunft von Flüchtlingen in München im September: Wie können wir die Leute erreichen?

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Millionen Syrer haben ihr Zuhause schon verloren, als ein Teehersteller aus Sri Lanka bei Burhan Gözüakca anruft. Die Produkte des Unternehmens waren vor dem Bürgerkrieg in Syrien beliebt. Jetzt aber ist das Unternehmen auf die Hilfe des Berliner Werbers angewiesen.

"Ihnen war ein ganzer Markt weggebrochen und hatte sich nach Deutschland verlagert", sagt Gözüakca. "Sie fragten: Wie können wir die Leute in Deutschland erreichen?" Der Werber hat geholfen: Ab Januar 2016 sind die Tee-Produkte in Deutschland auf dem Markt.

Wenn sich die Konsumgewohnheiten von Migranten ändern, gehört Gözüakca zu den ersten, die das merken. Seit 1998 ist er im "Ethno-Marketing"-Geschäft, seine Agentur Beys entwirft Werbung, die auf Migranten zugeschnitten ist.

Gözüakca rechnet damit, dass in Zukunft auch andere im arabischen Raum beliebte Markenhersteller Flüchtlinge in Deutschland ansprechen wollen. Seine Agentur berät auch den amerikanischen Bargeldtransfer-Anbieter Western Union. Laut Weltbank werden Flüchtlinge und Migranten in diesem Jahr 440 Millionen Dollar in ihre Herkunftsländer überweisen.

Während der Flucht sind Migranten vor allem auf zwei Dinge angewiesen: Strom und Mobiltelefone. Haben sie sich erst einmal im Zielland niedergelassen, werden sie auch für den Lebensmittelhandel interessant. Burhan Gözüakca sieht hier vor allem die türkischen und arabischen Supermärkte im Vorteil, die schon jetzt einen gefestigten Stamm von Kunden aus den Herkunftsländern der Flüchtlinge haben. "Sie stellen sich auf solche Veränderungen schneller ein, als es der restliche Einzelhandel könnte."

Arabische Schriftzüge im Laden

Önder Irgi von der Eurogida-Gruppe kann das bestätigen. 14 Supermärkte betreibt das Familienunternehmen in Berlin. "Wir sehen die Flüchtlinge schon jetzt als Kunden", sagt Irgi. In einigen seiner Geschäfte habe das Unternehmen bereits arabisch sprechende Mitarbeiter eingestellt und Schilder mit arabischen Schriftzügen aufgestellt. Das Sortiment will Irgi nicht ändern. Eurogida habe schon jetzt viele arabische Kunden und kenne deren Konsumgewohnheiten.

Wie attraktiv Flüchtlinge als Konsumenten für die deutsche Wirtschaft sein werden, hängt davon ab, wie schnell und wie gut es gelingt, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Im gemeinsamen Herbstgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute heißt es zwar schon jetzt: "Auch durch die Zuwanderung stellt sich eine erhöhte Konsumnachfrage ein."

Grund dafür sei derzeit jedoch, dass die Flüchtlinge das Geld ausgäben, das sie vom Staat bekommen, sagt Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, einer der Autoren des Herbstgutachtens. "Längerfristig hängt alles davon ab, wie viel die Flüchtlinge zur Produktion beitragen. Wenn sie die nächsten Jahre in den Unterkünften bleiben, wird das keine positiven Nachfrageeffekte haben", sagt er. "Wenn sie aber ihr eigenes Geld verdienen, dann können sie auch als Konsumenten die Binnennachfrage stärken."

Die Institute gehen von 900.000 Asylsuchenden in diesem Jahr und von 600.000 im Jahr 2016 aus. "Die Wirtschaftskraft des Landes reicht aus, um mit den Herausforderungen der Flüchtlingsmigration fertig zu werden", sagte Oliver Holtemöller vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle. "Es gibt genügend offene Stellen", sagt auch Döhrn. "Wir beobachten seit einiger Zeit, dass die Arbeitslosenzahl stagniert, die Zahl der offenen Stellen aber steigt."

Önder Irgi erlebt, wovon der Ökonom spricht. "Wir finden keine Arbeitskräfte", sagt der Geschäftsführer von Eurogida. Von der Flüchtlingsmigration verspricht er sich nicht nur neue Kunden, sondern auch Mitarbeiter. "Einen Flüchtling, der motiviert ist und Deutsch lernt, stelle ich sofort ein."

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