Zuwanderung Die teure Angst vor den Fremden

Die Furcht vor Terror, Krieg und Gewalt ist dabei, die Zuwanderungsdebatte in die falsche Richtung zu drehen. Dabei kann Deutschland auf Zuwanderer gar nicht verzichten.

Eine Kolumne von

Asylbewerber bei der Firma Reuther STC
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Asylbewerber bei der Firma Reuther STC


Es ist nur eine spröde Statistik, aber manchmal erzählen Zahlen Geschichten. Rund zwei Millionen Menschen mit ausländischem Pass sind voriges Jahr nach Deutschland gezogen. Zugleich haben 860 000 Personen das Land wieder verlassen. Dank Zuwanderung kann die Bundesrepublik unter dem Strich einen Bevölkerungsgewinn von 1,14 Millionen verbuchen. Das gab es noch nie.

Am Dienstag wird das Statistische Bundesamt weitere Details veröffentlichen, woher die Menschen kommen beispielweise.

Prognosen zeigen: Das Gros der Leute, die 2015 nach Deutschland kamen, sind Flüchtlinge. So rechnet das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) mit einem "flüchtlingsspezifischen Wanderungssaldo" von 820.000 Menschen. Zahlen, die auf fruchtbaren Boden fallen: In Zeiten von Terroranschlägen, wie dem von Brüssel vergangene Woche, gilt Zuwanderung inzwischen als Sicherheitsproblem. Populistische Politiker nutzen die Stimmung und sind rasch mit markigen "Grenzen zu"-Forderungen bei der Hand. Es wäre tragisch, wenn sie sich durchsetzen könnten.

Denn bei allen berechtigten Sicherheitsinteressen: Deutschland bleibt auf sehr lange Sicht auf Zuwanderung angewiesen. Und das Gros dieser Zuzügler wird nicht aus Europa kommen können, sondern aus Asien und Afrika stammen müssen - aus Regionen, wo die Bevölkerung nach wie vor dynamisch wächst. Zugegeben, das wird nicht einfach. Denn die kulturelle Distanz ist deutlich größer als zu den bisherigen Zuwanderergruppen.

Die Zuwanderung wird vor allem aus Asien und Afrika kommen

In den Jahren bis 2014 hat die Bundesrepublik enorm davon profitiert, dass vor allem Menschen aus anderen EU-Ländern herkamen. 2015 lag der deutsche EU-interne Immigrationssaldo nach IfW-Schätzungen immer noch bei 370.000 Personen. Eine weitgehend reibungslose Einwanderung direkt in den Arbeitsmarkt. Aber so wird es nicht bleiben: Weil die Arbeitsmärkte in Krisenländern wie Spanien wieder besser laufen, nimmt der Emigrationsdruck dort ab.

Dazu kommt die Demographie: Insbesondere Osteuropa altert und schrumpft noch deutlich schneller als die deutsche Bevölkerung. Es gibt dort schlicht und einfach immer weniger Menschen, die überhaupt zu uns kommen könnten. Auf längere Sicht wird die Zuwanderung aus anderen EU-Ländern auf nur noch ein Drittel des heutigen Niveaus absacken, rechnet eine Studie der Bertelsmann-Stiftung und des bundeseigenen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vor.

Deutschland braucht aber heute viel mehr Zuwanderung als in den Neunziger- und Nullerjahren. Damit uns die Arbeitskräfte nicht ausgehen, müssen Jahr für Jahr etwa eine halbe Million Menschen mehr ein- als auswandern. Und diese Zuwanderer werden überwiegend keine Europäer sein können. Nur wenn es gelingt, so viele Menschen herzulocken und zu integrieren, nur dann bleibt das Erwerbspersonenpotenzial in den nächsten Jahrzehnten konstant, so die IAB-Bertelsmann-Studie. Nur dann wird Deutschland nicht zur Schrumpfnation.

Es stimmt schon: 2015 war die Zuwanderung mehr als doppelt so hoch wie langfristig notwendig. Aber die Entwicklung ist durch die prekäre Lage in Syrien und in den Flüchtlingslagern an den Grenzen überzeichnet. Viele der Kriegsflüchtlinge werden in ihre Heimat zurückkehren, wenn es die Sicherheitslage zulässt.

Die Alternative: Abschottung, Schrumpfung, Sklerose

Bislang wächst die deutsche Wirtschaft vor allem, weil immer mehr Ausländer in Deutschland arbeiten wollen. 2016 dürfte die Beschäftigung abermals neue Rekordmarken erreichen. Obwohl die heimische Bevölkerung altert, steigt das Erwerbspersonenpotenzial weiter. Ohne die Immigrationswelle wäre das vermeintliche zweite deutsche Wirtschaftswunder längst vorbei - einfach weil die Zahl der Arbeitenden schrumpfen würde.

Qualifizierung und Integration sind entscheidend. Und da ist noch eine Menge zu tun: Obwohl es so viele offene Stellen gibt, wie selten zuvor in Deutschland, sagt das IAB im Laufe dieses Jahres eine steigende Arbeitslosenquote vorher: Flüchtlinge, die bisher in bürokratischen Warteschleifen ausharrten, drängen vermehrt auf den Arbeitsmarkt. Donnerstag gibts neue Zahlen zur Beschäftigungsentwicklung.

Damit Deutschland langfristig auch nur halbwegs auf dem heutigen Beschäftigungsniveau verharren kann, müssen rund 350.000 Menschen aus Asien und Afrika in den Arbeitsmarkt integriert werden. Jahr für Jahr. Über Jahrzehnte. Eine gigantische Aufgabe, die alles in den Schatten stellt, was die Bundesrepublik bislang an Zuwanderungs- und Integrationspolitik zustande gebracht hat.

Sicher, wir könnten uns dagegen entscheiden. So wie Japan: Abschottung, Schrumpfung, Sklerose. Die ökonomischen Kosten wären allerdings gravierend: weniger Wohlstand, angespannte Staatsfinanzen, weniger Innovationsdynamik.

Die Bundesregierung müht sich seit einiger Zeit, Signale auszusenden, um potenzielle Migranten von einer Einreise nach Deutschland abzuhalten. Eine Strategie mit gravierendem Rückschlagspotenzial. Sollte die Terrorwelle dazu führen, dass die Zuwanderung von Nichteuropäern dauerhaft erschwert wird - oder, noch schlimmer, Menschen zwar ins Land kommen, aber ihre Integration noch schwieriger wird -, dann drohen massive wirtschaftliche Probleme und soziale Konflikte.

So oder so: Die ruhigen alten Zeiten werden so schnell nicht zurückkommen. Und bei Licht betrachtet sollten wir es uns nicht mal wünschen.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche

MONTAG (Ostermontag)

Ostern - Heute geschlossen - Viele westliche Börsen machen wegen des Osterfestes dicht.

DIENSTAG

Wiesbaden - Nicht mehr allein - Das Statistische Bundesamt veröffentlicht detaillierte Zahlen zur Rekord-Zuwanderung von Ausländern 2015.

Frankfurt - Jede Menge Kohle - Die EZB veröffentlicht die Geldmenge M3 für die Eurozone im Februar. Seit Monaten wächst sie schneller als eigentlich vorgesehen - Blasengefahr.

Rom - Klimafragen - Neue Zahlen zum Geschäftsklima und dem Verbrauchervertrauen aus dem größten potenziellen Problemland der Eurozone: Italien.

MITTWOCH

Brüssel - Allianz der Demokraten - Die EU und Indien loten gemeinsame Interessen aus: Gipfeltreffen europäischer Spitzen mit Ministerpräsident Modi.

Genf - Hilfe! (Für Merkel?) - Internationale Konferenz des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR zum verstärkten Ausbau der Aufnahmeplätze für syrische Flüchtlinge.

Wiesbaden - Nach dem Alarm - In der Eurozone geht die Angst vor Deflation um. Nun veröffentlicht das statistische Amt des größten Eurostaates die erste Schätzung zur Steigerung der Verbraucherpreise. Gestiegene Spritpreise dürften ihre Wirkung nicht verfehlen.

DONNERSTAG

Brüssel - Nach den Bomben - Flugsicherheitsexperten aus den 28 EU-Staaten treffen sich zu Beratungen über die Sicherheit an europäischen Flughäfen.

Wien - Balkan-Route - Treffen von Verteidigungsministern aus Mitteleuropa und dem Balkan zu Beratungen über die Flüchtlingskrise.

Nürnberg - Immer mehr Jobs - Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht die Arbeitsmarktdaten für März.

Brüssel - Neu-Alarm? - Zuletzt war der Verbraucherpreisindex für die Eurozone leicht gesunken - Deflationsgefahr. Nun veröffentlichen die Statistiker erste März-Schätzungen für die Eurozone.

FREITAG

Tokio - The World according to Tankan - Neuer Bericht zur Lage der japanischen Wirtschaft.

Peking - Weltkonjunkturlokomotive - Offizielle Einkaufsmanagerindizes für die Industrie und den Dienstleistungssektor in China.

Zum Autor
Henrik Müller
Roland Bäge

Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 343 Beiträge
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thorolson 28.03.2016
1. Wer?
Es kommt ganz stark darauf ab wer zuwandert. Im Moment sind es zu 2/3 Analphabeten. Diese werden bestimmt kein Problem lösen, aber eine Menge neuer Probleme schaffen.
mr.northman 28.03.2016
2. Mr..Northman
Es kommt schlicht auf die Qualifikation an. Zuwanderer sollten eine moderne Grundeinstellung haben, eine gewisse Grundbildung besitzen, unser Gesellschaftsordnung leben wollen und das Grundgesetz anerkennen. Dazu muss das Mann/Frau Verhältnis zahlenmässig ausgeglichen sein.
steven_coppens 28.03.2016
3. wirtschaft
immer wieder wird uns erzählt die Wirtschaft braucht neue Arbeitskräfte.. was denn mit Automatisierung, robots, IT, etc. die machen ein Grossteil der Bevölkerung bald arbeitslos, doch? Das man Brains haben muss ja, und dass teilweise wir die aus dem Ausland holen müssen, ja, aber diese Masseneinwanderung hilft uns nix. und ja, schöne Leute von beiden Geschlechtern bereichern uns auch, eben nicht nur junge Männer... PS wäre auch nicht schlecht mal über alternative Wirtschaft nach zu denken, da die Erde und die Umwelt diesen Konsumwahnsinn auch nicht lange mehr tragen kann...
winki 28.03.2016
4. ... auf Zuwanderer gar nicht verzichten, ...
das dürfte wohl unbestritten sein. Nur nicht so wie es die Kanzlerin getan hat. Ohne Kontrolle, wer zu uns kommen will, geht das nunmal nicht. Kein Land der Welt lässt Menschen einfach so rein um da zu leben. Überall ist Einwanderung an Bedingungen geknüpft. Welche das sind das muss gesetzlich zum Wohle unseres Landes geregelt werden und dann hat sich jeder danach zu richten. Wer das nicht tut hat das Land umgehend zu verlassen, wenn es nicht anders geht dann auch mit Einsatz der Polizei. Eigentlich ganz einfach und überall üblich.
dschmi87 28.03.2016
5. Es ist faszinierend
Wie die deutschen Medien alles, aber wirklich alles dafür tun um das was derzeit schief läuft zu rechtfertigen. Auf meine Frage wie sie die jetzigen 3 Mio Arbeitslose und 1,5 Mio Menschen die nicht in der Statistik sind, zuerst in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren wollen, bekomm ich nie eine Antwort... Die ausländischen Medien haben schon recht, und damit meine ich nicht russische Medien, nein nein sondern französische, belgische, britische, schweizerische und österreichische Medien, wenn sie sagen das die Medien in Deutschland so fern ab der Realität sind wie in sonst keinem anderen Land. Hierzu ist ein Artikel vom 04.01.2016 bei der Schweizer Tagesschau mit dem Titel "das Versagen der deutschen Medien"... Wann kapieren die Medien endlich das sie mit daran schuld sind am erstarken der AfD das sie mit daran schuld sind durch ihre vermeintliche Objektivität aus moralischer Überlegenheit mit daran schuld sind an jeden weiteren Anschlag in Europa. Leute lest einfach ausländische Medien... Wenn man das dann mit dem deutschen Medien vergleicht denkt man man sei in einer parallel Welt...
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