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Ifo-Studie: Grenzkontrollen kosten jeden Deutschen bis zu 132 Euro

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Grenzkontrolle auf der Autobahn 3 (Archivbild) Zur Großansicht
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Grenzkontrolle auf der Autobahn 3 (Archivbild)

Grenzkontrollen behindern Handel, Tourismus und Pendler. Was das kostet, hat nun das Ifo-Institut berechnet.

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Der Spediteur Georg Dettendorfer aus dem bayerischen Kiefersfelden weiß genau, was ihn die Grenzkontrollen der deutschen Polizei kosten. 300 Lastwagen sind für sein Unternehmen unterwegs, die stehen bei jeder Fahrt über die Grenze zu Österreich rund 30 Minuten im Stau. Das macht 40.000 Euro - im Monat.

Was der Unternehmer sofort in seiner Bilanz sieht, versuchen Ökonomen derzeit für ganz Deutschland zu berechnen. Seit in der Flüchtlingskrise überall in Europa wieder Grenzen kontrolliert werden, ist die Frage nach den ökonomischen Kosten einer solchen Politik brandaktuell.

Die neueste Untersuchung kommt vom Münchener Ifo-Institut und liegt SPIEGEL ONLINE vor. Demnach betragen die Kosten je nach Ausmaß der Kontrollen zwischen 17 und 132 Euro pro Einwohner und Jahr.

Das Institut spielt unterschiedliche Szenarien durch:

  • In der teuersten Variante werden alle Schengen-Grenzen in Europa kontrolliert.
  • Demgegenüber steht ein günstigeres Szenario, bei dem gezielt die Balkanroute und der Weg durch Italien kontrolliert werden, alle anderen Grenzen jedoch nicht.

Diese Schätzungen betrachten den Handel mit Waren und erstmals auch den mit Dienstleistungen. Auswirkungen auf den Tourismus, Pendler und die Ausgaben für Grenzpolizisten sowie die notwendige Infrastruktur sind nicht berücksichtigt.

Die Idee hinter der Studie: Durch die Kontrollen wird der Handel über Grenzen hinweg teurer, weil die Fahrt länger dauert. In der Folge wird zwischen den betroffenen Ländern weniger gehandelt, was sich wiederum negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirkt.

Transport lohnt nicht mehr

Dass Grenzkontrollen den Handel beschneiden, beobachtet Spediteur Dettendorfer bereits jetzt. Holzreste von Sägewerken, die sein Unternehmen normalerweise von Bayern nach Österreich fährt, bleiben nun in Deutschland. "Der Transport lohnt sich nicht mehr. Wir nehmen stattdessen einen geringeren Preis in Deutschland in Kauf", sagt Dettendorfer.

Andere verfügbare Studien haben bisher lediglich die Auswirkungen auf den Warenhandel - ohne Dienstleistungen - berechnet. Die EU-Kommission beziffert diese Kosten in einer bisher unveröffentlichten Rechnung auf rund 7 Euro pro Einwohner und Jahr.

Die Bertelsmann Stiftung wiederum errechnete Wohlfahrtsverluste im ersten Jahr von 29 bis 87 Euro für jeden Deutschen - basiert ihre Studie allerdings teilweise auf 30 Jahre alte Zahlen.

Die Überblicksgrafik zeigt, dass alle Autoren im ersten Jahr der Grenzkontrollen ähnlich große Effekte finden - die Zahlen des Ifo-Instituts sind ohne Dienstleistungen definitionsgemäß kleiner:

Die Szenarien im Überblick
Mittelfristig sagen sowohl die Bertelsmann Stiftung als auch die Kommission allerdings voraus, dass die Kosten jedes Jahr stark steigen werden - im Extremfall auf etwa 360 Euro pro Einwohner im Jahr 2022. Durch diesen Anstieg kommen die Forscher über die Jahre auf deutlich höhere Kosten als die Ifo-Wissenschaftler.

Allen Studien ist gemein, dass die Kosten für andere Wirtschaftsbereiche als dem Handel - insbesondere Tourismus und die Mehrkosten für Pendler - und die direkten Ausgaben für die Kontrollen in den obigen Angaben nicht enthalten sind.

Sowohl die EU-Kommission als auch die Denkfabrik France Stratégie beziffern diese in zusätzlichen Rechnungen auf etwa 0,05 bis 0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - das wären für jeden Deutschen noch einmal zwischen 17 und 35 Euro pro Jahr.

Eine gute Vergleichsgröße fehlt bisher

Doch was fängt man jetzt mit diesen Zahlen an? Im Prinzip müsste man diese mit den Kosten ohne Grenzkontrollen vergleichen, meint Matthias Lücke, Ökonom vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

Das Problem: Diese Kosten kennt niemand. Das Ifo-Institut nutzt als Vergleichsgröße pauschal die Kosten für die Flüchtlingsversorgung insgesamt - so als ob mit Grenzkontrollen kein einziger Flüchtling mehr nach Deutschland kommen würde. Das ist aber nicht der Fall.

Ökonomische Studien, wie viel der Staat durch Grenzkontrollen spart - beispielsweise weil die Ankommenden besser registriert werden oder ein Teil der Menschen direkt an der Grenze abgewiesen wird - gibt es nicht. Die Frage, wie stark an den Grenzen kontrolliert wird, bleibt also weiter eine politische - die wirtschaftlichen Argumente helfen bisher nur wenig.

Für Spediteur Dettendorfer ist die Sache hingegen klar. Er würde die Grenzkontrollen lieber heute als morgen wieder abschaffen. Die Kontrollen seien bereits jetzt für die eng verwobene Wirtschaft im Grenzgebiet und die Bevölkerung eine enorme Belastung.

Zusammengefasst: Nach einer Studie des Ifo-Instituts kosten Grenzkontrollen jeden Deutschen zwischen 17 und 132 Euro pro Jahr - abhängig davon, welche Grenzen kontrolliert werden. Die Studie ist genauer als alle bisherigen - vernachlässigt aber weiterhin Tourismus, Pendler und die Staatsausgaben für Kontrollen. Das größte Problem: Es gibt keine Vergleichsrechnungen für ein Szenario ohne Grenzkontrollen - damit helfen alle Studien in der politischen Diskussion nur wenig.

Was ist gesichert, was nicht?

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