Fachkräftemangel Deutschlands Mittelständler hoffen auf die Flüchtlinge

Der Mittelstand sucht händeringend Arbeitskräfte - und würde gerne Flüchtlinge einstellen. Doch so einfach wird das leider nicht.

Aus Somalia geflüchteter Schweißer bei Mittelständler Reuther STC in Fürstenwalde: "Bereitschaft und Potenzial sind groß"
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Aus Somalia geflüchteter Schweißer bei Mittelständler Reuther STC in Fürstenwalde: "Bereitschaft und Potenzial sind groß"

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Manchmal ist ein Problem die Lösung für ein anderes Problem. Der deutsche Mittelstand etwa klagt über einen erheblichen Fachkräftemangel, wie das aktuelle Mittelstandsbarometer der Wirtschaftsberatung Ernst & Young (EY) belegt: 62 Prozent der Betriebe können freie Stellen nicht besetzen, 49 Prozent müssen deshalb gar Aufträge ablehnen. Hochgerechnet gehen dem Mittelstand dadurch fast 46 Milliarden Euro an Umsatz im Jahr verloren, insgesamt fehlen ihm 326.000 Arbeitskräfte.

Gleichzeitig dürfte der Zuzug von Flüchtlingen in diesem Jahr für 380.000 zusätzliche potenzielle Arbeitskräfte sorgen, schätzt die Bundesagentur für Arbeit (BA) - also etwas mehr, als dem Mittelstand fehlen. Kann der Mittelstand sein Fachkräfteproblem also mit den Flüchtlingen lösen - und finden umgekehrt Flüchtlinge in mittelständischen Betrieben den ersehnten Arbeitsplatz?

Zumindest bemüht sich der Mittelstand sichtlich um geeignete Bewerber. Die Verbände - ob Handwerks- oder Industrie- und Handelskammern - haben zahlreiche Projekte angeschoben, um Flüchtlinge zu qualifizieren. Sie beschließen Aktionsprogramme, informieren Mitgliedsbetriebe und fordern von der Politik die passenden Rahmenbedingungen.

"Im Mittelstand sind das Potenzial und die Bereitschaft enorm, Flüchtlinge einzustellen", sagt Peter Englisch, Partner bei EY und verantwortlich für das Barometer, für das rund 3000 Betriebe mit 30 bis 2000 Mitarbeitern befragt wurden. 85 Prozent von ihnen bekunden ihre Bereitschaft, Flüchtlingen Arbeit zu geben. Und der Mittelstand ist durchaus hoffnungsfroh: 55 Prozent der Unternehmen rechnen damit, dass der Flüchtlingszustrom den Fachkräftemangel mildern kann.

Das große Potenzial des Mittelstands bei der Integration von Flüchtlingen auf den Arbeitsmarkt lässt sich mit Zahlen belegen: Mehr als die Hälfte der rund 30,8 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland arbeitet in einem Betrieb mit 20 bis 499 Mitarbeitern.

Die Bedeutung des Mittelstands als größter Arbeitgeber hat sich in den vergangenen zehn Jahren sogar noch gesteigert. Er hat überdurchschnittlich zum Anstieg der Beschäftigung in Deutschland beigetragen. Und die weiter hohe Nachfrage nach Fachkräften bestätigen Umfragen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers und der staatlichen Förderbank KfW.

Auch die Berufsausbildung findet zu großen Teilen im Mittelstand statt. Das ist deshalb wichtig, weil über die Hälfte der Flüchtlinge jünger als 25 Jahre sein dürfte. Mehr als 80 Prozent der Ausbildungsplätze finden sich dem Institut für Mittelstandsforschung Bonn zufolge in Betrieben mit weniger als 500 Mitarbeitern - hier sind allerdings auch Kleinbetriebe mit weniger als 20 Mitarbeitern berücksichtigt.

Die Voraussetzungen sind also gut. Dennoch warnt EY-Mittelstandsexperte Englisch vor übertriebenen Hoffnungen: Oft fehle es noch an den erforderlichen Sprach- und Fachkenntnissen. Erst nach rund einem Jahr sprächen mögliche Bewerber ausreichend Deutsch, um den Einstieg in Betriebe zu schaffen. Danach brauche die fachliche Aus- oder Weiterbildung Zeit, denn Zahlen aus dem Jahr 2014 deuten darauf hin, dass die meisten Flüchtlinge noch nicht genügend qualifiziert sind. "Es wird drei bis vier Jahre dauern, bis der Mittelstand das Potenzial der Flüchtlinge ausschöpfen kann", resümiert Englisch.

Einstieg in Klein- und Kleinstbetrieben

Auch Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das zur BA gehört, ist skeptisch. Der Ökonom, Experte für die Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt, verweist auf die Erfahrungen der Vergangenheit: Nach einem Jahr hatten lediglich 20 Prozent der erwerbsfähigen Flüchtlinge Arbeit gefunden, nach fünf Jahren waren es 50 Prozent, erst nach rund 15 Jahren lag ihre Beschäftigungsquote auf gleichem Niveau wie die anderer Migranten.

Brücker geht zwar schon davon aus, dass einige Flüchtlinge Arbeit im klassischen Mittelstand finden werden. Die überragende Rolle bei der Integration von Flüchtlingen verortet der IAB-Forscher aber woanders: Bei Klein- und Kleinstbetrieben - von Unternehmern, die selbst Migranten aus einem ähnlichen kulturellen Umfeld sind. "Wir wissen, dass Flüchtlinge vor allem durch Freunde und Bekannte Arbeit finden", sagt der IAB-Forscher.

Zwar liegen auch Brücker bislang nur wenig empirische Daten zu den neu angekommenen Flüchtlingen vor. So gibt es etwa noch keine Statistik über die Größe der Betriebe, in der Flüchtlinge einen Arbeitsplatz finden - allerdings erste Daten zu den Branchen, in denen das gelingt: Gastronomie, einfache Dienstleistungen, Pflege oder Bauwirtschaft. Gerade dort gebe es überdurchschnittlich viele von Migranten geführte Kleinbetriebe. In ihnen spielten Zertifikate und formale Qualifikation - anders als im Mittelstand - zumeist eine untergeordnete Rolle.

Ein Problem sieht Brücker darin nicht, im Gegenteil. Die Beschäftigung in solchen Kleinbetrieben biete für Flüchtlinge Vorteile. Die empirischen Befunde zeigten, "dass die Einstiegslöhne und die Wahrscheinlichkeit, in dem Betrieb beschäftigt zu bleiben, höher sind".

Politik muss Rechtssicherheit schaffen

Oft, so Brücker, würde die Integrationsleistung, die andere Migranten in diesem Zusammenhang erbringen, in der öffentlichen Wahrnehmung unter den Tisch fallen. "Dabei wäre es wichtig, bestehende funktionierende Strukturen zu unterstützen." Zwar hätte die Beschäftigung in Kleinstbetrieben auch Nachteile - wenig Chancen auf Aufstieg und kaum Aussicht auf höhere Bezahlung. Aber für die Flüchtlinge sei es wichtig, überhaupt den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu schaffen. Erst im zweiten Schritt gehe es darum, sie beim Aufstieg zu unterstützen, "auch durch den Wechsel in einen mittelständischen Betrieb".

EY-Experte Englisch sieht etwas höhere Chancen für Flüchtlinge, auf Anhieb bei einem Mittelständler unterzukommen: "Der Mittelstand legt großen Wert auf motivierte und lernwillige Mitarbeiter - beides ist bei Flüchtlingen überdurchschnittlich ausgeprägt."

Besonders auf dem Land hätten Mittelständler schon seit Längerem Probleme, solches Personal zu finden. Zudem seien die Strukturen ähnlich geeignet wie in Kleinstbetrieben: "Sie sind oft familiär und informell geprägt, jeder kennt jeden, der Zusammenhalt in der Belegschaft ist groß", sagt Englisch. Das helfe auch bei der sozialen Integration enorm.

Einig sind sich der Mittelstandsexperte und der Arbeitsmarktforscher allerdings in einem anderen Punkt: Die Unsicherheit im deutschen Aufenthaltsrecht stellt ein sehr großes Hindernis dar. "Solange unklar ist, ob ein Flüchtling dauerhaft in Deutschland arbeiten darf, werden Betriebe vor Investitionen etwa in die Ausbildung zurückschrecken", sagt IAB-Forscher Brücker. "Aus Sicht der Betriebe sind Investitionen in Flüchtlinge riskant, solange sie kein dauerhaftes Bleiberecht haben", meint EY-Partner Englisch.

Ob der Mittelstand also zumindest perspektivisch zum Jobmotor auch für Flüchtlinge wird oder nicht, hängt nicht zuletzt von der Politik ab.


Zusammengefasst: Deutschlands Mittelstand kann mehr als 300.000 Arbeitsplätze nicht besetzen, gleichzeitig suchen zunehmend Flüchtlinge nach Jobs. Dennoch schätzen Experten, dass der Mittelstand zumindest kurzfristig keine überragende Bedeutung für die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt spielen wird: Erstens fehlt es zumeist noch an Sprach- und Fachkenntnissen - bis diese ausreichen, dürfte es drei bis vier Jahre dauern. Und zweitens finden Flüchtlinge überwiegend durch Freunde oder Bekannte Arbeit - oft in Kleinstbetrieben, die selbst von Migranten geführt werden. Diese könnten daher die Hauptleistung bei dem Einstieg von Flüchtlingen auf den Arbeitsmarkt erbringen.

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