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IAB-Chef Möller zur Flüchtlingskrise: "Das Schlimmste wäre, sie untätig rumsitzen zu lassen"

Ein Interview von

Asylbewerber in der Schreiner-Ausbildung (Archivfoto): "Überwiegend hochmotivierte Menschen" Zur Großansicht
DPA

Asylbewerber in der Schreiner-Ausbildung (Archivfoto): "Überwiegend hochmotivierte Menschen"

Die vielen Flüchtlinge werden zur Herausforderung für den deutschen Arbeitsmarkt. Der Chef des Forschungsinstituts IAB, Joachim Möller, fordert höhere Ausgaben für Integration und Qualifikation. Sonst drohten "gesellschaftliche Folgekosten".

Zur Person
  • IAB
    Der Volkswirt Joachim Möller (Jahrgang 1953) ist seit 2007 Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die Forschungsstelle gehört zur Bundesagentur für Arbeit. Möller ist außerdem Professor für Volkswirtschaft an der Universität Regensburg.
SPIEGEL ONLINE: Herr Möller, in Deutschland arbeiten so viele Menschen wie nie, die Zahl der Arbeitslosen ist auf einem Tiefststand. Wie lange hält das Jobwunder an?

Möller: Erst einmal dürfen wir uns weiter daran freuen, der deutsche Arbeitsmarkt ist in einer stabilen Grundverfassung. 2016 wird es aber wohl etwas mehr Arbeitslose geben. Wir rechnen übers Jahr gesehen mit einem durchschnittlichen Anstieg um rund 70.000 auf 2,8 Millionen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt zunächst nach einer moderaten Größenordnung - auch angesichts dessen, dass allein in diesem Jahr rund eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden. Wie viel macht der Andrang der Flüchtlinge in Ihrer Prognose aus?

Möller: Da müssen wir realistisch sein: Ohne den großen Andrang der Menschen aus anderen Ländern würden wir im kommenden Jahr noch weniger Arbeitslose haben als jetzt, schätzungsweise 60.000 weniger. Das heißt im Umkehrschluss: 130.000 Zuwanderer werden unserer aktuellen Prognose zufolge im nächsten Jahr zusätzlich arbeitslos gemeldet sein.

SPIEGEL ONLINE: Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) spricht vor allem von steigenden Zahlen im Hartz-IV-Bereich. Das klingt beinahe nach einer Kapitulation. Müssten die Jobcenter und alle anderen beteiligten Stellen nicht versuchen, die Zuwanderer so schnell wie möglich in den Arbeitsmarkt zu integrieren?

Möller: Das wird von ganz zentraler Bedeutung sein. Wir müssen aber damit rechnen, dass die Ankommenden erst mal die Sprache lernen und Integrations- und Qualifizierungskurse belegen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Was wissen Sie über das Qualifikationsniveau der Asylbewerber - handelt es sich eher um die viel beschriebenen Ärzte und Informatiker, die kommen oder - um ein anderes Extrem zu nennen - um Analphabeten?

Möller: Um ehrlich zu sein, wissen wir noch nicht viel. Es gibt bislang keine repräsentativen Daten zur Qualifikation. Wir müssen aber damit rechnen, dass mehr als zwei Drittel der Asylbewerber keine abgeschlossene Ausbildung haben, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt zählt.

SPIEGEL ONLINE: Die Zahl der Menschen ohne Ausbildung klingt erschreckend hoch. Wie wollen Sie verhindern, dass diese Zuwanderer zu Hause hocken und zu Sozialfällen werden?

Möller: Das wird eine große Anstrengung, ganz sicher. Aber die Mehrheit der Flüchtlinge ist unter 25 Jahren. Das heißt, wir können noch richtig viel bewegen. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Potenzial für den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft größer ist, als das, was der Bildungsgrad aussagt. Es handelt sich überwiegend um hochmotivierte Menschen, die lernen und arbeiten wollen. Wir müssen aber schnell sein: Das Schlimmste wäre, die Neuankömmlinge so lange untätig rumsitzen zu lassen, bis der letzte Funken Hoffnung und Motivation aufgebraucht ist.

SPIEGEL ONLINE: Was also schlagen Sie vor? Die Behörden sind ja jetzt schon völlig überlastet.

Möller: Wir müssen alle Instrumente intensiv nutzen, die schon da sind: Eingliederungszuschüsse, berufsvorbereitende Maßnahmen, andere Qualifikationsförderungen. Wir sollten aber auf keinen Fall Spezialmaßnahmen für Flüchtlinge einführen und anbieten. Es darf in der Bevölkerung nicht der Eindruck entstehen, dass eine Gruppe bevorzugt wird.

SPIEGEL ONLINE: Ob man nun vorhandene Mittel nutzt oder neue ins Leben ruft: Das wird eine Menge kosten. Die Arbeitsministerin spricht von bis 3,3 Milliarden Euro im Hartz-IV-System im kommenden Jahr, die allein für den Lebensunterhalt und die Arbeitsmarktförderung aufgewendet werden müssen. Woher soll das Geld kommen?

Möller: Wie die Integration finanziert wird, kann ich nicht entscheiden. Aber eine deutliche Aussage dazu: Jeder Euro, der jetzt nicht in die Integration und Qualifikation investiert wird, wird uns langfristig wahrscheinlich ein Mehrfaches kosten. Nämlich dann, wenn wir die gesellschaftlichen Folgekosten tragen müssen, wie zum Beispiel die Langzeitarbeitslosigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Mehrere Arbeitgeberverbände sagen, sie würden gern Zuwanderer beschäftigen - aber nur, wenn es beim Mindestlohn Ausnahmen gebe. Die gesetzliche Lohnuntergrenze von 8,50 Euro sei bei einer schwachen Qualifikation viel zu hoch, so das Argument. Haben die Arbeitgeber recht?

Möller: Ich lehne es entschieden ab, beim Mindestlohn spezielle Ausnahmen für Flüchtlinge einzuführen. Das spaltet eine Gesellschaft. Wir können es nicht zulassen, dass gering Qualifizierte in der deutschen Bevölkerung gegen Zuwanderer ausgespielt werden. Es gibt jetzt schon mehrere Möglichkeiten für Unternehmen, befristet unter den 8,50 Euro zu bleiben - etwa bei Langzeitarbeitslosen oder bei berufsvorbereitenden Praktika. Diese Ausnahmen können Firmen auch bei Flüchtlingen nutzen. Nach unseren bisherigen Erkenntnissen halten sich die Betriebe da aber zurück. Zunächst einmal sollten doch die bestehenden Möglichkeiten ausgeschöpft werden, bevor nach neuen verlangt wird.

SPIEGEL ONLINE: Ein anderer Vorschlag ist, den Mindestlohn generell abzusenken. Damit wäre keine Bevölkerungsgruppe ausgegrenzt.

Möller: Das ist eine ganz schlechte Idee. Wenn wir den Mindestlohn nach zehn erfolgreichen Monaten jetzt wieder infrage stellen, dann haben wir Feuer unterm Dach. Die gesetzliche Lohnuntergrenze ist breit akzeptiert in der Bevölkerung, sie jetzt wieder aufzuweichen würde auf Unverständnis stoßen und die Betroffenen frustrieren. Außerdem: Wenn die Löhne gesenkt werden, sinkt der Anreiz für Unternehmen, produktiver zu werden. Für ein Land wie Deutschland, das stolz ist auf seine hohe Produktivität, wäre das keine gute Nachricht.

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