Pannenflughafen BER "Ein Abriss wäre ein Eingeständnis des Scheiterns"

Der Berliner Flughafen BER ist das wohl größte Debakel eines öffentlichen Bauvorhabens in Deutschland. Seit Kurzem wird diskutiert: Besser abreißen und neu bauen? Fragen an einen Professor für Bauökonomie.

Baustelle im Terminal des Hauptstadtflughafens BER
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Baustelle im Terminal des Hauptstadtflughafens BER

Von Dominik Reintjes


"Das Ding wird abgerissen und neu gebaut" - so zitierte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" kürzlich Thorsten Dirks. Die Aussage des Lufthansa-Vorstands war nicht für die Öffentlichkeit gedacht, der Satz fiel in vertrauter Runde. Doch ganz abwegig scheint der Gedanke nicht.

Denn je mehr Zeit vergeht, desto mehr Anlagen veralten am Flughafen Berlin-Brandenburg. Das gilt auch für die Lufthansa-Installationen und die 750 Monitore, die das Ende ihrer Lebensdauer bereits erreicht haben und nun für 500.000 Euro ersetzt werden müssen.

Die Gesamtkosten für den Flughafen sind seit Beginn der Bauarbeiten kräftig gestiegen: 2006 plante man mit zwei Milliarden Euro. Zuletzt war bereits von 6,6 Milliarden Euro die Rede - was wohl immer noch nicht das letzte Wort sein dürfte. Lohnt es sich da überhaupt noch weiterzubauen?

Ein Abriss wäre vertretbar

Der reinen Lehre nach sei ein Abriss dann sinnvoll, wenn der Zweck für die Errichtung des Bauvorhabens nicht erfüllt werden kann, sagt Reinhold Johrendt, Architekt und Professor für Bauökonomie an der Hafencity Universität Hamburg (HCU)."Beim BER wäre das der Fall, wenn man der Aufgabe, einen Flugbetrieb zu gewährleisten und Passagiere und Fracht sicher zu befördern, nicht nachkommen könnte. Und das könnte man eben nicht, wenn die Eröffnung des Flughafens auch nach vielen weiteren Bauarbeiten nicht in Sicht wäre, weil zum Beispiel der Brandschutz nicht gewährleistet werden kann." Dann wäre ein Abriss des Fluggastterminals theoretisch vertretbar.

Reinhold Johrendt
HafenCity Uni Hamburg

Reinhold Johrendt

Johrendt kennt die genauen Pläne in Berlin nicht, aber er weiß, wovon er spricht. Als Gutachter war er unter anderem für die Hamburger Elbphilharmonie zuständig - mit falsch prognostizierten Baukosten hat er also bereits Erfahrungen gemacht.

Das zentrale Fluggastterminal ist das eigentliche Problem des BER. Knapp drei Milliarden Euro wurden in diesen Kern des Flughafens bislang investiert - für Vorbereitung, Bau und - insbesondere - die Beseitigung der Mängel. Wenn aber der Kern nicht in Betrieb gehen kann, sei der gesamte Flughafen obsolet, sagt Johrendt.

Das würde ein Abriss bedeuten

Und wie würde ein hypothetischer Abriss aussehen? "Bei einem Rückbau des jetzigen Fluggastterminals wird ein Großteil der verbauten Materialien und Baugruppen sicherlich nicht für ein mögliches neues Terminal verwendet", sagt Johrendt. Das heißt: Man schmeißt alles weg und baut auf der frei gewordenen Fläche komplett neu. Eine solche Vorgehensweise könnte laut Johrendt aber durchaus vertretbar sein: "Tatsächlich würde man wohl von null anfangen, um nicht erneut dieselben Fehler zu machen."

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Flughafen BER: Chronik eines Bau-Desasters

Ein Abriss würde allerdings nicht nur weitere Kosten mit sich bringen, er wäre vor allem auch zeitaufwendig: "Das würde mehrere Jahre dauern. Gerade der Rückbau von technischen Installationen ist ähnlich aufwendig wie der Aufbau."

Offenbar hat man in Berlin den Zeitpunkt verpasst, den Bau frühzeitig zu stoppen und von vorn anzufangen. Wenn ein Projekt dabei ist, an die Wand gefahren zu werden, dann sei jeder Tag Geld wert, sagt Bauökonom Johrendt. Und der finanzielle Schaden sei umso geringer, je eher man sich zu einem nicht mehr vermeidbaren Abriss entscheide, anstatt unnötig weiterzubauen.

Hat Thorsten Dirks also recht?

Das Fluggastterminal ist zwar mittlerweile die letzte Baustelle auf dem Gelände des BER, aber auch die mit Abstand anspruchsvollste. Was eine Eröffnung momentan noch verhindert, ist von außen nicht zu erkennen. Es könnten Kleinigkeiten sein (was eher unwahrscheinlich ist) oder die Beseitigung von Mängeln, die die Planer bereits im Griff haben.

Oder aber es ist die Arbeit an Problemen, für die noch keine Lösung gefunden ist. Weil die Verantwortlichen sich zu diesem Thema aber bedeckt halten, sei es schwierig, belastbar zu prognostizieren, ob ein Abriss sinnvoll sei, sagt Johrendt. "Womöglich weiß Lufthansa-Vorstand Thorsten Dirks mehr als der normale Bürger." Das würde zumindest erklären, wie er zu seiner umstrittenen Aussage kam.

Nach Sinn und Unsinn mag im Falle des BER aber ohnehin schon lange niemand mehr fragen. Selbst wenn ein Abriss aus technischen oder ökonomischen Gründen geboten wäre, hätte eine Initiative in diese Richtung mit Sicherheit keine Chance. "Ein Abriss wäre eine Katastrophe und ein Eingeständnis des Scheiterns der Verantwortlichen", sagt Johrendt. Und die Schwelle für ein solches Eingeständnis sei hoch. Höher, als eine geplante Eröffnung zum x-ten Mal zu verschieben. Deshalb geht Johrendt davon aus, dass weitergebaut wird.

Wie lange das dauern wird, ist derzeit nur am offiziellen Eröffnungstermin abzulesen: Oktober 2020. Aber was heißt das schon in Berlin?



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