Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Fragwürdiges Energiekonzept: Regierung trickst bei AKW-Jahreszahlen

Von

Offiziell will die Regierung die Laufzeiten für Kernkraftwerke um rund zwölf Jahre verlängern - tatsächlich dürften die Meiler deutlich länger laufen. Denn Schwarz-Gelb schreibt keine Jahreszahl fest, sondern Reststrommengen. Und die können die Konzerne auf einen größeren Zeitraum strecken.

Brennelemente-Lagerbecken im AKW Krümmel: Schwindende Bedeutung der Kernkraft Zur Großansicht
ddp

Brennelemente-Lagerbecken im AKW Krümmel: Schwindende Bedeutung der Kernkraft

Hamburg - Das Energiekonzept dürfte die Laufzeiten von Atommeilern deutlich länger strecken als offiziell angegeben. Laut dem Kompromiss der Bundesregierung werden sieben ältere AKW 8 Jahre länger laufen, die übrigen zehn Meiler 14 Jahre. Durchschnittlich kommt die Regierung so auf eine Laufzeitverlängerung von 12 Jahren.

Tatsächlich sind diese Jahreszahlen Augenwischerei. Denn die Verlängerung der Laufzeiten wird auf der Basis sogenannter Jahresvolllaststunden berechnet. Diese sind eine idealtypische Größe. Sie geben an, wie viele Stunden ein Atommeiler mit voller Kraft laufen müsste, um seine Jahresenergieproduktion zu erreichen. Seit der Reform des Atomgesetzes im Jahre 2002 werden die Restlaufzeiten von Kraftwerken so berechnet.

Jahresvolllaststunden sind die wahre Währung des Atomkonzepts, nicht Jahre.

Derzeit laufen Deutschlands Meiler im Durchschnitt mit rund 8000 Jahresvolllaststunden. Tendenz: rasch sinkend. Denn die Netzbetreiber müssen zunächst den Erzeugern von Wind-, Solar- und Biomassestrom ihre Elektrizität abnehmen, ehe sie Atom- oder Kohlestrom durch die Leitungen lassen. Je mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt wird, desto stärker also wird die Kernkraft aus den Netzen verdrängt.

Diesen Effekt jedoch hat die Bundesregierung in ihrem Energiekonzept nur sehr halbherzig berücksichtigt. Folgende Zahlen gab die Regierung am Vormittag in der Bundespressekonferenz bekannt:

  • Für den Betrieb in den Jahren 2011 bis 2016 soll eine Auslastung von 95 Prozent zu Grunde gelegt werden. Da das Jahr 8760 Stunden hat, entspricht das 8332 Jahresvolllaststunden.
  • Für die Jahre 2017 bis 2020 wird eine Auslastung von 90 Prozent erwartet. Das entspricht 7884 Jahresvolllaststunden.
  • Ab 2021 ist eine Auslastung von 85 Prozent vorgesehen. Das entspricht 7446 Jahresvolllaststunden.

Diese Zahlen sind nach Meinung von Experten viel zu hoch - und das aus zwei Gründen. Erstens sind Jahresvolllaststunden, wie gesagt, eine idealtypische Größe, ein Durchschnittswert. Die meisten Meiler haben schon jetzt deutlich weniger Jahresvolllaststunden. "Auslastungen von 95 Prozent sind in den letzten Jahren nur von den neueren AKW erreicht worden", schreibt das Ökoinstitut in einer Blitzanalyse zum Energiekonzept. "Die in den nächsten Jahren in den Genuss von Laufzeitverlängerungen kommenden AKW haben in der letzten Dekade nur selten Auslastungen von 90 Prozent erreicht."

Fotostrecke

3  Bilder
Grafiken: Wie Öko- und Atomstrom konkurrieren
Zweitens ist der Rückgang, die die Bundesregierung ansetzt, viel zu gering, um den Ausbau der erneuerbaren Energien auszugleichen. Sie widerspricht selbst den Prognosen, die Prognos, EWI und die Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) in ihren Szenarien für die Bundesregierung angesetzt haben.

Die Institute gehen für den gesamten Kernkraftwerkspark in den Zielszenarien von folgenden Auslastungswerten aus:

  • 2020 Auslastungen von 83 bis 84 Prozent,
  • 2030 Auslastungen von 77 bis 80 Prozent,
  • 2040 Auslastungen von im Mittel 70 Prozent.

Sprich: Die Auslastung, die die Bundesregierung bis 2016 ansetzt, ist schon für heutige Verhältnisse enorm optimistisch. Auch die Auslastung, die sie ab 2021 ansetzt, ist definitiv zu hoch. Die Atommeiler bekommen für jedes Jahr deutlich mehr Strommengen gutgeschrieben, als sie real brauchen. Also werden sie vermutlich deutlich länger laufen als die von der Regierung angegebenen zwölf Jahre. Das Ökoinstitut schätzt, dass es faktisch rund 14 Jahre sind.

Andere Institute rechnen damit, dass es noch viel mehr Jahre sind. Zum Beispiel das Institute for Sustainable Solutions and Innovations (ISUSI). Das Institut, das auch schon mit dem Bundesumweltministerium zusammengearbeitet hat, rechnete im April aus, dass deutsche Meiler 2020 noch mit 7663 Jahresvolllaststunden laufen und 2030 nur noch mit 5855. Bei einer durchschnittlichen Laufzeitenverlängerung um 12 Jahre wären die Meiler demnach faktisch 15 Jahre am Netz.

Fotostrecke

13  Bilder
Grafiken: Wie erneuerbare Energien Atomstrom verdrängen
Die ISUSI-Zahlen sind durchaus realistisch. Denn Prognos, EWI und GWS gehen in ihren Szenarien von einem nur sehr moderaten Ausbau der erneuerbaren Energien aus. Sie erwarten zum Beispiel, dass in Deutschland bis 2020 Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von rund 33 Gigawatt ans Netz gehen ( nachzulesen in diesem Dokument auf Seite 228). Das Bundesumweltministerium dagegen geht in einem aktuellen Langfristszenario für denselben Zeitraum von einem Photovoltaik-Ausbau auf mehr als 51 Gigawatt aus ( nachzulesen in diesem Dokument auf Seite 52).

Die Grünen kritisieren die Regelungen zur Laufzeitverlängerung daher scharf. "Den Bürgern wird etwas vorgemacht", sagt der Abgeordnete Hans-Josef Fell. "Die Atomkraftwerke werden weit länger am Netz bleiben, als es die Regierung behauptet."

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Völlig egal
RainerWahnsinn 06.09.2010
die nächste Regierung wird wieder ein anderes Konzept erarbeiten und bei den Unternehmen ist es sowieso egal was sie unterschreiben, da sie sich doch nicht daran halten - also was soll das Gedöns!
2. nie...
raju1956, 06.09.2010
Zitat von sysopOffiziell will die Regierung die Laufzeiten für Kernkraftwerke um rund zwölf Jahre verlängern - in Wirklichkeit dürften die Meiler deutlich länger laufen. Denn durch den Ausbau der erneuerbaren Energien wird der Bedarf an Atomstrom rasch sinken. Schwarz-Gelb berücksichtigt das nur halbherzig. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,715901,00.html
Schwarz-Gelb berücksichtigt gar nichts! Und sie bekommen wahrscheinlich auch dicke Summen von der Atomlobby. Natürlich schön getarnt als irgendwas. Und für billigere Energie haben die Atomkonzerne schon zuviel in Merkel investiert. Sie hat ihnen weitere Milliardengewinne zugesagt. Da muss die Energie nicht billiger werden.
3. Für die einen ist es Trickserei, für die anderen eine Revolution der Energieversorgun
SirLiesalot 06.09.2010
Wen wundert es noch? Aber sehen wir es positiv: Vielleicht kann sich die Regierung jetzt wenigstens auf ein Endlager einigen, BEVOR der letzte Reaktor vom Netz geht...
4. Die neue Berechnung der Zeit
nichtvergessen 06.09.2010
Hervorragend, nicht nur das sich die Regierung ueber den Tisch ziehen laesst, nein die Abzocker erfinden dabei auch noch die Zeitberechnung aufs neue ! Wie genial ! Also in Regierungs bzw. Abzockerjahren entspraeche dies in etwa einem 68er Baujahr, der demnach nicht mehr 42 sondern sagen wir mal 24 ist. Es werden ja nur die Stunden gezaehlt in denen er wach ist bzw. Energien verarbeitet. Wie verhaelt es sich mit der Flatulenz ? Kommt es waehrend der Nichtaktiven Zeit zu Blaehungen werden diese extra mit einem eigenem Faktor beruecksichtigt ? Dieses Konzept ist das Ergebnis einer Horde Idioten die an geistiger Diaroeh im Endstadium leidet !
5. Feine Demokratie
Henderson 06.09.2010
Wie schön, daß die Politik auch hier "den Willen des Volkes" durchsetzt. D A N K E
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
DPA
In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
DPA
Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.

Koalitionsvertrag zur Atomenergie
Brückentechnologie
"Die Kernenergie ist eine Brückentechnologie, bis sie durch erneuerbare Energien verlässlich ersetzt werden kann. Andernfalls werden wir unsere Klimaziele erträgliche Energiepreise und weniger Abhängigkeit vom Ausland nicht erreichen. Dazu sind wir bereit, die Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke unter Einhaltung der strengen deutschen und internationalen Sicherheitsstandards zu verlängern. Das Neubauverbot im Atomgesetz bleibt bestehen."
Laufzeitverlängerung
"In einer möglichst schnell zu erzielenden Vereinbarung mit den Betreibern werden zu den Voraussetzungen einer Laufzeitverlängerung nähere Regelungen getroffen (u. a. Betriebszeiten der Kraftwerke, Sicherheitsniveau, Höhe und Zeitpunkt eines Vorteilsausgleichs, Mittelverwendung zur Erforschung vor allem von erneuerbaren Energien, insb. von Speichertechnologien). Die Vereinbarung muss für alle Beteiligten Planungssicherheit gewährleisten."
Gewinnabschöpfung
"Der wesentliche Teil der zusätzlich generierten Gewinne aus der Laufzeitverlängerung der Kernenergie soll von der öffentlichen Hand vereinnahmt werden. Mit diesen Einnahmen wollen wir auch eine zukunftsfähige und nachhaltige Energieversorgung und -nutzung, z. B. die Erforschung von Speichertechnologien für erneuerbare Energien, oder stärkere Energieeffizienz fördern. Unabhängig davon streben wir eine angemessene Beteiligung der Betreiber an den Sanierungskosten für die Schachtanlage Asse II an."
Endlagerung
"Eine verantwortungsvolle Nutzung der Kernenergie bedingt auch die sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle. Wir werden deshalb das Moratorium zur Erkundung des Salzstockes Gorleben unverzüglich aufheben, um ergebnisoffen die Erkundungsarbeiten fortzusetzen. Wir wollen, dass eine International Peer Review Group begleitend prüft, ob Gorleben den neuesten internationalen Standards genügt.

Der gesamte Prozess wird öffentlich und transparent gestaltet.

Die Endlager Asse II und Morsleben sind in einem zügigen und transparenten Verfahren zu schließen. Dabei hat die Sicherheit von Mensch und Umwelt höchste Priorität. Die Energieversorger sind an den Kosten der Schließung der Asse II zu beteiligen.

Mit Blick auf Endlagerstandorte setzen wir uns für einen gerechten Ausgleich für die betroffenen Regionen ein, die eine im nationalen Interesse bedeutsame Entsorgungseinrichtung übernehmen."
Fotostrecke
Atommüll: Schwierigkeiten bei der Endlagerung


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: