Personalschlüssel in Jobcentern Grüne halten Betreuung von Flüchtlingen für mangelhaft

Wie lassen sich Flüchtlinge schnell in den Arbeitsmarkt integrieren? Dem staatlichen IAB-Institut zufolge ist dafür vor allem mehr Personal notwendig. Doch die Bundesregierung ignoriere die Empfehlungen, so der Vorwurf der Grünen.

Mitarbeiter der Arbeitsagentur in der Erstaufnahmestelle in Suhl (Thüringen) mit einem syrischen Flüchtling (Archivbild):  Finanzielle Mittel bereitstellen
DPA

Mitarbeiter der Arbeitsagentur in der Erstaufnahmestelle in Suhl (Thüringen) mit einem syrischen Flüchtling (Archivbild): Finanzielle Mittel bereitstellen


Es sind besonders die jungen Flüchtlinge, in die deutsche Unternehmen große Hoffnungen setzen. Werden sie schnell integriert und qualifiziert, könnten sie so manche Lücke auf dem Arbeitsmarkt stopfen - so das Kalkül zahlreicher Betriebe.

Doch zumindest die Grünen glauben nicht, dass diese Rechnung so glatt aufgeht. Der Grund: Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) stellt aus ihrer Sicht nicht die richtigen Weichen. Wie aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Politikerin Brigitte Pothmer an das Bundesarbeitsministerium hervorgeht, will sich die Ministerin nicht an die Empfehlungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) halten, der Denkfabrik der Bundesagentur für Arbeit.

Konkret geht es um ein Modellprojekt des IAB, in dem die frühzeitige Integration von Asylbewerbern getestet wurde. Die Projektbeteiligten kamen zu dem Ergebnis, dass sich aufgrund der komplexen Probleme ein "Betreuungsschlüssel von etwa 70 Asylbewerbern pro Vermittlungsfachkraft" empfiehlt. Die Antwort des Arbeitsministeriums darauf: "Die Bundesregierung beabsichtigt nicht, besondere Betreuungsschlüssel für Asylsuchende und Flüchtlinge festzulegen." Zudem handele es sich nicht um eine Empfehlung des IAB, sondern lediglich um eine Beurteilung, schreibt das Ministerium.

Unstrittig ist: Selbst bei einer eindeutigen Empfehlung müsste sich ein Ministerium nicht haargenau an diese halten. Das weiß auch Pothmer. Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag ärgert sich jedoch auch darüber, dass für junge Flüchtlinge "offensichtlich nicht einmal der reguläre Betreuungsschlüssel in den Jobcentern" erfüllt wird. "Das muss verhindert werden", sagt Pothmer.

Zu viele Jobcenter-Kunden für viel zu wenig Betreuer

In den Jobcentern soll im Regelfall ein Verhältnis von 1:150 zwischen Mitarbeitern und Leistungsberechtigten gelten. Für unter 25-Jährige ist eine doppelt so intensive Betreuung mit einem Schlüssel von 1:75 vorgesehen. Soweit die Theorie.

Doch beide Marken würden in der Praxis gerissen, kritisiert Pothmer. Selbst wenn man bereits überholte Prognosen der Bundesregierung zum Flüchtlingszuzug als Grundlage nehme, falle der Betreuungsschlüssel von 1:154 für Flüchtlinge aus.

Hinzu kommt: Die Rechnung berücksichtigt nicht, dass die meisten Zuwanderer jung sind. Die Bundesagentur für Arbeit geht davon aus, dass voraussichtlich 110.000 Flüchtlinge, die 2016 in den Jobcentern anlanden, zwischen 16 und 24 Jahre alt sein werden. Danach dürfte ein Jobcenter-Mitarbeiter für 153 Jugendliche zuständig sein - statt für 75. "Die passgenaue Beratung, Förderung und Vermittlung von jungen Flüchtlingen droht so auf der Strecke zu bleiben", sagt Pothmer.

Die Grünen-Politikerin fordert Arbeitsministerin Nahles dazu auf, nachzubessern, um die Chancen und Potentiale der jungen Menschen nicht zu vergeuden. Dazu seien weit mehr als die bislang vorgesehenen 2800 Stellen notwendig. "Es ist Aufgabe der Bundesregierung, die finanziellen Mittel dafür bereitzustellen - wenn nötig durch einen Nachtragshaushalt."

Auch IAB-Chef Joachim Möller hatte in einem Gespräch mit SPIEGEL ONLINE betont, wie wichtig die frühe Integration der Zuwanderer ist. "Das Schlimmste wäre, die Neuankömmlinge so lange untätig rumsitzen zu lassen, bis der letzte Funken Hoffnung und Motivation aufgebraucht ist."

yes

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.