Reaktion auf die Krise: Franzosen einigen sich auf Arbeitsmarktreform

Es könnte so etwas wie die Agenda 2020 für Frankreich werden: Arbeitgeber und Gewerkschaften haben sich auf Arbeitsmarktreformen geeinigt. Beschäftigte können leichter entlassen werden, erhalten aber auch mehr Rechte. Jetzt will die Regierung den Kompromiss in ein Gesetz gießen.

Französischer Präsident Hollande: "Erfolg des sozialen Dialogs" Zur Großansicht
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Französischer Präsident Hollande: "Erfolg des sozialen Dialogs"

Paris - Über drei Monate dauerten die Verhandlungen, nun haben sich französische Gewerkschaften und Arbeitgeber auf eine Reform des Arbeitsmarkts geeinigt. Wie beide Seiten am Freitagabend mitteilten, sieht der Kompromiss unter anderem die Möglichkeit von Kurzarbeit in Krisenzeiten vor. Zudem können Unternehmen in schwierigen Zeiten ihre Angestellten schneller entlassen.

Die Einigung beinhaltet nach Angaben beider Seiten auch eine Art Strafsteuer für Unternehmen, wenn sie mit befristeten Arbeitsverträgen reguläre Beschäftigungsverhältnisse zu umgehen versuchen. Überdies sollen Arbeitnehmer mehr Fortbildungsmöglichkeiten und Zugang zu einer zusätzlichen Krankenversicherung erhalten.

Dem Kompromiss wollen alle Unternehmerverbände zustimmen. Auch drei der fünf an den Gesprächen beteiligten Gewerkschaften stehen hinter den Beschlüssen. Diese Zahl ist notwendig, damit die Vereinbarung Gültigkeit erhält. In der kommenden Woche soll sie von beiden Seiten formal besiegelt werden. Ab März könnten dann das Kabinett und das Parlament darüber beraten. Ende Mai sollen die Neuregelungen frühestens in Kraft treten.

Präsident François Hollande bezeichnete die Vereinbarung als "Erfolg des sozialen Dialogs". Er rief die Regierung auf, "unverzüglich" einen Gesetzentwurf auszuarbeiten. Auch Premierminister Jean-Marc Ayrault zeigte sich zufrieden und sprach von einer "Balance zwischen der von den Arbeitnehmern benötigten Sicherheit und der Anpassungsfähigkeit, die Unternehmen brauchen". Laurence Parisot, Chefin des Unternehmerverbands MEDEF, bezeichnete die Einigung als "Einzug einer Kompromisskultur nach Jahrzehnten" des Streits. Der Kompromiss trage zu einer Senkung der Angst vor Neueinstellungen bei. Laurent Berger, Vorsitzender der Gewerkschaft CFDT, sprach von einer "ambitionierten Vereinbarung". Zufrieden äußerten sich auch die Chefs der Gewerkschaften CFTC und CFE-CGC.

Nicht eingebunden werden konnten in den Kompromiss letztlich die beiden wichtigen Gewerkschaften CGT und FO. "Dies ist ein schwarzer Tag für die Arbeitnehmerrechte", kritisierte FO-Chef Stéphane Lardy die nun gefundene Vereinbarung.

Frankreich kämpft mit einer seit 19 Monaten ununterbrochen anwachsenden Arbeitslosigkeit. Derzeit sind mehr als 3,1 Millionen Menschen ohne Arbeit, was einer Quote von etwa zehn Prozent entspricht. Eine Reform des Arbeitsmarkts gilt als notwendig, damit die von Hollande angestrebte Trendwende bei den Arbeitslosenzahlen bis Jahresende gelingt. Die französische Regierung hatte beide Seiten zu Gesprächen ermuntert und darauf verwiesen, dass die hohen Einstellungskosten der globalen Wettbewerbsfähigkeit der französischen Unternehmen schadeten.

ric/afp/dapd

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insgesamt 8 Beiträge
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1. ------------
brux 12.01.2013
Weniger als 10% der Arbeitnehmer in Frankreich sind gewerkschaftlich organisiert, trotzdem schaffen es die Gewerkschaften immer wieder, das Land in Geiselhaft zu nehmen. Die Abwesenheit von FO und CGT kann also durchaus ernsthafte Folgen haben. Ausserdem loest die Vereinbarung nur ein Problem der vielen, die F hat. Hollande fehlt der Mut, die wirklichen Korken im System anzugehen. Das sind die vielen ueberfluessigen Staatsdiener und die regionalen Regierungen, die voellig nutzlos sind und irre Mengen Geld verschwenden. Frankreich ist nur formell eine Republik - in Wirklichkeit ist es eine Monarchie und ein Staendestaat. Damit kann man der Globalisierung wohl kaum begegnen.
2.
james-100 12.01.2013
Zitat von bruxWeniger als 10% der Arbeitnehmer in Frankreich sind gewerkschaftlich organisiert, trotzdem schaffen es die Gewerkschaften immer wieder, das Land in Geiselhaft zu nehmen. Die Abwesenheit von FO und CGT kann also durchaus ernsthafte Folgen haben. Ausserdem loest die Vereinbarung nur ein Problem der vielen, die F hat. Hollande fehlt der Mut, die wirklichen Korken im System anzugehen. Das sind die vielen ueberfluessigen Staatsdiener und die regionalen Regierungen, die voellig nutzlos sind und irre Mengen Geld verschwenden. Frankreich ist nur formell eine Republik - in Wirklichkeit ist es eine Monarchie und ein Staendestaat. Damit kann man der Globalisierung wohl kaum begegnen.
Ne ist klar. Wo man die Menschen nicht sofort versklaven kann, nehmen die Gewerkschaften einLand in Geiselhaft.
3.
klb11400 12.01.2013
versuche einen Franzosen mal zu überreden, auch nur 15 Min OHNE Bezahlung zu Arbeiten, selbst wenn die Firma kurz vor der Pleite steht: viel Glück! Und wenn da ordentlich gestreikt wird, liegt das ganze Land fast lahm! (Anbei: in Frankreich liegt das Mindestgehalt bei 9,41€ brutto die Stunde, das sind ca. 8€ Netto!)
4. wie furchtbar!
doppeldenk 12.01.2013
...unbesfristete verträge, mindestlohn, geregelte arbeitszeiten. Unmenschen! "Anstatt zu fragen, was der Arbeitgeber für mich tun kann, sollten sie sich fragen: "Was kann ICH für meinen arbeitgeber tun!" -unter widrigen bedingungen arbeiten, obwohl der konzern gewinne erzielt -familie vernachlässigen für eine 60h woche...wie viele ärzte in D -kurzarbeit und lohndumping trotz ausbildung und hoher verantwortung - ... -eine niere spenden ...meine nerven hat er ja schon. Fr. hat es als einziges land richtig gemacht und seinen Arbeitsmarkt NICHT DEREGULIERT ...aber mit idealen ist das so eine sache...ohne lebt es sich leichter.
5. La France éternelle und die Realität!
muckraker 13.01.2013
Die Reform ist gut, das Problem in Frankreich war und ist die Umsetzung in die Realität und da dürfte es Schwierig- keiten geben.
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