Arbeitsmarkt, Rente, Finanzen Das haben Macron und Le Pen mit Frankreichs Wirtschaft vor

Wer wird Frankreichs nächster Präsident? Eine EU-Gegnerin, die das Land abschotten will? Oder ein Sozialliberaler, der umfassende Reformpläne für die marode Wirtschaft hat? Die wichtigsten Positionen im Vergleich.

Emmanuel Macron, Marine Le Pen
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Emmanuel Macron, Marine Le Pen

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Die erste Runde am Sonntag war bereits spannend, doch tatsächlich geht Frankreichs Präsidentschaftswahl nun erst in die heiße Phase: Am 7. Mai kämpfen Emmanuel Macron, Anführer der Bürgerbewegung "En Marche!", und Marine Le Pen, Chefin der rechtspopulistischen Partei Front National, in der Stichwahl um den Einzug in den Pariser Präsidentenpalast. Beide haben völlig konträre Vorstellungen für die wirtschaftspolitische Zukunft Frankreichs. Die wichtigsten Positionen im Überblick.

EUROPÄISCHE UNION

EU-Kommission in Brüssel
REUTERS

EU-Kommission in Brüssel

Frankreich ist neben Deutschland der größte und bedeutsamste Mitgliedstaat der EU. Die Wahl des Präsidenten am 7. Mai gilt deshalb auch als richtungsweisend für die komplette Europäische Union.

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Emmanuel Macron positioniert sich seit geraumer Zeit als Mann, der die europäische Integration vorantreiben will. Schon in seiner Zeit als Wirtschaftsminister unter François Hollande in den Jahren 2014 bis 2016 forderte er mehrfach einen gemeinsamen Wirtschafts- und Finanzminister für die Europäische Union.

Darüber hinaus setzt sich Macron dafür ein, dass die Eurozone ein eigenes Budget für Investitionen erhält. Gelegentlich plädiert er auch für Eurobonds. Macron scheint überzeugt zu sein, dass Deutschland solch weitgehende Vorschläge akzeptiert, wenn er zunächst Frankreichs Haushaltsdefizit in Ordnung bringt. Hollande glaubt indes nicht, dass sich die Deutschen so einfach überzeugen lassen.

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Marine Le Pen vertritt mit Blick auf Europa eine komplett gegensätzliche Position. Sie will im großen Stil Macht von Brüssel zurück nach Paris übertragen. Frankreich soll nach ihren Vorstellungen künftig wieder autark über die Grenz-, Finanz-, Währungs- und Geldpolitik entscheiden. Aus dem europäischen Stabilitätspakt, der unter anderem eine staatliche Neuverschuldung von maximal drei Prozent pro Jahr vorsieht, will sie aussteigen.

Sollte die EU ihren Forderungen nicht binnen sechs Monaten nachkommen, will Le Pen ein Referendum über Frankreichs Ausstieg aus der Europäischen Union und dem Euro ("Frexit") starten. Viele Experten glauben, dass die EU auseinanderbrechen würde, sollte Frankreich die Gemeinschaft tatsächlich verlassen.


ARBEITSMARKT

Französische Arbeitsagentur (Archivbild)
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Französische Arbeitsagentur (Archivbild)

Das größte Problem der französischen Wirtschaft ist ihr stark regulierter, unflexibler Arbeitsmarkt. Da der Schutz für Arbeitnehmer mit unbefristeten Arbeitsverträgen sehr hoch ist, stellen viele Unternehmen kaum neue Mitarbeiter ein. Junge Leute hangeln sich oft von einem befristeten Vertrag zum nächsten und erhalten oft nur schlechte Ausbildungen. Frankreichs Arbeitslosenquote liegt bei gut zehn Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit gar bei 24 Prozent.

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Emmanuel Macron wollte schon als Wirtschaftsminister weitreichende Reformen am Arbeitsmarkt durchsetzen - wurde aber 2015 von Hollande ausgebremst. Als Präsident dürfte Macron kräftig nachlegen.

Laut Wahlprogramm will er den Unternehmen deutlich mehr Macht einräumen: Firmen sollen künftig über alle wesentlichen Punkte von der Entlohnung bis zur Arbeitszeit selbst verhandeln dürfen. Die 35-Stunden-Woche, die vielen Franzosen so heilig ist, würde dadurch aufgeweicht, aber nicht pauschal abgeschafft. An dieses Thema traut sich nicht einmal mehr der sonst so selbstbewusst auftretende Macron heran.

Neben regulatorischen Lockerungen will der 39-Jährige auch die Qualifizierung der französischen Arbeitnehmer erhöhen. Unter anderem will Macron Berufsausbildungen verbessern und zielgenaue Weiterbildungen für Arbeitslose finanzieren. Mit solchen und weiteren Maßnahmen will er die Arbeitslosigkeit auf sieben Prozent drücken.

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Marine Le Pen will ebenfalls an der 35-Stunden-Woche festhalten und zudem Franzosen bei der Arbeit bevorzugen. Unternehmen sollen künftig eine Sondersteuer beim Abschluss eines Arbeitsvertrags mit einem Ausländer zahlen, schreibt sie in ihrem Wahlprogramm.

Das sogenannte Loi El Khomri - ein Gesetz, dass es Firmen erleichtert, Mitarbeiter zu entlassen und unter anderem Abfindungen reduziert - will sie indes abschaffen.


WIRTSCHAFTS- UND FISKALPOLITIK

Pariser Bankenviertel
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Pariser Bankenviertel

Frankreichs Wirtschaft dümpelt seit Jahrzehnten vor sich hin. Zwischen 1990 und 2007 wies sie das zweitkleinste Pro-Kopf-Wachstum aller entwickelten Länder auf; nur Italien entwickelte sich schlechter. In den vergangenen drei Jahren lag Frankreichs Wirtschaftswachstum deutlich unter dem der Eurozone. Die französischen Staatsschulden belaufen sich mittlerweile auf 96 Prozent der Wirtschaftskraft, Tendenz steigend - was nicht zuletzt an den hohen Staatsausgaben liegt: Jeder fünfte Arbeitnehmer in Frankreich gehört dem öffentlichen Dienst an.

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Emmanuel Macron will Frankreichs Wachstum durch eine Reihe wirtschaftsliberaler Maßnahmen wieder in Schwung bringen. Im öffentlichen Sektor will er rund 120.000 Stellen streichen. Insgesamt will er die Staatsausgaben binnen fünf Jahren um 60 Milliarden Euro senken - dafür aber ein rund 50 Milliarden Euro schweres Investitionsprogramm ausarbeiten.

Die Unternehmensteuer will Macron von 33,3 auf 25 Prozent senken, die Sozialabgaben will er ebenfalls reduzieren. Die im Volk so populäre Vermögensteuer wagt er zwar nicht abzuschaffen - will sie aber teils in eine Steuer auf Immobilienvermögen verwandeln.

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Marine Le Pen setzt in puncto Wirtschaftspolitik zunächst auf Protektionismus. Sie will ausländische Waren und Dienstleistungen, wie sie schreibt, auf "intelligente" Weise an den Grenzen abwehren. Öffentliche Aufträge will sie nur noch an französische Unternehmen vergeben. Banken will sie verstaatlichen. Zudem will sie einen Plan für die Reindustrialisierung Frankreichs ausarbeiten.

Gleichzeitig plant sie soziale Wohltaten: Menschen in den untersten drei Steuerklassen sollen von Steuersenkungen in Höhe von zehn Prozent profitieren. Die Sozialabgaben will Le Pen reduzieren.


RENTE

       Élysée        -        Palast in Paris
DPA

Élysée - Palast in Paris

Frankreichs Rentensystem gilt als ineffizient. Es gibt eine Vielzahl an Sonder- und Spezialkassen, die bestimmten Gruppen teils großzügige Privilegien gewähren.

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Emmanuel Macron hat mit Blick auf die Rente ehrgeizige Pläne: Es will sämtliche Sonderkassen abschaffen und zu einem einzigen staatlichen Rentensystem zusammenführen. Wie er das schaffen will, hat er noch nicht ausgeführt. Klar ist nur, dass er sich mit diesem Vorhaben eine Menge Feinde machen würde.

Den sozial Schwachen verspricht Macron etwas Erleichterung. Menschen, die die Mindestrente beziehen, sollen Zuschläge von bis zu 100 Euro pro Monat bekommen. Das Renteneintrittsalter will Macron bei 62 Jahren belassen.

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Marine Le Pen verspricht Rentnern ein besseres Leben. Das Renteneintrittsalter will sie auf 60 Jahre senken.

Die Mindestrente will sie um bis zu 80 Euro erhöhen. Wie sie das finanzieren will, führt sie nicht aus.


FAZIT

Eiffelturm in Paris
DPA

Eiffelturm in Paris

Die wirtschaftspolitischen Positionen von Macron und Le Pen liegen weit auseinander. Während der Anführer von "En Marche!" auf eine Mischung aus liberalen und sozialen Reformen und stärkerer europäischer Integration setzt, will Le Pen der französischen Wirtschaft vor allem durch Abschottung zu neuem Wachstum verhelfen. Gleichzeitig verspricht sie der Bevölkerung eine Reihe sozialer Wohltaten, ohne genau zu erörtern, wie sich diese finanzieren lassen.

insgesamt 109 Beiträge
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tomrobert 24.04.2017
1. Wieder zu Lasten der kleinen Leute
Das Wort "Reform" bedeutet nichts anderes als Sozialabbau! Wer Reformen wirklich will muss die Besitzstaende der einfachen Buerger veraendern aber nicht abschaffen. Wer flexible Löhne will der soll ein bedingungses Grundeinkommen akzeptieren.Wer flexible Arbeitseiten fodert der soll die Flexibilität auch bezahlen.Ansonsten nimmt man den Leuten nur die Markmacht und liefert sie der Willkür des Marktes aus.
maggelan07 24.04.2017
2. Brexit, Le Pen & Co
Traditionelles Handwerk, Fischerei, Landwirtschaft - alles kaputt wegen der EU-Politik ? Nein ! Wer gibt den der Industrie und billigen MAssenproduktion und Leerfischung der Weltmeere die Macht ?? DER KONSUMENT ! Niemand sonst. Die EU kann nur Rahmenbedingungen schaffen, die Wirtschaft eines Landes vorantreiben kann nur der Bürger selbst ! Ein weiteres Problem liegt in der konservativen und statischen Denkweise vieler klassischer Arbeitnehmer. Leben und Beruf bedeuten gerade heutzutage: Flexibilität, Anpassungsfähigkeit, vielseitige Fähigkeiten. Das posaunen hierzulande alle Arbeitgeber in den Arbeitsmarkt. Und warum hat Deutschland nicht die probleme wie Nordfrankreich, die provinz oder England? Seit Jahrzehnten steuert der umweltbewusste Verbraucher die Wirtschaft: Heute gibt es keine Massen-Industrie mehr, die auch Klasse statt MAsse herstellt: gerade im FOOD-Bereich, aber auch im Non-Food-Bereich. Nicht nur ALDI & Co haben ein Bio-Sortiment - der deutsche Konsument denkt seit Jahrzehnten um und hat somit das geschaffen, was wir heute bewundern: eine brummende, florierende deutsche Wirtschaft. Warum ist das so ? Wegen der nationalen (deutschen) Politik und der Parteien-Landschaft. Die Grünen, damals auch noch die Alternative Liste ect & Co-KG haben seit Jahrzehnten mit dazu beigetragen, das deutsche Volk ethisch umweltbewust zu prägen. Das schlägt sich im Konsumverhalten nieder. Diese Fähigkeitd er Flexibilität, des Umdenkens und der sozialen Gerechtigkeit fehlt den anderen Ländern, die rechts-konservativ wählen. Diese glauben immer noch, dass nicht sie selbst Schmied ihres Schicksals sind, sondern die Politiker an allem schuld sind. Die Deutschen haben diesen Irrglauben durch den durchlebten Nationalsozialismus teuer bezahlen müssen und sind klüger geworden, die anderen EU Länder noch nicht, bis auf Dänemark, Norwegen, Finnland, Schweden... Also die nationale Politik-Landschaft der Nationen und deren Bürger selber sind daran schuld, dass soviele ihr Heil im Rechtsextremismus sehen. Das müssen die Bürger dieser Nationen schnell lernen, dass sie irren, andernfalls zerstören sie die EU. Nirgendwo wie in Deutschland gibt es den hohen Bildungsauftrag und die Aufklärung des Bürgers. Ich hoffe, die anderen EU-Länder lernen daraus.
RalfHenrichs 24.04.2017
3. Da die SPON-Diagnose falsch ist,
dass Frankreich unter einem starren Arbeitsmarkt leidet, ist klar, dass es keinen Sinn macht, zu überprüfen, ob Macrons oder Le Pens Therapie die bessere Antwort auf die Diagnose ist. Die beste Antwort, wie vor kurzem noch über 100 Ökonomen dargestellt haben, auf Frankreichs Wirtschaftsprobleme hatte Mechelon, aber der ist ja vor kurzem gescheitert. Le Pen kann es egal sein, ob sie die Stichwahl gewinnt oder nicht. Verliert sie, dürfte sie 2022 richtig gute Chancen haben, da Macron Frankreich mit seinem Wirtschaftsprogramm in ein wirtschaftliches Chaos führen wird.
m.sielmann 24.04.2017
4. Wirklich?
Sie meinen, wenn der Arbeitsmarkt flexibler wäre, wären Autos französischer Produktion attraktiver? Bitte untermauern Sie doch ihre Aussagen mit Fakten oder lassen Sie sie weg. Aber was haben denn Regeln auf dem Arbeitsmarkt mit BEschäftigung zu tun? Unternehmen stellen ein, weil Sie Leute brauchen, nicht weil die Leute möglichst wenig Rechte haben. Sonst müsste doch die Beschäftigung in Süd- und Osteuropa boomen und in Schweden die Arbeitslosigkeit hoch sein.
frenchie3 24.04.2017
5. Was die beiden machen wollen
ist das Eine. Was die machen können ist total entgegengesetzt, wir reden hier von Frankreich. Hier hält sich jede Gruppe für wichtiger als die andere und nutzt seine jeweilige Macht aus. Der Arbeiter über die Putzfrau, der Angestelle über den Arbeiter, die Chefsekretärin über das Personal usw usw. Und es wären die ersten französischen Politiker die aus einer guten Idee etwas sinnvolles machen würden. So richtig durchdacht und durchgerechnet. So etwas müssen wir bei beiden nicht befürchten.
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