Ersatzwährungen in Frankreich: Bezahlen mit Bienen

Von Stefan Simons, Aubenas

Frankreich: Mit Regionalgeld gegen die Krise Fotos
Stefan Simons

In Frankreich haben lokale Zahlungsmittel Konjunktur: Dutzende von Kleinwährungen sollen mit bunten Scheinen die örtliche Wirtschaft und den sozialen Zusammenhalt fördern - und ein Zeichen gegen Finanzkrise und Börsenspekulationen setzen.

"Zwei trockene Weißwein, macht vier sechzig", knurrt Jo Martinez und schiebt den kleinen Blechuntersetzer mit der Rechnung über den Tresen. Der grauhaarige Kunde klaubt eine blaue Fünfer-Note aus seinem Portemonnaie und Jo kassiert, ohne mit der Wimper zu zucken. Dabei ist der Schein, den der 59-jährige Kneipier des "Café Couleur" ganz selbstverständlich in die Kasse packt, kein Euro, sondern bloß ein Papier mit dem Aufdruck "La Bogue" - "Kastanienschale".

Willkommen beim alternativen Zahlungsverkehr von Aubenas. Die Stadt im südfranzösischen Département Ardèche ist nicht nur bekannt für ihr mittelalterliches Schloss, ihre Kirchen und die heimischen Produkte aus Esskastanien. Die 12.000-Einwohner-Gemeinde (Motto: "Wir hören nicht auf, Sie zum Träumen zu bringen.") sorgt auch durch ein ungewöhnliches Wirtschaftsexperiment für Schlagzeilen. Seit 2012 zirkulieren in Geschäften rund um das pittoreske Zentrum neben dem Euro die bunten Scheine der Lokalwährung - ganz legal.

Die Papiere, die ähnlich aussehen wie das Spielgeld von "Monopoly", existieren nicht nur in Aubenas. Von der Bretagne bis zum Baskenland, vom Elsass bis an die Mittelmeerküste existieren in Frankreich bereits 17 Ersatzwährungen. Die Idee ist simpel und auch aus Deutschland bekannt: Örtlich zirkulierende Scheine, im Wert dem Euro gleichgestellt, sollen den lokalen Wirtschaftskreislauf stärken und den Zusammenhalt zwischen Produzenten und Verbrauchern festigen.

"Den sozialen Zusammenhalt fördern"

In Zeiten der Euro-Krise, so die Zeitung "Le Parisien", gilt der Griff zur "ganz eigenen Währung" als Heilmittel wider den "Wahn der Finanzmärkte und der Börsenspekulation". In der Ardèche zirkulieren neben der "Kastanienschale" daher noch "Goldkäfer", in Saint Etienne ist die "Kartoffel" im Umlauf, in Grenoble die "Sonnenblume". In Angers schuf man die "Muse" in Villeneuve-sur-Lot heißt das Lokalgeld "Biene". Und wer in der Südbretagne die Fischer und Bauern fördert will, bezahlt in Concarneau oder Quimper mit der "Sardine". In einem halben Dutzend weiterer Ortschaften sind Lokalwährungen in Vorbereitung, selbst im Großraum Paris.

In Aubenas startete Bertrand Blaise das Projekt zusammen mit einer Handvoll Freunden eines alternativen Kulturvereins: "Alt-Hippies, Globalisierungsgegner und Öko-Aktivisten", schmunzelt der Geograf, der beim Gemeindeverband arbeitet. Die bunte Truppe konnte sich dabei an historischen Vorbildern orientieren. Denn als nach dem Zweiten Weltkrieg in Aubenas Geldscheine fehlten, ließ die örtliche Handelskammer Coupons drucken, um den stagnierenden Warenaustausch anzuschieben. Das funktionierte jedoch nur so lange, bis die Notenbank Ende der vierziger Jahre wieder genügend Francs in Umlauf brachte.

"Mit unserer Lokalwährung knüpfen wir an diese Erfahrung. Wir wollen die Solidarität zwischen Produzenten und Verbrauchern stärken und zugleich den sozialen Zusammenhalt fördern", erklärt Blaise den ideologischen Überbau der Zusatzwährungen, von denen weltweit rund 5000 im Gebrauch sind. Vor Ort, in Aubenas, bedarf es dazu der Vereinsmitgliedschaft, erhältlich für einen symbolischen Euro. Dazu tauscht man nach Belieben Euro in "La Bogue" und nutzt zum Einkauf bei den beteiligten Händlern, die ihrerseits die Zusatzwährung zum Einkauf bei ihren Zulieferern nutzen. "Im Idealfall zirkulieren die Scheine in einem engen Netzwerk regionaler Akteure und kurbeln untereinander den Austausch an", erklärt Blaise.

Die Idee ist gut, die Abrechnung umständlich

Zielgruppe sind die Bauern und Händler des Umlands. "Wir sind nicht sektiererisch oder ökologisch korrekt", sagt Blaise, "jeder kann mitmachen." Das örtliche Lebensmittelgeschäft nimmt die "Kastanienschale" an, der Pony-Hof vor den Toren der Stadt, ein Friseur, ein Bauunternehmer und eine Autowerkstatt. Immerhin haben sich sechs Gemeinden im Umland mit für die Lokalwährung engagiert und sind im Gegenzug auf den Scheinen mit ihren Wahrzeichen abgebildet.

Dennoch ist der Rahmen des Versuchs auch zwei Jahre nach dem Start noch eher bescheiden. In einem Radius von gut 25 Kilometern rund um Aubenas sind ganze 4000 Einheiten von "La Bogue" im Umlauf. Am Marktplatz vor dem Schloss hat Patrick Vialle an diesem Sonntagmorgen gerade mal eine Handvoll "Bogue" kassiert. "Die Idee ist gut", sagt der Gemüsebauer, "aber die Abrechnung mit der zweiten Währung umständlich." Auch Jean, Verkäufer der Back-Kooperative "Les Co'Pains" ("Handgemachte Bio-Brote, gebacken im Holzofen") findet nur fünf "Bogue" in seiner Kasse: "Ich bin auch noch nicht so lange dabei", meint er entschuldigend.

"Kein Problem", meint Mit-Initiator Blaise, "uns geht es in erster Linie ja nicht um wirtschaftlichen Erfolg, es geht um die Reduzierung der ökonomischen Kreisläufe auf ein überschaubares, menschliches Maß", sagt der Familienvater. Und dann habe "La Bogue" noch einen praktischen Vorteil: "Wenn mir die Kinder zum Ausgehen am Samstagabend die Euros aus dem Portemonnaie stibitzen, bleibt mir am Sonntagfrüh noch immer genug Geld für den Einkauf von Baguette und Croissants."

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1. Alles schon mal dagewesen
Ontologix II 04.08.2013
In den 70er Jahren herrschte in Italien eine Münzgeldkrise, da es den staatlichen Münzen nicht gelang, genügend Kleingeld herzustellen. Man bekam als Wechselgeld entweder Bonbons oder Gutschene von regionalen Handelsorgansisationen wie Coop oder Quasi- Geld von Banken, das auch in geschäften akzeptiert wurde. Ich kann mich noch an Privatgeldscheine der Bank des heiligen Paulus erinnern. Was der wohl dazu gesagt hätte.
2. Kartoffel-Zentralbank ?
ekenkis 04.08.2013
Und wer tauscht mir zu welchem Kurs meine Kartoffel-Scheine wieder in Euros ? Eine Kartoffel-Zentralbank? Die Frage hätte der SPON Schreiber auch gerne beantworten sollen.
3. Leider nur Notbehelf
zeitmax 04.08.2013
und nicht mal regional einsetzbar, von überregional bzw. international gar nicht zu reden. Und auch nicht fälschungssicher. Ein zu kleines Pflaster also für eine große Schnittwunde. Ein neues Finanz- und Währungsystem muß her! Ohne den schon von Jesus verdammten Zinseszins (übrigens waren damals alle Schulden mit dem Tod des Schuldners oder Gläubigers erloschen!).
4. Wie schön, wie schön - all diese edlen Ziele!
KlausErmecke 04.08.2013
In Wirklichkeit geht es darum, daß "normale" Umsätze (in EURO) offensichtlich steuerpflichtig sind. Die Verwender dieser Privatwährungen geben die Umsätze aber (mutmaßlich) nicht an. Schade, daß die RICHTIGEN Fragen von Journalisten so oft nicht gestellt werden.
5. Volllgeld
zabbaru 04.08.2013
Das lokales Geld, welches übrigens auch in Deutschland gibt (Chiemgauer) keine Spinnerei ist und das Potential hat, dem nationalen bzw. Unions-geld gefährlich zu werden, beweist die Geschichte um das Freigeld von Wörgl. Es wurde am Ende verboten, da zu erfolgreich war und als eine Gefahr für die Notenbank angesehen wurde. Das größte Problem des heutigen Geldsystem ist, einmal vom Zins und Zinseszinsproblem abgesehen, die Geldschöpfung, welche zu mehr als 90% durch die privaten Banken erfolgt (durch Vergabe von Krediten, welche nur zu 0.5% durch Zentralbankgeld gedeckt sein muss). Ergo - Geldschöpfung aus dem Nichts zum Schaden der Gesellschaften und zum Nutzen der Banken. Die schärfste Waffe gegen den Finanzmarkwahnsinn ist die Rückführung der Gelschöpfung in die Hände eine wirklich unabhängigen Zentralbank. Nur dazu müssten die Menschen ersteinmal den Unsinn des heutigen Systems verstehen und da sieht es leider schlecht aus.
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