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Arbeitsmarkt, Wohnungen, Finanzen: Wirtschaftsfaktor Flüchtling - was auf Deutschland zukommt

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Flüchtlinge auf der slowenisch-österreichischen Grenze: Chancen erkennen Zur Großansicht
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Flüchtlinge auf der slowenisch-österreichischen Grenze: Chancen erkennen

Hunderttausende Flüchtlinge wollen in Deutschland wohnen, arbeiten, konsumieren. Die Ankunft der vielen birgt enorme wirtschaftliche Herausforderungen für Deutschland - aber auch große Chancen. Der Überblick.

Eins vorweg: Einfache Antworten gibt es in der Flüchtlingskrise nicht. So kann sich die Große Koalition derzeit nicht einmal darauf einigen, wie sich die Einreise der Flüchtlinge am besten organisieren lässt. Forscher wiederum diskutieren bereits darüber, wie die Integration der Migranten langfristig gelingen könnte.

Über all diesen Diskussionen und Streitigkeiten schwebt die große Frage: Kann Deutschland die große Zahl an Flüchtlingen verkraften?

Der Überblick über die größten wirtschaftlichen Herausforderungen - und die Chancen.

Leer stehende Plattenbauwohnungen in Thüringen: Neue Heimat für Flüchtlinge? Zur Großansicht
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Leer stehende Plattenbauwohnungen in Thüringen: Neue Heimat für Flüchtlinge?

Wohnraum: Genug Platz für alle?

Das größte Problem für die Städte, Kommunen und Helfer ist der nahende Winter. Denn noch immer müssen 42.000 Flüchtlinge in Zelten ausharren. Diese lassen sich kaum effektiv beheizen oder vor Feuchtigkeit schützen. Die dringlichste Aufgabe ist also derzeit, die Menschen in winterfesten Quartieren unterzubringen.

Doch woran scheitert das? Eine bessere Alternative zu Zelten wären Container. Doch diese gehen den Lieferanten inzwischen aus oder sind nur noch zu sehr hohen Preisen zu haben. Hinzu kommen die strengen Vorschriften in Deutschland. Bei Neubauten müssen Anwohner miteinbezogen und der Naturschutz muss beachtet werden. Um leer stehende Gebäude nutzen zu können, hat Hamburg den Weg für die Beschlagnahmung von Gewerbeimmobilien freigemacht.

Langfristig geht es darum, die Flüchtlinge dauerhaft unterzubringen. Die Kommunen haben die Erfahrung gemacht, dass es finanziell deutlich günstiger ist, Flüchtlinge in Privatwohnungen unterzubringen statt in Gemeinschaftsunterkünften. Auch Integration gelinge so besser, heißt es. Die große Zahl an Flüchtlingen stellt die Kommunen allerdings vor Probleme, denn gefragt sind vor allem günstige Wohnungen.

In Großstädten und in Hochschulstädten haben die Mieten in den vergangenen Jahren deutlich angezogen. Zugleich stehen in manchen ländlichen Regionen Wohnungen leer. Von einer flächendeckenden Wohnungsknappheit könne deshalb keine Rede sein, heißt es in einem Bericht des Bundesbauministeriums.

Wissenschaftler plädieren dafür, Flüchtlinge gezielt in Regionen zu lenken, wo Arbeitskräfte fehlen und Wohnraum vorhanden ist. Experten warnen aber auch davor, diese Methode pauschal anzuwenden. So forderten Politiker bereits, Flüchtlinge bevorzugt in Ostdeutschland unterzubringen, weil dort besonders viele Wohnungen leer stehen. Gerade dort sei die Arbeitslosigkeit aber deutlich höher als im Durchschnitt und die Menschen hätten schlechtere Beschäftigungschancen, heißt es in einem Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). "Eine vermehrte Unterbringung der Flüchtlinge würde die dortigen ökonomischen Probleme kurzfristig noch verschärfen", warnen die Experten mit Blick auf Ostdeutschland.

Dort, wo die Mieten hoch sind, könnte die Flüchtlingskrise Anschub für den sozialen Wohnungsbau sein. Der Deutsche Städtetag fordert, Bund und Länder müssten wieder mehr Geld in sozial gebundene Wohnungen mit niedrigen Mieten stecken. Für 2016 seien Förderprogramme mit einem Volumen von mindesten ein bis zwei Milliarden Euro nötig. Das könnte auch Einheimischen zugutekommen. Denn der Städtetag fordert explizit, dass für alle sozial schwachen Gruppen Wohnungen gebaut werden, damit keine Konkurrenz zu Flüchtlingen entsteht.

Migranten in Ausbildungswerkstatt: Bildungsgrad sagt nicht alles Zur Großansicht
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Migranten in Ausbildungswerkstatt: Bildungsgrad sagt nicht alles

Arbeitsmarkt: Chance oder Belastung?

Auf den ersten Blick sind derzeit die Voraussetzungen ideal, um Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Gerade mal 2,65 Millionen Menschen waren im Oktober ohne Job - das ist der niedrigste Stand seit 24 Jahren.

Dies sei aber noch keine Garantie, dass Flüchtlinge beruflich in Deutschland schnell Fuß fassen können, warnte der Ökonom Clemens Fuest im "Handelsblatt". Er verweist darauf, dass ein Großteil der Flüchtlinge ohne abgeschlossene Berufsausbildung in Deutschland ankomme. Zwar sei rund die Hälfte der Migranten jünger als 25 Jahre und könne hier ausgebildet werden, doch zur Finanzierung des Staatshaushalts könnten sie vorerst wenig beitragen. Fuests Schlussfolgerung: Die Aufnahme von Flüchtlingen sei zwar moralisch richtig, wirtschaftliche Vorteile würden sich aber kaum ergeben.

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Andere Experten widersprechen hier deutlich. Der Chef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Joachim Möller, sagte SPIEGEL ONLINE, das Potenzial der Flüchtlinge für die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt sei größer als das, was der Bildungsgrad dieser Menschen aussage. Die große Chance stecke darin, dass die Mehrheit der Flüchtlinge so jung sei. "Das heißt, wir können noch richtig viel bewegen", sagte Möller.

Der Forscher macht aber auch klar: Zunächst dürfte die Arbeitslosigkeit steigen. Laut IAB um durchschnittlich 70.000 Menschen im kommenden Jahr.

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Und was ist mit der Befürchtung, Flüchtlinge würden den Deutschen die Jobs wegnehmen? Sogar Skeptiker Fuest schreibt, diese Sorge sei unbegründet. "Zwar kann es dazu kommen, dass niedrig qualifizierte heimische Arbeitnehmer geringere Löhne oder schlechtere Jobchancen in Kauf nehmen müssen. Diese Effekte sind aber eher klein und vorübergehender Natur", so Fuest.

In einem Punkt sind sich die Forscher einig: Angesichts der demografischen Entwicklung braucht Deutschland dringend Zuwanderer - und die müssen möglichst gut ausgebildet werden.

Flüchtlinge beim Einkauf: Wachstum durch Zuwanderer generieren Zur Großansicht
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Flüchtlinge beim Einkauf: Wachstum durch Zuwanderer generieren

Wachstum: Die neuen Konsumenten

In den vergangenen Monaten haben sich die deutschen Verbraucher optimistisch gezeigt und durch ihren hohen Konsum dazu beigetragen, dass die Bundesrepublik ein ordentliches Wachstum vorweisen konnte. Zuletzt aber nahm laut dem Marktforschungsunternehmen GfK die Sorge zu, die vielen Flüchtlinge könnten die Arbeitslosigkeit hierzulande steigern. Die Konjunkturerwartungen der Bürger gingen zurück.

Dabei dürften die Flüchtlinge eher einen positiven Effekt auf die Konjunktur in Deutschland haben. Grund sind die Ausgaben für die Versorgung und Unterbringung. Ökonom Fuest misst diesem Effekt zwar nicht allzu viel Bedeutung zu: Wenn in anderen Bereichen gekürzt werde oder der Staat Schulden machen müsse, nütze die gesteigerte Nachfrage durch die Flüchtlingskrise wenig.

DIW-Chef Marcel Fratzscher dagegen verweist auf die langfristigen Vorteile durch die aktuelle Zuwanderung. "Es ist zu erwarten, dass in fünf bis zehn Jahren die Flüchtlinge auch netto einen größeren Beitrag zur Wirtschaftsleistung in Deutschland beitragen werden, als sie an Leistungen erhalten", schreibt er im "Handelsblatt". Diese Erwartung spiegelt sich auch in den DIW-Berechnungen wider, die von eher positiven Annahmen ausgehen.

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Auch der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, plädiert dafür, Zuwanderer aktiv in den Arbeitsmarkt zu integrieren, um auch künftig Wachstum zu garantieren. "Wenn sich nichts ändert, erwartet uns eine Zukunft mit weniger Arbeitskräften und mickrigeren Wachstumsraten", warnte er. Ohne Zuwanderer würde die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland innerhalb der kommenden zehn Jahre um 4,5 Millionen sinken, rechnete der Ökonom vor. "Das Wirtschaftswachstum würde von derzeit im Schnitt 1,5 auf rund 0,5 Prozent sinken."

Schriftzug am Bundesfinanzministerium: Schwarze Null in Gefahr? Zur Großansicht
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Schriftzug am Bundesfinanzministerium: Schwarze Null in Gefahr?

Staatsfinanzen: Adieu, schwarze Null!

Eines der zentralen Ziele von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) war die sogenannte schwarze Null. Bisher plant die Bundesregierung, in allen Jahren bis 2019 auf neue Schulden im Bundeshaushalt zu verzichten. Doch es werden Zweifel laut, ob Schäuble nicht doch wieder Schulden machen muss. Denn einerseits werden Bund, Länder und Gemeinden 2016 wohl weniger Steuern einnehmen als vorhergesagt. Andererseits kann niemand seriös prognostizieren, wie viele Flüchtlinge noch kommen werden.

Berichten zufolge ist Finanzminister Schäuble bereits vom Ziel der schwarzen Null abgerückt. Und auch öffentlich deutete er an, dass es Spielraum gebe. "Wir haben in Deutschland die Mittel, um die Herausforderung zu bewältigen", sagte Schäuble.

Die Bedingungen für neue Schulden sind gut: Wegen der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank war es für Deutschland selten so günstig wie derzeit, sich Geld zu leihen.

Die führenden Wirtschaftsinstitute machten in ihrem Herbstgutachten deutlich, dass die Regierung in der Flüchtlingskrise nicht nur reagieren soll, sondern aktiv handeln soll: "Ob die mit der Flüchtlingsmigration verbundenen Chancen für die deutsche Wirtschaft genutzt werden, hängt von wirtschaftspolitischen Weichenstellungen ab, die nicht auf die lange Bank geschoben werden dürfen", mahnen die Institute.

Im Video: Erste Flüchtlinge in Sumte eingetroffen

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