Erdgasförderung Bundesregierung deutet Fracking-Studie um

Chemikalien, Gesteinsverwerfungen, Explosionen: Allein der Begriff Fracking schürt Ängste. Ein Gutachten sieht die umstrittene Erdgas-Fördermethode sehr viel nüchterner. Doch davon will die Politik nichts wissen.

"Stop Fracking" (Archiv): Umstrittene Gasförderung
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"Stop Fracking" (Archiv): Umstrittene Gasförderung


Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (beide SPD) wollen die umstrittene Erdgas-Fördermethode Fracking politisch neu regeln. Derzeit arbeiten beide Ministerien an einem gemeinsamen Gesetzentwurf, der bald in die Ressortabstimmung gehen soll. Grundlage des Papiers wird unter anderem eine Studie sein, die das Umweltbundesamt (UBA) Ende Juli veröffentlichte.

Doch nun ist in Berlin ein Streit darüber entbrannt, wie diese Studie zu interpretieren ist. Die Politik und auch die Präsidentin des Umweltbundesamts, Maria Krautzberger, lesen aus der Studie heraus, dass Fracking keine Zukunftstechnologie sei - was in etwa die allgemeine Stimmung der Technik gegenüber widerspiegelt.

Umweltministerin Hendricks sagte dem ARD-Politmagazin "Panorama": "Ich sehe nicht, dass Schiefergas auf absehbare Zeit eine Zukunft in Deutschland hat, eine wirtschaftliche Zukunft ganz gewiss nicht", so die Ministerin, die weltweit die schärfsten Regelungen zum Fracking vorlegen will. "Wir werden in Deutschland strenge Voraussetzungen erlassen", es sei dann die Frage, ob es überhaupt noch ein wirtschaftliches Interesse daran gebe, Fracking in Deutschland wirklich zu versuchen. "Ich gehe nicht davon aus", so Hendricks. UBA-Präsidentin Krautzberger assistiert: "Fracking ist und bleibt eine Risikotechnologie."

"Ich würde das Gutachten so nicht auslegen"

Doch der Autor der Studie wundert sich über derlei Aussagen, denn er kommt zu einem deutlich anderen Ergebnis. "In unserem Gutachten stehen solche Worte nicht drin", so der Hydrogeologe Uwe Dannwolf. "Was Frau Krautzberger macht, kann ich ihr nicht vorschreiben. Ich kann nur auf das Gutachten verweisen und sagen, ich würde es so nicht auslegen."

Die Risiken beim Fracking hält er für beherrschbar, sie gingen nicht über die anderer Technologien hinaus. Pikant: Die Studie wird bundesweit als aktueller Beleg für die Gefahren des Frackings wahrgenommen. UBA-Präsidentin Krautzberger hatte Fracking im Schiefergestein als Risiko für das Trinkwasser bezeichnet.

Zwar sieht auch Dannwolf Risiken, beispielsweise am Bohrstrang oder bei Arbeiten an der Oberfläche, dennoch widerspricht er dezidiert im "Panorama"-Interview der Auffassung, aufsteigende Frackingsflüssigkeit könne sich unkontrolliert im Boden ausbreiten und sei dadurch eine Gefahr für Trinkwasserschichten. Er hält die schon jetzt geltende Vorschrift von mindestens 1000 Metern Abstand zwischen dem Fracking und dem Trinkwasser für ausreichend. Krautzberger wollte sich "Panorama" gegenüber nicht äußern. Umweltministerin Hendricks lehnte eine direkte Kommentierung der unterschiedlichen Interpretationen der Studie ab.

Einige Experten halten Fracking für beherrschbar

Dabei steht Dannwolf mit seinen Erkenntnissen nicht allein. Auch ein neuer Bericht der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) kommt zu dem Fazit, dass die Risiken durch Fracking beherrschbar seien. "Ein generelles Verbot von Hydraulic Fracturing erscheint auf der Basis von wissenschaftlichen und technischen Fakten nicht begründbar", heißt es in dem Papier, aus dem "Panorama" zitiert.

Daher könnte die Technologie weiter erforscht werden, wenn sachgerecht gearbeitet werde. Vor jedem Frackvorgang müsse jedoch eine Voruntersuchung stattfinden. Mehrere führende Geowissenschaftler fordern in dem Bericht eine sachliche Debatte über die umstrittene Technologie.

Der Bericht der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften wurde verfasst von einer Gruppe von Universitätsprofessoren und Bohrexperten um Rolf Emmermann, Gründungsdirektor und ehemaliger Vorstandsvorsitzender des GeoForschungsZentrums Potsdam. Zudem war er Koordinator des Kontinentalen Tiefbohrprogramms der Bundesrepublik Deutschland. Die Akademie der Technikwissenschaften ist die Interessenvertretung führender Forscher aus dem Bereich der Technikwissenschaften. Die Institution wird von Bund und Ländern sowie von Unternehmen gefördert.

Sendehinweis: "Panorama", ARD, Donnerstag, 4.9., 21.55 Uhr

jat

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