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Folgen der Schuldenkrise: Deutschlands dreifacher Griechen-Schlamassel

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Europa diskutiert eine Umschuldung Griechenlands. Das Land müsste dann einen Teil seiner Milliardenkredite nicht zurückzahlen - doch für die Gläubiger wäre ein Verzicht extrem teuer. Die Bundesrepublik hängt gleich dreifach in Athens Schuldenkrise mit drin.

Griechische Flagge vor dem Parthenon: Es gibt noch Hoffnung Zur Großansicht
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Griechische Flagge vor dem Parthenon: Es gibt noch Hoffnung

Hamburg - "Es wird keine Umschuldung Griechenlands geben!" Die Dementis der Regierung in Athen, der EU-Kommission und der Euro-Staaten wirken ungefähr so glaubwürdig wie die Jubelmeldungen der "Prawda" zu Zeiten der Sowjetunion. Auch wenn das Thema derzeit tatsächlich nicht ansteht: Langfristig könnte es durchaus zu dem radikalen Schritt kommen.

Das 110 Milliarden Euro schwere Rettungsprogramm von Euro-Mitgliedern und Internationalem Währungsfonds (IWF) für Athen läuft noch bis zum Jahr 2013. Bislang ist rund die Hälfte des Geldes ausgezahlt worden, in dem Notfonds sind also noch rund 55 Milliarden Euro. Die reichen vermutlich bis zum kommenden Frühjahr - und dann kann die Welt ganz anders aussehen.

Das muss sie dann allerdings auch. Nach bisheriger Planung soll sich Griechenland im Jahr 2012 gut 27 Milliarden Euro selbst am Kapitalmarkt besorgen, also eigene Staatsanleihen ausgeben. Betragen deren Zinsen dann immer noch mehr als 20 Prozent (wie derzeit), käme dieser Schritt einem Selbstmordkommando gleich. Wahrscheinlich werden die Euro-Staaten und der IWF deshalb erneut einspringen. Spätestens bei der Verabschiedung eines zusätzlichen Rettungspakets dürfte die Debatte über einen teilweisen Schuldenerlass für Griechenland also wieder aufflammen.

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Dass eine Umschuldung unkalkulierbare Risiken mit sich bringt, ist offensichtlich. Trotzdem stellt sich die Frage: Wie groß wären die finanziellen Risiken für Deutschland, wenn alle Kreditgeber Griechenlands auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichten müssten? Nur ein so umfassendes Zugeständnis der Gläubiger würde dem Land eine echte Erleichterung bringen - für die Kreditgeber wäre er aber entsprechend teuer.

Die Bundesrepublik hängt direkt und indirekt gleich dreifach mit im griechischen Schuldenschlamassel:

  • Im vergangenen Herbst hatten deutsche Banken Staatsanleihen des Landes in Höhe von gut 26 Milliarden Dollar in ihren Büchern. Das entspricht rund 18 Milliarden Euro. Würden Griechenlands Gläubiger auf 50 Prozent ihrer Forderungen verzichten, müssten die deutschen Institute 9 Milliarden Euro abschreiben. Ob alle Banken diesen radikalen Schritt verkraften würden, ist fraglich. Gut möglich, dass die Regierung dann einige von ihnen retten müsste.

    Das Problem: Auch Institute wie die Commerzbank, denen es eh schon mies geht, halten Papiere aus Athen. Allerdings muss man berücksichtigen, dass die Daten, die von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich erhoben wurden, über ein halbes Jahr alt sind. Viele Konzerne dürften sich in der Zwischenzeit still und leise von einem Teil ihrer griechischen Staatsanleihen getrennt haben. Auch würden einige Banken die notwendigen Abschreibungen durchaus verkraften.
  • Die Bundesregierung hat Griechenland im Rahmen der Hilfen von Euro-Staaten und IWF bilaterale Kredite in Höhe von mehr als 22 Milliarden Euro zugesagt. Wenn das 110-Milliarden-Euro-Rettungspaket voll ausgezahlt ist, sind die Euro-Länder und der IWF Eigentümer von rund einem Drittel der griechischen Staatsschulden.

    Anders als die Milliarden des IWF werden die Gelder der Euro-Partner gegenüber privaten Gläubigern nicht bevorzugt behandelt. Deshalb würde der deutsche Finanzminister eine Umschuldung wahrscheinlich in vollem Umfang mitmachen - und von den gewährten 22 Milliarden Euro rund 11 Milliarden Euro verlieren. Käme es allerdings zu einem baldigen Schuldenschnitt, fiele der Verlust deutlich geringer aus. Schließlich wurde erst rund die Hälfte der Hilfen ausgezahlt.
  • Die Europäische Zentralbank hat bislang Staatsanleihen von hochverschuldeten Euro-Staaten im Wert von 76 Milliarden Euro aufgekauft. Wie viel davon auf griechische Papiere entfällt, ist streng geheim. Die Athener Staatsanleihen dürften jedoch das Gros der Summe ausmachen - nach Marktschätzungen zwischen 50 und 60 Milliarden Euro.

    Weil die Bundesbank 27 Prozent des Kapitals an der EZB hält, ist davon auszugehen, dass sie für rund 15 Milliarden Euro griechische Staatsanleihen bürgt. Hätte sie die Papiere zum ursprünglichen Wert erworben und käme es zu einer Umschuldung in Höhe von 50 Prozent, fielen Verluste von 7 bis 8 Milliarden Euro an. Wahrscheinlich wären diese für die Bundesbank aber geringer: Die Griechen-Anleihen wurden bereits zu niedrigeren Kursen gekauft, der Abschlag bei einer Umschuldung würde somit nicht 50 Prozent betragen.

Zählt man die maximalen Verluste von Finanzinstituten, Bundesregierung und Bundesbank zusammen, könnte der beträchtliche Forderungsverzicht gegenüber Griechenland Deutschland rund 27 Milliarden Euro kosten.

So teuer muss es zwar nicht werden. Denn eine 50-prozentige Umschuldung wäre ein brutaler Schritt. Und die Berechnung stützt sich - wie geschildert - teilweise auf extreme Annahmen. Allerdings berücksichtigt sie auch nicht mögliche Kollateralschäden. Griechische Banken und Unternehmen könnten ebenfalls Probleme bekommen, ihre Kredite zu bedienen. Insgesamt hatten deutsche Banken im vergangenen Herbst an diese Schuldner weitere 14 Milliarden Dollar verliehen, also rund zehn Milliarden Euro.

USA und Belgien als Vorbild

Das größte Risiko einer Umschuldung Griechenlands ist die Ansteckungsgefahr für andere hochverschuldete Euro-Staaten. Sollten Irland, Portugal und Spanien in einen vergleichbaren Strudel geraten, könnte die Euro-Zone möglicherweise auseinanderbrechen. Und die deutschen Banken würden schlimmstenfalls auf einem beträchtlichen Teil ihrer Forderungen an die Regierungen, Finanzinstitute und Unternehmen in den Ländern sitzenbleiben. Diese belaufen sich auf gigantische 400 Milliarden Dollar.

Deshalb ist es durchaus im Interesse Deutschlands, eine Umschuldung Griechenlands zu verhindern. So zwangsläufig eine Pleite des Landes aus heutiger Perspektive auch erscheinen mag: Es gibt noch Hoffnung. Die Lösung heißt "Wachsen, aber keine neuen Schulden machen".

Wenn die Wirtschaftsleistung zunimmt, aber die Verschuldung in absoluten Zahlen konstant bleibt, sinkt die Schuldenquote. Denn sie misst den Anteil der Staatsschulden am Bruttoinlandsprodukt. Sollte sich die griechische Wirtschaft berappeln, kräftig zulegen und schafft es auch die Regierung, dauerhaft einen ausgeglichen Haushalt aufzustellen, kann die "Auferstehung" gelingen.

Mit einem ökonomischen Boom schafften es beispielsweise die USA, ihre Verschuldung von fast 120 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 1945 bis Ende der sechziger Jahre auf unter 40 Prozent zu drücken. Auch Belgien gelang die Wende. Mitte der neunziger Jahre lag die Staatsverschuldung noch bei 130 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, bis 2007 reduzierte sie sich auf rund 84 Prozent. Im gleichen Zeitraum war Deutschland deutlich weniger diszipliniert: Die Schuldenquote stieg von 55 auf 65 Prozent.

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1. ....
wkaiser, 09.05.2011
Zitat von sysopEuropa diskutiert*eine Umschuldung Griechenlands. Das Land müsste dann einen Teil seiner Milliardenkredite nicht zurückzahlen - doch für die Gläubiger wäre ein Verzicht extrem teuer. Die Bundesrepublik hängt gleich dreifach*in Athens Schuldenkrise mit drin. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,761425,00.html
Jetzt muss man doch langsam in's Auge fassen, Merkel und Schäuble wegen Veruntreuung von Steuereldern anzuzeigen. Das Ganze wurde m.E. ohne jegliche Rechtsgrundlage und ausdrücklich gegen bestehende Verträge durchgezogen. Gegen die Interessen Deutschlands geht das sowieso, womit die beiden (leider folgenlos) ihren Amtseid verletzt haben.
2. Also doch ein Schrecken ohne Ende! ??
adam68161 09.05.2011
Für wie blöd halten denn eigentlich die Finanzminister der EU ihr Wahlvolk?
3. Phantastisch
Ghost12 09.05.2011
Man beachte den Wortlaut im Artikel: Banken...Probleme...und dann: "Gut möglich, dass die Regierung dann einige von ihnen retten müsste." Wieso "müsste"? Steht das im Grundgesetz? Oder irgendwo sonst? Wurde darüber abgestimmt? Erzwungene Sozialisierung von Spekulationsverlusten ist kriminell.
4. Kein Problem...
akrisios 09.05.2011
Das ganze wird von der Bande finanziert die permanent über die Bevölkerung befiehlt und diese übervorteilt. Sollen die ausstehenden Schulden dann von Politikerbezügen & Beamtenpensionen bezahlt werden. Denn hier in dieser unserer Fraktionendiktatur, entschludigung ich meine "Demokratie", entscheiden nur die es nicht bezahlen müssen. Wie Bankwesen.
5. Wachsen?
fritz_64 09.05.2011
Stellt sich doch die alles entscheidende Frage in welchen Bereichen die griechische Wirtschaft wachsen soll? Olivenöl? Was das abwerten eines eventuell wieder eingeführten Drachmen betrifft: Hier wird ja schon seit 3 Jahren vorgebaut und der Euro wird gewaltig abgewertet, man muss sich nur die Entwicklung gegen den CHF betrachten und es soll mir keiner sagen die Schweiz hätte eine stärkere Wirtschaftskraft als zum Beispiel Deutschland. Hier kann man schon sehen wie schief der Euro heute schon hängt, aber kommt bestimmt gleich einer der sagt "Aber das ist doch super für unsere Exporte".. http://www.ariva.de/chart/?secu=4441&t=3years&boerse_id=130 1,65 runter auf 1,25, steht bald parie...aber Hauptsache wir werten weiter ab...wie die USA
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