Frühjahrsgutachten Ökonomen fordern mehr Investitionen in Bildung

Die führenden Forschungsinstitute bescheinigen der deutschen Wirtschaft stabiles Wachstum. Dennoch solle die Regierung mehr in Bildung investieren - und Arbeitnehmer bei Steuern und Abgaben entlasten.

Flüchtlinge bei Praktikum in Ausbildungswerkstatt
DPA

Flüchtlinge bei Praktikum in Ausbildungswerkstatt


Die deutsche Wirtschaft bleibt auf einem stabilen Wachstumskurs, der Arbeitsmarkt dürfte weiter boomen und die Kauflaune der Verbraucher noch steigen. Dieses positive Bild zeichnen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten für die Bundesregierung. Dennoch mahnen die Forscher zu einer nachhaltigeren und an Wachstum orientierten Wirtschaftspolitik. Insbesondere müsse mehr in Bildung investiert werden, von Kitas bis zu Universitäten. (Hier finden Sie das Gutachten als PDF-Datei.)

Bereits am Mittwoch war bekannt geworden, dass die Wirtschaftsforscher ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr senken. Statt mit einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,8 Prozent rechnen sie nun noch mit 1,6 Prozent Wachstum. Der Grund für die im Vergleich zum vergangenen Herbst etwas schlechteren Aussichten liegt demnach vor allem in der Schwäche der Weltwirtschaft zum Jahresbeginn, hier insbesondere in China. Allerdings erwarten die Ökonomen für die kommenden Monate keine weitere Abschwächung.

Für die traditionell exportstarke deutsche Wirtschaft bedeutet das: Das Wachstum wird vor allem durch die Binnenkonjunktur, und hier insbesondere durch den privaten Konsum getragen. Hier macht sich laut den Ökonomen bemerkbar, dass die Löhne im Schnitt deutlich gestiegen sind, die Preise hingegen kaum. Viele Verbraucher können sich also mehr leisten.

Bildung für Integration von Flüchtlingen wichtig

Auch der Arbeitsmarkt boomt den Forschern zufolge weiter. Demnach klettert die Zahl der Arbeitnehmer und Selbstständigen 2016 um rund 500.000 auf 43,5 Millionen. Im kommenden Jahr werde es einen Anstieg auf knapp 44 Millionen geben. Weil aber zunehmend Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt kommen, werde die Arbeitslosigkeit im nächsten Jahr von 2,7 auf 2,8 Millionen zulegen.

Trotz dieser guten Lage fordern die Institute die Regierung deutlich zu Änderungen in der Wirtschaftspolitik auf. Der Staat solle Steuern für Arbeitnehmer senken und mehr investieren, und zwar insbesondere in Humankapital, schreiben die Forscher - und meinen damit nichts anderes als höhere Ausgaben für Bildung auf allen Ebenen. In diesem Zusammenhang erwähnen sie die Flüchtlingsmigration: Für eine erfolgreiche Integration der Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt seien diese Investitionen besonders wichtig.

Die Forderungen der Wirtschaftsinstitute im Einzelnen:

  • Steuern und Abgaben senken: "Die Belastung des Faktors Arbeit mit Steuern und Sozialabgaben in Deutschland ist nach wie vor hoch", schreiben die Forscher. Dem Industrieländerclub OECD zufolge ist sie in 34 untersuchten Ländern nur in Belgien und Österreich noch größer. Daran ändere auch die jüngste Anhebung des Grund- und Kinderfreibetrags kaum etwas. Die Experten fordern vor allem, die sogenannte kalte Progression - automatische Steuererhöhungen bei Lohnzuwächsen - stärker abzubauen.
  • Rentenkasse nicht zweckentfremden: Die Experten kritisieren, dass die Rente mit 63 und die Mütterrente aus der Rentenkasse bezahlt wird - und damit von Arbeitnehmern und Arbeitgebern bezahlt wird. Mit diesen Maßnahmen habe die Bundesregierung "der Rentenversicherung weitere versicherungsfremde Leistungen aufgebürdet". Bis 2030 dürften sich die Kosten dafür auf 170 Milliarden Euro summieren. Solche Ausgaben sollten aus Steuermitteln finanziert werden, anstatt nur eine Gruppe von Abgabepflichtigen zu belasten.
  • Bildung: "Ein Wachstumshemmnis dürfte daraus resultieren, dass die Ausgaben für Bildung in Deutschland gemessen an anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften auf allen Ebenen des Bildungssystems gering sind", kritisierten die Experten. Sie fordern deshalb höhere Ausgaben für Bildung. Dies sei angesichts des starken Zustroms von Flüchtlingen noch dringlicher geworden, da der rasche Erwerb von Sprachkenntnissen und eine gute Ausbildung in der Schule und für den Beruf die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration seien.
  • Investitionen: Der Staat investiert nach Meinung der Gutachter zu wenig. Auch die privaten Unternehmen dürften eher wenig investieren. "Dabei spielt auch die Wirtschaftspolitik in Deutschland eine Rolle, die wenig wachstumsfreundlich ist", so die Experten. "Sie setzt vielmehr ihre Schwerpunkte bei verteilungspolitischen und konsumtiven Maßnahmen." Stattdessen sollte mehr Geld für zukunfts- und wachstumsorientierte Ausgaben lockergemacht werden.
Untersuchung von Konjunkturprognosen

fdi/Reuters



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
docmillerlulu 14.04.2016
1. Ah - das Bildungsversprechen.
Sind das die gleichen Ökonomen, die sich für den Verbleib von Steueroasen aussprechen? Sie fordern: "die Experten. Sie fordern deshalb höhere Ausgaben für Bildung." Um das bezahlen zu können fordern sie interessanterweise aber: "Steuern und Abgaben senken:" Ähm - wo soll die Knete herkommen? Schön ist aber der Hinweis, die Rentenkasse nicht mit Versicherungsfremdem Leistungen zu belasten. Dumm nur wenn dann plötzlich auch Beamte, Unternehmer und Selbständige dafür ihr sauer verdientes Geld rausrücken müssten.
Berg 14.04.2016
2.
Und wer soll das Mehr an Geld bekommen? Die Kinder, die Schüler, die Azubis, die Studenten? Doch wohl nicht. Es soll an Lehrmittelhersteller gehen, in Lehrergehälter, in Baufirmen, die Schulen bauen usw. Doch werden von dem Geld die Schüler, Azubis, Stuenten wirklich gebildeter, schlauer, besser? Es wird Zeit, endlich mal zu fordern: Schüler, Azubis, Studenten, lernt besser und mehr!
HankDuBois 14.04.2016
3.
Ob das die gleichen "Experten" sind, denen wir die unnütze Bologna-Reform zu verdanken haben? Die auf den Bachelor-Abschluss gedrängt haben und die Leute dann nicht eingestellt haben? Abgesehen davon gibt die BRD beschämend wenig Geld für Bildung aus. Auch an den Olympia-Bewerbungen hat man dies gesehen, Hamburg hat kein Geld für eine vollfinanzierte Uni, aber wollte sich Mrd. € für Brot und Spiele gönnen...
Urlauber2016 14.04.2016
4. Ökonomen fordern....
" Dennoch solle die Regierung mehr in Bildung investieren - und Arbeitnehmer bei Steuern und Abgaben entlasten." Macht sie aber nicht.Die Arbeitgeber werden entlastet,wie man am Einfrieren des Arbeitgeberbeitrages zur GKV feststellen kann.Für die Arbeitnehmer wird schon lange nichts mehr in diesem Staat gemacht,der Arbeitnehmer wird gemolken,gemolken,gemolken. Warum sollte in Bildung investiert werden?Da könnte doch der Arbeitnehmer schlauer werden und mal das ganze ungerechte System hinterfragen.
Knack5401 14.04.2016
5. Warum bitte
ist bei 45 Jahren Renteneinzahlung die Rente mit 63 angeblich eine versicherungsfremde Leistung? Das hat sich diese Generation verdient. Die heutigen Dauerstudenten kommen natürlich gar nicht mehr in solche Zeiträume für Beitragszahlungen.
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