Ökonomen-Diskussion in Berlin Die Illusion von der Flüchtlingsformel

In der Flüchtlingskrise wird viel Stimmung mit Zahlen gemacht. Doch bei einer Debatte mit Wirtschaftsminister Gabriel bekennen sich Deutschlands Top-Ökonomen zu den Grenzen ihrer Rechenkünste. Manche sprechen lieber über Gefühle.

Von , Berlin

Wirtschaftsminister Gabriel: "Wenn Sie mich einladen, dann haben Sie das Pech, dass ich reden will"
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Wirtschaftsminister Gabriel: "Wenn Sie mich einladen, dann haben Sie das Pech, dass ich reden will"


Oft waren es Zahlen, die in den vergangenen Monaten die Debatte über Migration befeuert haben: 1,1 Millionen Flüchtlinge sind im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen. Ein Sechstel von ihnen gab bei Befragungen einen Uni- oder Hochschulabschluss an. Einen Überschuss von 12,1 Milliarden Euro hat der Finanzminister gerade für die Kosten ihrer Integration zurückgelegt.

Ökonomen beschäftigen sich hauptberuflich mit Zahlen. Deshalb werden sie gerne zur Flüchtlingskrise befragt, deren mögliche Folgen die Deutschen zunehmend hitzig diskutieren. Am Mittwochabend gingen die Fragen an die versammelte Ökonomen-Prominenz des Landes: Unter dem Motto "Zukunft - nur mit Zuwanderung?" debattierten die Chefs der wichtigsten Wirtschaftsforschungsinstitute in Berlin. Geladen hatte die Leibniz-Gemeinschaft, in der sich knapp 90 deutsche Forschungseinrichtungen organisiert haben.

Für Kontroversen bürgte dabei schon die Teilnahme von Hans-Werner Sinn und Marcel Fratzscher. Der scheidende Ifo-Chef Sinn sagt wegen der Flüchtlinge Verteilungskämpfe vorher. Fratzscher dagegen, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sieht die Neubürger als große Chance, in die Milliarden investiert werden sollten.

Gabriel, der Migrationshardliner

Und dann hatten die Veranstalter auch noch Wirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel gewinnen können. Der SPD-Chef präsentiert sich seit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht als Migrationshardliner, fordert schnellere Abschiebungen und eine Wohnortpflicht. Gabriel kam zu spät für seinen eigentlichen Auftritt, nahm stattdessen an der Ökonomen-Debatte teil und legte sich mit Sinn ebenso an wie mit der moderierenden ARD-Börsenjournalistin Anja Kohl, die ihn für seinen Geschmack zu oft unterbrach. "Wenn Sie mich einladen, dann haben Sie das Pech, dass ich reden will."

Mitteilungsbedürftig waren auch die Institutschefs, die das Flüchtlingsthema ähnlich stark zu beschäftigen scheint wie viele Normalbürger. Wer sich aus der Kombination von Wirtschaftsforschern und Wirtschaftsminister aber klare Antworten zu den wirtschaftlichen Folgen der Migration gewünscht hatte, der wurde enttäuscht. Eine Art Flüchtlingsformel wurde nicht verkündet.

Das liegt auch daran, dass den Forschern bis heute viele Informationen zu den Flüchtlingen fehlen. "Die Datenlage ist nicht besonders gut", sagte Clemens Fuest, derzeit noch Leiter des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung und bald Sinns Nachfolger am Ifo. Allzu konkrete Kosten-Nutzen-Rechnungen könnten vor diesem Hintergrund nur enttäuschen, warnte Christoph Schmidt, Chef der Wirtschaftsweisen und des RWI-Instituts. "Das Ökonomische muss da tatsächlich auch seine Grenzen erkennen."

"Einen Sack von Problemen"

Das heißt natürlich nicht, dass es gar keine Zahlen gibt. So widersprach niemand Sinn, als dieser die Prognosen der kurzfristigen jährlichen Kosten auf 12 bis 20 Milliarden Euro bezifferte. Nur der meinungsfreudige Ifo-Chef leitet aus solchen Zahlen aber ab, die Flüchtlingswelle bedeute "so oder so einen Sack von Problemen".

Ifo-Chef Sinn (Archivbild): Eindeutige Prognosen - nicht ganz eindeutige Empirie
DPA

Ifo-Chef Sinn (Archivbild): Eindeutige Prognosen - nicht ganz eindeutige Empirie

Denn eines lässt sich selbst mit den besten Daten kaum vorhersagen: Wie gut und schnell die Integration der Flüchtlinge in die Gesellschaft und damit auch in den Arbeitsmarkt gelingt. Es war wohl kein Zufall, dass gerade der in Wien geborene US-Amerikaner Dennis Snower, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, dabei an die Rolle der Einheimischen erinnerte. Wenn diese den Flüchtlingen nicht vertrauten, könne deren Integration nicht gelingen. "Die Zuneigung ist entscheidend für das Gelingen dieses Projekts."

Von Gefühlen sprach auch Gabriel - allerdings von negativen, die er bei den Deutschen fürchtet. Nichts sei gefährlicher als der Vorwurf: "Für die Flüchtlinge tut ihr alles, für uns nicht." Mehrere der Ökonomen erklärten solche Gegensätze jedoch für unberechtigt. So wies DIW-Chef Fratzscher darauf hin, die Investitionen in Schulen und andere öffentliche Infrastruktur seien schon vor der Flüchtlingswelle niedrig gewesen. "Das ist nichts Neues."

Vorbild Kanada?

Wenig Unterstützung gab es allerdings auch für Migrationseuphoriker, welche in qualifizierten Zuwanderern eine Art Allheilmittel für Deutschlands alternde Gesellschaft sehen. Im Gegensatz zu den USA ziehe Deutschland derzeit viele Menschen an, die weniger die Chance auf Aufstieg als auf schnelle Sozialleistungen locke, warnte Reint Gropp, Chef des Instituts für Wirtschaftforschung in Halle. Er plädierte dafür, Migranten über ein Punktesystem nach kanadischem Vorbild auszuwählen.

Von solch qualifizierter Zuwanderung unabhängig muss Deutschland weiter Flüchtlinge aus humanitären Gründen aufnehmen - darin waren sich die Wissenschaftler einig. Sinn forderte jedoch zum wiederholten Mal ein Ende der "Illusion, dass hier die Chefärzte aus Aleppo kommen". Viele Flüchtlinge beherrschten nicht einmal die Grundrechenarten. Der Ifo-Chef verwies auf Angaben aus Bayern, wonach 70 Prozent der Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Irak ihre Berufsausbildung wieder abbrechen.

Die von Sinn zitierten Zahlen beziehen sich allerdings auf einen einzigen Jahrgang der Handwerkskammern München und Oberbayern. Deren Hauptgeschäftsführer hat bereits angekündigt, man erwarte durch verbesserte Betreuung der Flüchtlinge in Zukunft eine deutlich höhere Abschlussquote.

Debatte um Migranten-Gettos

Dass Sinns eindeutige Prognosen nicht immer auf ganz so eindeutiger Empirie beruhen, zeigte sich auch an anderer Stelle. Auf die Frage, ob in Deutschland Migranten-Gettos drohten, antwortete er, die gebe es doch längst. Nicht nur ganz Offenbach zähle dazu, sondern auch Köln-Deutz und Berlin-Kreuzberg.

Tatsächlich liegt der Migrantenanteil von Deutz mit 29 Prozent deutlich niedriger als in vielen anderen Kölner Stadtteilen. In Teilen Kreuzbergs hat jeder zweite einen Migrationshintergrund, was nichts daran ändert, dass der Stadtteil seit Jahren enormen Zuzug aus aller Welt verzeichnet. Und so erlaubte sich Sinns Nachfolger Fuest den Hinweis: "Nicht Köln-Deutz, Hans-Werner, sondern Köln-Kalk ist das Getto." Und der in Berlin ansässige DIW-Chef Fratzscher merkte an: "Kreuzberg ist ein sehr nettes Getto."

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