Flüchtlinge in deutschen Firmen Suche Job, bekomme Praktikum

Deutschland ist ihr Lieblingsziel: Die meisten Flüchtlinge hoffen hier auf einen Job - doch wegen der Bürokratie gibt es höchstens mal ein Praktikum.

Asylbewerber (r.) und Meister (in einem Werk für Windkraftanlagen): "Fachliche Eignung ist entscheidend"
DPA

Asylbewerber (r.) und Meister (in einem Werk für Windkraftanlagen): "Fachliche Eignung ist entscheidend"

Von , und


"Die meisten Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet und hoch motiviert", sagt Dieter Zetsche. Damit seien sie eine Chance für Deutschlands Unternehmen. Der Daimler-Chef kündigte vor wenigen Tagen an, in Flüchtlingszentren nach potenziellen Arbeitnehmern zu suchen.

Die deutsche Unternehmenselite stimmt dem Autoboss zu - tatsächlich passiert ist bislang aber wenig. Der Tenor unter den Top-Unternehmen ist gleichlautend, wie eine SPIEGEL-ONLINE-Umfrage ergab: Grundsätzlich sind Deutschlands Konzerne für Flüchtlinge in ihrem Betrieb offen, wenige aber haben Sonderinitiativen wie die von Zetsche gestartet.

Die Flüchtlinge hätten die gleichen Chancen wie ein deutscher oder europäischer Bewerber, heißt es beispielsweise beim Automobilzulieferer Bosch. "Die fachliche Eignung ist entscheidend - wenn ein Kandidat sich auf eine offene Position bewirbt."

Die Deutsche Telekom Chart zeigen bietet auf ihrer Website immerhin bezahlte Praktika an. Die Anforderungen sind allerdings hoch: Das Unternehmen sucht vor allem Wirtschaftsstudenten, mit guten Deutsch- und Englischkenntnissen. Noch habe man keine Praktikanten über diesen Weg gefunden, heißt es von Seiten des Bonner Konzerns. Aber erste Bewerbungen seien bereits eingetroffen.

Zurzeit beschränken sich wie die Telekom auch die meisten anderen Dax-Konzerne darauf, Flüchtlingen für betriebsinterne Hochschulen Stipendien zu stellen oder berufsorientierende Praktika anzubieten. Siemens Chart zeigenbeispielsweise schuf an zehn Standorten solche Praktikumsplätze für Asylbewerber.

Daimler ist bereits einen Schritt weiter. In mehreren Werken des Autokonzerns haben einige Syrer und Iraker mit Arbeitserlaubnis einen Ausbildungsplatz gefunden.

Handwerkskammer schafft 1200 Lehrstellen

Dass sich das Engagement steigern lässt, zeigt ein Blick auf Verbände und mittelständische Unternehmen. Allein die Handwerkskammer München hat in diesem Frühjahr bei ihren Mitgliedern 1200 Lehrstellen und Praktikumsplätze für Flüchtlinge eingeworben.

Auch kleinere Verbände erreichen ähnliches: Das Berufsförderwerk der Bauindustrie NRW hat eine Ausbildungsvorbereitung eingerichtet. 45 Flüchtlinge lernen an privaten Berufskollegs Deutsch und werden in die Bauindustrie eingeführt, als Vollzeitunterricht. Es ist eine Art Qualifikationstest für spätere Ausbildungen.

Zu den Vorreitern gehört auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) Köln. Sie ermittelt in einem eigens entwickelten Test die Kompetenzen und Talente der Asylbewerber und will darauf aufbauend gezielt Weiterbildungen organisieren.

Bisher findet so nur ein geringer Teil der Flüchtlinge den Weg auf den Arbeitsmarkt. Allein im ersten Quartal dieses Jahres haben in Deutschland mehr als 73.000 Flüchtlinge Asyl beantragt. Auch wenn die Vielzahl kleiner Projekte kaum erfassbar ist: Viele potenzielle Arbeitnehmer werden auf dem Arbeitsmarkt leer ausgehen.

Das liegt nicht zuletzt an den gesetzlichen Vorschriften. Nicht jeder Flüchtling, der nach Deutschland gekommen ist, darf auch hier arbeiten. Erst wenn Asylsuchende mit Aufenthaltsgenehmigung und Personen mit Duldung bereits drei Monate in Deutschland gelebt haben, können sie sich für einen Job bewerben. Kommt für den ausgeschriebenen Arbeitsplatz kein Deutscher oder EU-Bürger infrage, darf der Arbeitgeber den Platz an den Asylsuchenden vergeben. Die sogenannte Vorrangprüfung entfällt zurzeit erst nach 15 Monaten.

Was Konzerne zusätzlich bremst, ist die unsichere Aussicht, ob sich die Anstellung von Flüchtlingen am Ende für den Betrieb überhaupt auszahlt: Muss der Asylbewerber womöglich mittendrin gehen, weil er abgeschoben wird?

Bald könnte es für Unternehmen allerdings interessanter sein, Lehrstellen auch mit Flüchtlingen zu besetzen. Verbände und Kammern dringen auf die Lockerung der gesetzlichen Regeln: So will die bayerische Landesregierung Asylbewerber, die ihre Ausbildung erfolgreich in Bayern abgeschlossen haben, auch zwei Jahre danach dulden. Zurzeit kämpft die IHK München dafür, dass Flüchtlinge für die zwei Jahre einen noch sichereren Status bekommen. Das sogenannte "Drei-plus-Zwei-Modell" der Bayern ist nun ein Vorbild für viele andere IHK, die dieses in ihrem Land ebenfalls durchsetzen wollen.

Ehrenamtliche Helfer unterrichten junge Flüchtlinge

Wie es abseits der Unternehmen und der Bürokratie geht, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, zeigt ein Projekt in der Münchner Bayernkaserne. Dort kümmert sich etwa der Verein Lernwerkstatt Halle 36 ähnlich wie die IHK um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und will ihnen mit sogenannten Berufsorientierungsmaßnahmen den Weg ins Erwerbsleben ebnen.

Ab kommenden Montag bietet der Verein zweiwöchige Kurse in den Bereichen Elektro, Trockenbau, Malerhandwerk sowie Sanitär und Heizung an, wie Bernhard Vornehm, Gründungsmitglied des Vereins, erklärt. Mehrere Innungen würden das Projekt zurzeit stützen. Bislang laufe alles über Spenden.

Die Idee für den Verein entstand durch einen Handwerker, der auf dem Gelände der Bayernkaserne zu tun hatte. Ihm war aufgefallen, dass viele Flüchtlinge großes Interesse an den Instandhaltungs- und Reparaturarbeiten hatten. Die Sprachbarriere sei kein großes Problem, so Vornehm, handwerkliche Dinge könne man gut und anschaulich zeigen: "Wir wollen, dass die jungen Leute eine Perspektive haben."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 67 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
inhabitant001 10.09.2015
1. Nein
Nein, wegen der fehlenden Deutschkenntnisse, der fehlenden Dokumente, oder der fehlenden oder nicht anerkannten Ausbildung gibt es höchstens mal ein Praktikum. Sind denn hier wirklich alle so dumm zu glauben trotz 3-5 Mio arbeitsloser Deutscher und 20 Mio arbeitsloser Europäer würden nun gerade die Leute die offiziell 500.000 freien Jobs bekommen? Ein Irrenhaus.
pluuto 10.09.2015
2. tolle Sache
Das ist Potential für die Deutsche Industrie und das Handwerk. Die eingeborene Jugend will ja eher Kosmetiker, Tierpfleger oder irgendwas mit Medien machen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausbildungsplaetze-hier-gibt-es-noch-lehrstellen-a-1050288.html
interessierterleser1965 10.09.2015
3. Verdrängungswettbewerb
Damit wird ein Verdrängungswettbewerb in den unteren Lohngruppen zwischen Harz 4 und Flüchtlingen losgetreten. Ähnlich wie bei preisgünstigem Wohnraum. Das wird der angeblich guten Stimmung schneller ein Ende bereiten, als allen lieb ist.
Hochbeet 10.09.2015
4.
uns ja gar nicht unsere Arbeit weg!", müsste jetzt ein Pegidast schreiben... Was für ein Glück für einen Flüchtling, wer er dort landet, wo es überhaupt Arbeit gibt. Klar ist aber auch: Das deutsche Ausländerrecht ist so kompliziert, detailliert und abwehrend, dass die Erarbeitung eines Einwanderungsgesetzes Jahre brauchen würde. Und dann ein eigenes Ministerum erfordern würde. Momentan haben die kommunalen Ausländerämter eine Macht, die sie ungern abgeben würden.
Spiegelleserin57 10.09.2015
5. Das Angebot für ein Praktikum ...
ist in D auch für Schulabgänger fast normal. Es gilt billige Arbeitskräfte zu finden und sie zu entlassen wenn man sie nicht mehr braucht oder sie als ungeeignet erscheinen. In vielen Forschungseinrichtungen werden Leute nur noch projektbezogen eingestellt. Man will flexibel bleiben und deshalb auch die kurzen Beschäftigungsverträge. Was man aber nicht berücksichtigt dass Wissen verloren geht und jedes Mal die Leute wieder neu eingearbeitet werden müssen, verlorene Zeit für die Wirtchaft und der Schaden dürfte beträchtlich sein, dies gilt auch bei der Beschäftigung von Flüchtlingen da unter ihnen auch viele hochqualifizierte Arbeitskräfte sind. Sollten diese sich auf dem Arbeitsmarkt etablieren werden sie sich die Stellen aussuchen die ihren Vorstellungen entsprechen, verständlich!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.