Misshandlung in Flüchtlingsheimen "So etwas musste passieren"

Die Misshandlungen im Flüchtlingsheim Burbach versucht Betreiber European Homecare auf den dortigen Sicherheitsdienst zu schieben. Doch auch in einem Homecare-Heim in Essen berichten Mitarbeiter und Insassen von Gewalt und Überforderung.

Von , Essen

Einfahrt zum Opti-Park in Essen: Vier Anzeigen gegen das Wachpersonal
SPIEGEL ONLINE

Einfahrt zum Opti-Park in Essen: Vier Anzeigen gegen das Wachpersonal


Essen - Probleme mit dem Sicherheitsdienst? Die Antwort kommt ohne Zögern. "Sie haben Leute geschlagen", sagt der junge Mann, der nur Französisch spricht und nach eigener Aussage aus Algerien stammt. Außerdem habe es zeitweise nichts zu essen gegeben. Jetzt sei hier im Opti-Park manches anders. "Alle Teams wurden ausgetauscht."

Tatsächlich: Beim Betreten des Gewerbehofs in Essen-Altendorf trifft man am Dienstagabend auf die Streife eines neu engagierten Security-Unternehmens. Ein Wachmann grüßt höflich, im Hintergrund dudelt orientalischer Pop. Alles wirkt friedlich.

Doch auch in der erst Mitte August eröffneten Flüchtlingsunterkunft soll es zu Übergriffen gegen Bewohner gekommen sein, wie sie im nordrhein-westfälischen Burbach für Aufsehen sorgen. Die Essener Polizei bestätigt, dass es in den vergangenen zwei Wochen insgesamt vier Anzeigen von Heimbewohnern gegen Sicherheitspersonal im Opti-Park gab. Ein Algerier legte sogar ein ärztliches Attest vor.

Betrieben wird die Einrichtung genauso wie das Heim in Burbach vom Essener Unternehmen European Homecare (EHC), das in beiden Fällen den Sicherheitsdienst SKI engagierte. Nach Bekanntwerden der Misshandlungen zeigte EHC sich "schockiert" und kündigte umgehend die Zusammenarbeit mit SKI. Die Missstände wurden allein dem Subunternehmer zugeschoben. Doch an dieser Erklärung gibt es berechtigte Zweifel.

"So etwas wie in Burbach musste passieren", sagte ein Opti-Park-Mitarbeiter SPIEGEL ONLINE. Er verurteilte die Gewalttaten deutlich, stellte sie aber auch als Ergebnis eines insgesamt überforderten Systems dar. "Wenn man Leuten Macht gibt und sie gleichzeitig unter Druck setzt, überrascht es mich nicht, dass die Leute explodieren."

Viel mehr Bewohner als geplant

Dass der Opti-Park überlastet ist, räumt auch die zuständige Bezirksregierung Arnsberg ein. Gedacht waren die Räumlichkeiten in einer ehemaligen psychiatrischen Klinik für 300 Bewohner. Derzeit lebten aufgrund des Mangels an anderen Unterkünften jedoch "etwa 450" Menschen in dem Heim, sagt ein Regierungssprecher. Die Lage sei "sehr angespannt und schwierig". Die Regierung dementiert jedoch, dass durch die Überbelegung auch der Brandschutz nicht mehr gewährleistet sein könnte.

Für die große Menge an Flüchtlingen sollen zeitweise nur drei Wachleute von SKI zuständig gewesen sein. Und die waren enger in den Betrieb eingebunden, als man es bei EHC gerne darstellt. SKI-Angestellte hätten sogar bei Übersetzungen geholfen, berichtet der Opti-Park-Mitarbeiter - denn auch von ihnen hätten viele ausländische Wurzeln gehabt. Das kostengünstige Angebot, mit dem EHC öffentlich für seine Dienste wirbt, lässt offenbar viele Lücken, welche dann von eigentlich unqualifizierten Mitarbeitern gefüllt werden müssen.

Auch Flüchtlinge packen im Opti-Park mit an: Für einen Stundenlohn von einem Euro können sie sich mit Hilfsarbeiten ein winziges Zubrot verdienen. Doch selbst die Auszahlung dieser Mini-Löhne verzögerte sich. Das vergrößerte den Frust, der in Essen ebenso wie in Burbach zu Massenschlägereien führte.

European Homecare ließ eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE bis Mittwochabend unbeantwortet. In allgemeinen Pressemitteilungen zeigt sich das Unternehmen derweil bemüht, weiter als souveräner Hausherr zu erscheinen. Geschäftsführer Sascha Korte "begrüßte" die verschärften Vorgaben des nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger (SPD) für Sicherheitsdienste in Füchtlingsunterkünften. "Klar ist aber auch, dass beauftragte Sicherheitsunternehmen nicht alle neuen Anforderungen von heute auf morgen erfüllen können."

Allein auf freiwillige Verbesserungen der Branche scheint man auch bei der Bezirksregierung nicht mehr hoffen zu wollen. Einem Sprecher zufolge hat sie eine Task Force gebildet, die alle Flüchtlingseinrichtungen überwachen soll - auch den Opti-Park: "Wir haben seit heute einen Mitarbeiter permanent vor Ort."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes stand Arnsbach statt Arnsberg, wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 22 Beiträge
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89518 01.10.2014
1. Auf der Homepage der Landesregierung NRW
heißt es: "Den Menschen in den Mittelpunkt jeden Handelns stellen – dafür steht die Landesregierung aus SPD und Bündnis 90/Die Grünen unter Ministerpräsidentin Hannelore Kraft." Soweit so heuchlerisch. Das Gewaltmonopol obliegt dem Staat und dieser hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Anstatt den Menschen tatsächlich in den Mittelpunkt zu stellen, wie die Landesregierung NRW auf der Startseite ihrer Homepage behauptet, entzieht sie sich ihrer Verantwortung. Dies geschieht durch Beauftragung von sogenannten "sozialen Dienstleistern", wie sich z.B. European Homecare selbst bezeichnet. Die ihrerseits wiederum billige Wachdienste engagieren. Stünde tatsächlich der Mensch im Mittelpunkt, woher er auch immer kommen mag, würde man kein gewinnorientiertes Unternehmen beauftragen. Mir kann niemand erzählen, dass ein Flüchtling für vier Euro am Tag, diese Zahl stammt aus der FAZ, menschenwürdig untergebracht und versorgt werden kann. Schon gar nicht, wenn das Unternehmen von den vier Euro sicher noch einen zweistelligen Prozentanteil Gewinn einfahren möchte. SPD und Grüne wollen so viele Flüchtlinge aufnehmen wie nur möglich, was ich persönlich für ein hehres Ziel halte. Diese positive Grundhaltung wird aber ad absurdum geführt durch eine Realpolitik, die sich eben nicht am Menschen als Mittelpunkt, sondern einzig und allein am Geld orientiert.
Erich91 01.10.2014
2. Da bekommt ein Hartz 4 Empfänger
sogar noch etwas weniger. Das Versagen von Einzelpersonen der jeweiligen Regierung anzukreiden ist doch weit hergegriffen. Der Mensch sollte wohl im Mittelpunkt stehen, um das aber zu erreichen, müssten viele auf gewisse Leistungen, die für sie slbstverständlich sind, verzichten bzw. sich gehörig einschränken. ES wird keine Regierung auf der Welt geben, die alle zufriedenstellt.
Wassup 01.10.2014
3. Mehr Geld für Flüchtlingsbetreuung - Wahlgeschenke einkassieren!
Es ist an der Zeit, einige der Wahlgeschenke einzukassieren, welche die rot-grüne Regierung in NRW gemacht hat. In NRW gibt die Landesregierung für viele Dinge Geld aus - die man sich in Bayern spart. Geld welches das Land Bayern nicht hat, da es mehr für die Kommunen gibt, auch für die Flüchtlingsversorgung. Dafür gibt Bayern mehr geld für die Kommunen aus, auch um die Flüchtlingsversorgung zu gewährleisten.
Drunken Masta 01.10.2014
4. Politik
So läuft das nunmal viel zu oft im Politikgeschäft. Grundsätzlich erstrebenswerte Ziele sehr hoch stecken und wunderbar verpackt verkaufen und an den Bürger bringen. Bei der tatsächlichen Umsetzung ist dann oft nichtmehr viel davon übrig und man versucht, ganz dem Kapitalismus entsprungen, mit möglichs wenig Einsatz möglichst viel Effekt zu erzielen. Wenn dabei zB ein Pannenflughafen dabei rauskommt ist es blamabel, wenn im Fall von Flüchtlichen so drastisch deutlich wird wohin das Versagen von Entscheidungsträgern führt ist es einfach nur traurig für einen der reichsten Flächenstaaten der Welt.
gerd.lt 01.10.2014
5. Schuldverlagerung
Schuld sind nicht die Sicherheitsdienste, sondern die Politik, die diese Aufgabe auf diese übertragen hat, denn denen musste doch bewusst sein, dass für diesen Preis keine menschliche und ordnungsgemäße Behandlung von Menschen möglich ist. Die Grenze des Privatisierungswahns ist längst überschritten und wird nicht erst jetzt deutlich, denn durch diese Politik hat sich das Maß radikal verändert, dass Maß aller Dinge ist schon lange nicht mehr der Mensch, sondern das Geld. Letzteres wird durch unsere Politiker zur immer weiteren Anhäufung den oberen 10 Prozent der Gesellschaft überlassen. Zur Erfüllung staatlicher Aufgaben, und dazu gehört auch die menschliche Unterbringung der Flüchtlinge, bedarf es einer gerechten staatlichen Steuerpolitik. Ich habe nichts dagegen, wenn der VW Manager 17 Millionen Euro bekommt, allerdings nur bei einem Steuersatz von 90 Prozent.
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