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Forscherposse beim DIW: Was nicht passt, wird passend gemacht

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So unfrei kann Forschung sein: Ein Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bezeichnet den Fachkräftemangel als "Fata Morgana". Weil das nicht zu Aussagen des Präsidenten passt, verschiebt das DIW die Veröffentlichung der Studie - und trimmt sie auf Hauslinie.

DIW-Präsident Zimmermann: Schwerer Imageverlust Zur Großansicht
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DIW-Präsident Zimmermann: Schwerer Imageverlust

Hamburg - Klaus F. Zimmermann ist immer ganz vorne dabei, wenn es um die großen Fragen der Wirtschaftswissenschaften geht. Schließlich ist er Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und Direktor des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA).

Ob ein Statement zum Verlauf der Konjunktur, zum desolaten Staatshaushalt oder zum Fachkräftemangel - Zimmermann geht kaum einem Journalisten aus dem Weg. Und was ihn für die Medien besonders attraktiv macht: Er hat zu allem eine sehr pointierte Meinung.

Und die lautet im Falle des drohenden Fachkräftemangels: "Mittelfristig geht es nicht ohne längere Arbeitszeiten. 37,5- oder 38-Stunden-Wochen sind in jedem Fall vorbei." Außerdem müsse die Bundesregierung jährlich eine halbe Million Zuwanderer ins Land lassen, um den drohenden industriellen Exodus zu vermeiden.

"Hausinterner Diskussionsbedarf"

Dumm nur, dass in dieser Woche Zimmermanns DIW-Mitarbeiter Karl Brenke die Thesen seines Chefs widerlegen wollte. Der Mangel an qualifizierten Kräften sei eine "Fata Morgana", überschrieb der Arbeitsmarktforscher den Entwurf zum aktuellen Wochenbericht des Instituts. Entgegen der weit verbreiteten Meinung gebe es kein knappes Angebot an Fachkräften. Und wirklich dramatisch werde die Lage auch in Zukunft nicht.

Doch Institutsleiter Zimmermann soll die gegenteilige These seines untergebenen Forschers überhaupt nicht in den Kram gepasst haben, heißt es aus dem Umfeld der Forschungseinrichtung. Nachdem SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE exklusiv vorab über Brenkes Entwurf berichtet hatten, reagierte das DIW prompt - und verschob die ursprünglich für denselben Tag geplante Veröffentlichung auf diesen Donnerstag. "Es gab einen hausinternen Diskussionsbedarf", erklärte ein DIW-Sprecher den Zwei-Tages-Aufschub auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Es wird passend gemacht, was nicht zusammen passt

Am Donnerstag erschien die Studie dann. Doch in der Zwischenzeit hat das DIW passend gemacht, was eigentlich nicht zusammen passt: Die Meinungen von Zimmermann und Brenke. Der Bericht ist von vorn bis hinten, nun ja, durchgebürstet - und der Linie des Präsidenten angepasst worden (siehe Interaktive Grafik).

So tauchen in der neuen Fassung komplett neue Passagen auf: "Die zeitliche Perspektive ist die aktuelle Situation - mit Blick auf die Ausbildung der nächsten vier bis fünf Jahre. Mittel- und längerfristige Trends sind nicht das Thema dieses Berichts", heißt es jetzt etwas verquer formuliert gleich zu Anfang.

Übersetzt soll das wohl heißen: Brenke bezweifelt nunmehr den von seinem Chef heraufbeschworenen Fachkräftemangel nicht. Auch die ursprüngliche Überschrift "Fachkräftemangel in Deutschland: eine Fata Morgana" wurde in eine Harmlosvariante geändert: "Fachkräftemangel kurzfristig noch nicht in Sicht".

An anderen Stellen hat das DIW Füllwörter eingefügt, die Brenkes eindeutige These abschwächen. "Für einen aktuell erheblichen Fachkräftemangel sind in Deutschland keine Anzeichen zu erkennen", hatte der DIW-Autor beispielsweise geschrieben. Nun aber heißt es, es seien "kaum Anzeichen" zu erkennen.

Beträchtlicher Imageschaden

Es wurde aber nicht nur munter ergänzt: Ganze Sätze und Passagen sind in der Neufassung weggefallen. So zum Beispiel: "Einen Fachkräftemangel kann es im streng ökonomischen Sinne gar nicht geben, sondern nur eine mehr oder minder große Knappheit an Arbeitskräften." Oder: "In manchen naturwissenschaftlich-technischen Akademikerberufen droht eher eine Fachkräfteschwemme, und daher wächst die Gefahr zunehmender Abwanderungen aus Deutschland." Immerhin: Die Fachkräfteschwemme wird im Wochenbericht nochmal aufgegriffen - in einem Kurzinterview mit Autor Brenke.

Die Krönung der Redigieraktion aber folgt am Ende des Berichts. DIW-Präsident Zimmermann selbst kommentiert die Studie - und rückt dabei Brenkes Ergebnisse endgültig zurecht. So fragt er zunächst rhetorisch: "Ist der vielseitig beklagte Fachkräftemangel ein Scheinriese, der gewaltig schrumpft, wenn man nur genauer hinschaut?" Und gibt gleich die passende Antwort: "Fachkräfte sind bereits in einzelnen Branchen knapp, schon bald werden es viele Branchen sein. Der Fachkräftemangel wird mittelfristig zum bestimmenden Thema des Arbeitsmarkts werden."

"Jetzt ist eine Textfassung gefunden worden, die Herrn Brenkes und Herrn Zimmermanns Meinung kompatibel macht", kommentiert das DIW die Änderungen, als handle es sich um die normalste Sache der Welt. Insgeheim hofft man bei dem Institut, das sich in den vergangenen Monaten bereits viel Kritik anhören musste, die ganze Aufregung werde schnell nachlassen.

Doch was haften bleiben dürfte, ist ein beträchtlicher Imageschaden. Nach außen wirkt die Aktion, als ob beim DIW die Devise gilt: Wer bei uns forscht und zu anderen Ergebnissen kommt als der Chef, muss damit rechnen, auf Linie gebracht zu werden.

Mitarbeit: Katrin Rössler

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1. Schande für die Wissenschaft
Liberalitärer, 18.11.2010
Zitat von sysopSo unfrei kann*Forschung sein: Ein Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bezeichnet den Fachkräftemangel als "Fata Morgana". Weil das nicht zu Aussagen des Präsidenten passt, verschob*das DIW*die Veröffentlichung der Studie - und trimmte sie auf Hauslinie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,729831,00.html
Unfassbar, das muss Konsequenzen haben, Herr Zimmermann hat gegangen zu werden. Unglaublich. Weg auf Hartz IV oder als Fachkraft nach Indonesien.
2. Vor Anfragen...
DerNachfrager 18.11.2010
...wird Herr Zimmermann sich wohl in nächster Zeit nicht retten können: Sämtliche Managementberater der Republik werden fragen, ob sie ihn namentlich zitieren dürfen in der Schulung "Wie man Glaubwürdigkeit verspielt".
3. abteilung zahlen-propaganda
zynik 18.11.2010
Zitat von sysopSo unfrei kann*Forschung sein: Ein Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bezeichnet den Fachkräftemangel als "Fata Morgana". Weil das nicht zu Aussagen des Präsidenten passt, verschob*das DIW*die Veröffentlichung der Studie - und trimmte sie auf Hauslinie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,729831,00.html
Als würde es bei den übrigen Instituten anders laufen. "Hauslinie" nennt man das also...wie niedlich.
4. nassforsch
mitwisser, 18.11.2010
Zitat von sysopSo unfrei kann*Forschung sein: Ein Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bezeichnet den Fachkräftemangel als "Fata Morgana". Weil das nicht zu Aussagen des Präsidenten passt, verschob*das DIW*die Veröffentlichung der Studie - und trimmte sie auf Hauslinie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,729831,00.html
Ein forscher Forscher halt, der vom Geld der Industrie sicher gut lebt. Welches Interesse aber die Industrie an 500.000 Ausländern - natürlich gut ausgebildet - und möglichst billigen Mitarbeitern hat, wer weiß das schon? Ach ja - und die 38 Stunden Woche geht ja gar nicht. Die deutschen Produkte sind so mies, die kauft uns ja momentan keiner ab. ;-) Lobbyismus ist echt widerlich.
5. Nicht denken, regieren lassen
Zyklotron, 18.11.2010
Das war dann erstmal nichts mit der mittelfristigen Versklavung der Werkstätigen durch längere Arbeitszeiten. Die Lüge ist ans Licht gekommen. Und es dürfte noch mehr Lügen geben, um den Profit der Politiker und ihrer Konzernfreunde zu vergrößern. Erfundene Krisen, zusammengesponnene Terrorbedrohungen und nichtexistente Teuerungsgründe. Der Fall zeigt: Der Bürger wird von vorne bis hinten vera..t. Die Wissenschaft korrumpiert. Solche Methoden gab's schon mal in der Mitte des letzten Jahrhunderts...
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Die deutschen Zuwanderungsregeln
Die Regelungen für die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland sind zuletzt am 1. Januar 2009 reformiert worden. Vor allem für Akademiker wurde der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert. 2011 will die EU die Hürden mit der Einführung der "Blue Card" weiter senken. Für Nicht- und Geringqualifizierte gilt weiterhin ein Anwerbestopp.
Einkommensschwelle
Keine Probleme haben Forscher und leitende Angestellte, die so viel verdienen, dass sie die Beitragsbemessungsgrenze der allgemeinen Rentenversicherung erreichen. Sie liegt in diesem Jahr bei 66.000 Euro. Diese Hochqualifizierten erhalten sofort eine sogenannte Niederlassungserlaubnis, die ihnen die gleichen Rechte zugesteht wie deutschen Arbeitnehmern. Auch ihre Familienangehörigen dürfen arbeiten.
Vorrangsprinzip
Fachkräfte mit weniger lukrativen Stellen müssen sich weiterhin dem "Vorrangsprinzip" unterwerfen. Sie bekommen den Job nur, wenn die Bundesarbeitsagentur feststellt, dass es keinen deutschen Bewerber dafür gibt. Ihr Aufenthalt wird befristet. Erst nach drei bis fünf Jahren können sie mit einer Niederlassungserlaubnis rechnen.
Selbständige
Selbständige können ohne Probleme zuwandern, wenn sie mindestens 250.000 Euro investieren und fünf Arbeitsplätze schaffen. Wer dies nicht leisten kann, muss darauf setzen, dass seinem Projekt ein "übergeordnetes wirtschaftliches Interesse" attestiert wird.
Studenten
Ausländische Studenten dürfen 90 ganze oder 180 halbe Tage arbeiten. Nach ihrem Studium können sie ihre Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr verlängern, um einen qualifizierten Arbeitsplatz zu finden.
Blue Card
Mit der europäischen "Blue Card" werden ab 2011 die Anforderungen nochmals gesenkt. Fachkräfte aus Drittstaaten müssen einen mindestens ein Jahr geltenden Arbeitsvertrag vorlegen. Darin sollte ein Bruttogehalt vorsehen sein, das 1,5 mal höher liegt als das Durchschnittseinkommen des Mitgliedstaates. In Deutschland wären das nach aktuellem Stand 42.000 Euro.


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