Zigarettenmüll in Frankreich Kampf gegen die Kippe

Mehr als 20 Milliarden Zigarettenkippen landen in Frankreich jedes Jahr auf dem Boden. Damit soll nun Schluss sein. Die Regierung will nicht mehr nur die Raucher hart bestrafen, auch die Tabakindustrie soll zahlen.

Öffentlicher Aschenbecher in Paris
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Öffentlicher Aschenbecher in Paris

Von , Paris


Ein letzter Zug, tiefes Inhalieren, ein Schnippen, dann landet der Zigarettenstummel auf dem Boden: Eine Allerweltsgeste. Was für den Raucher eine schlichte Achtlosigkeit sein mag, wird zur weltweit gigantischen Umweltbelastung: Mindestens 4300 Milliarden Zigarettenstummel werden jährlich weggeworfen, kalkuliert der Statistikdienst Planetosope. Das entspricht, so eine Studie der Weltgesundheitsorganisation, zwischen 30 und 40 Prozent der Abfälle, die in Städten und an Stränden aufgesammelt werden.

Auch Frankreich kämpft mit den Folgen des Qualmens: Von den gut 53 Milliarden legal verkauften Zigaretten jährlich wird rund die Hälfte auf dem Boden entsorgt. In Paris verschandeln die Kippen Parks, öffentliche Plätze und das Seine-Ufer. Laut Stadtverwaltung fallen jährlich 315 Tonnen Kippen an. Die Stummel häufen sich vor Bistros, Hoteleingängen oder Büropassagen, sammeln sich auf Trottoirs, Caféterrassen oder zwischen Baumgittern. Beim nächsten Regen werden die Kippen in den Rinnstein geschwemmt und gelangen von dort in die Kanalisation, verstopfen Filter- und Kläranlagen.

Zigarettenstummel an einer Pariser Straße
AFP

Zigarettenstummel an einer Pariser Straße

Längst haben Städte und Gemeinden die "Kippe als öffentlichen Feind Nummer eins" ausgemacht, wie das Magazin "Le Point" schreibt. Und nach jahrelangen Versuchen, den Müll per Gesundheitsaufklärung der Raucher oder Umweltkampagnen einzudämmen, will die Regierung von Präsident Emmanuel Macron jetzt die Tabakindustrie in die Verantwortung nehmen.

Denn bei dem Zigarettenabfall geht es nicht nur um die Menge, sondern auch um die Zusammensetzung. Bis der Filter aus Zelluloseazetat zerfällt, dauert es bis zu zehn Jahre; obendrein wird in dem Filter ein toxischer Chemiecocktail angehäuft: Nikotin, Phenolen, Rückstände von Pestiziden und Schwermetallen sind potenziell krebserregend und belasten Seen und Flüsse. "Eine Kippe", warnt der Verein "Rechte der Nichtraucher" (DNF), "kann bis zu 500 Liter Wasser verseuchen."

68 Euro Strafe für eine weggeworfene Kippe

Bei einer Säuberungsaktion Ende März lasen Aktivisten der Organisation Surfrider am Pariser Kanal Ourg binnen einem Tag 23.000 Zigarettenstummel auf. "Rauchen tötet", heißt die Warnung auf Frankreichs Zigarettenpackungen. Was fehlt, ist der Hinweis: "Rauchen verschmutzt die Umwelt."

Um die Öko-Belastung zu verringern, wandten sich Städte wie Biarriz, Cannes oder Colmar bisher an die Raucher - mit einer Mischung aus Pädagogik und Abschreckung. In Paris, wo seit 2012 die meisten aller 30.000 Papierkörbe mit Aschenbechern ausgerüstet wurden, gelten seit September 2015 hohe Bußgelder. Der Artikel R 633-6 des Strafgesetzbuchs, der "illegal entsorgten Müll, Abfälle, gesundheitsschädliche Flüssigkeiten und Urinieren auf offener Straße" mit 68 Euro bestraft, gilt seither auch für weggeworfene Zigarettenstummel.

Die Strafe - erhoben auch in Lille und Straßburg - blieb bisher ohne durchschlagenden Erfolg. Zwar wurden 2017 allein in der Hauptstadt 21.000 Knöllchen an qualmende Umweltfrevler erteilt; doch das reicht nicht. Gerade das seit 2008 erlassene Rauchverbot für Restaurants, Kneipen und öffentliche Gebäude hat das Problem eher verschärft - trotz vielerorts platzierter Zigaretteneimer.

Zwar gibt es auch innovative Versuche von Öko-Start-ups, die Kippen zu recyceln und das vorhandene Plastik etwa für die Herstellung von urbanem Mobiliar zu nutzen. Die Verfahren von Firmen wie MéGo in der Bretagne oder Eco-mégot in Bordeaux sind bislang in der Erprobung. Doch "die Wiederverwertung befindet sich noch in einem embryonalen Stadium", wie im vergangenen Dezember Frankreichs Nationale Behörde für industrielle Umweltrisiken (Ineris) berichtete.

Die Regierung will deshalb nun die Zigarettenproduzenten für den Müll haftbar machen, ganz nach Präsident Macrons Vision für einen ökologisch-nachhaltigen Wirtschaftskreislauf. "Die Stummel, die die Raucher auf die Straße werfen, schaffen Kosten, denn sie müssen aufgesammelt werden", konstatierte Brune Poirson, Staatssekretärin im Ministerium für Solidarisch-Ökologischen Wandel. Angedacht sei daher eine Öko-Abgabe von einem Cent pro Zigarettenpackung.

Die Industrie will lieber eine Erziehungskampagne

Der Vorschlag einer solchen "Kippenabgabe" versetzte prompt die Tabakindustrie in Aufregung. Ein Umweltzuschlag für das Einsammeln von Zigarettenstummeln sei nichts anderes als eine "neue Steuer", rügte Marlboro-Hersteller Philip Morris France. Damit werde keinesfalls das Fehlverhalten der Raucher geändert, betonte der Marktführer und beklagte das Fehlen "vorhergehender Konsultationen". Besser sei eine "Erziehungs- und Sensibilisierungskampagne" der Konsumenten. Dazu könnten "Philip Morris und andere Firmen der Branche zweckdienlicherweise hinzugezogen werden."

Das Reizwort "Steuerzuschlag" genügte, um die Regierung vorsichtig werden zu lassen, soziale Konflikte hatten Macron und seine Minister jüngst genug. "Nein, es wird keine Kippensteuer geben", versicherte Gérard Darmanin, Minister für Öffentliches Handeln und Staatsfinanzen, "weder für die Verbraucher, noch mit Auswirkungen auf den Tabakpreis."

Davonkommenlassen will man die Zigarettenproduzenten aber auch nicht. "Die Kommunen leiden unter der Belastung durch die Kippen und lassen sie einsammeln", sagte der Minister und signalisierte damit, dass man die Hersteller in die Pflicht nehmen werde. "Es sind nicht die Franzosen, die eine Kippensteuer zahlen werden", versicherte Darmanin. "Wir werden die Zusammenarbeit mit der Branche anschieben, ganz nach dem Prinzip: Der Verschmutzter zahlt."

insgesamt 34 Beiträge
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hansgustor 02.05.2018
1. Gerne nachmachen
Man kann in deutschen Städten keinen Gehweg entlanglaufen, der nicht von Kippenstummeln gesäumt ist. Auch die Spielplätze liegen voll damit. 68€ ist aber zu wenig da man fast nie erwischt wird. Die Strafe muss so hoch sein, dass es auch weh tut wenn man nur einmal in 10 Jahren erwischt wird.
kenterziege 02.05.2018
2. Die Gauloise im Mund und ein Glas Wein auf dem Tisch....
...in bester Jean-Paul-Belmondo-Art ist für mich das genießerische Frankreich. Sie werden die Kippen nicht wegbekommen. Vieles liegt in der DNA der französchen Kultur. Wer saubere Straßen will soll nach Singapur gehen. China geht inzwischen auch. Französische Autos werden weiter klappern, Arbeiter werden streiken, Linksextreme machen Randale, Banken sind unsolide und alle wollen mit spätestens 55 in Rente. C'est la vie! Macron wird sich festfahren.
Überfünfzig, 02.05.2018
3. Na ja zur Zeiten von ........
....Gauloises filterlos gab es wohl dieses Problem nicht, obwohl damals mehr Franzosen geraucht haben als heute und die Kippe genauso auf der Strasse landete wie heute. Eher ist wohl das Problem bei der vernachlässigen Reinigung der öffentlichen Einrichtungen zu suchen, deren Intervalle durch Einsparungen in den öffentlichen Haushalten dann wohl gestreckt worden sind. Also das Ganze dann flugs zum großen Problem aufblasen, sich einen Schuldigen suchen und dann kräftig abmelken. Dieses System hat nicht nur in Deutschland Methode.
mwroer 02.05.2018
4.
In dem Fall bin ich auf Seiten der Zigarettenindustrie - der Verursacher sollte zahlen und das ist der Raucher der den Mist wegwirft. Sonst könnte man im Prinzip nahezu jeden Hersteller von Getränken, Süßwaren, Snacks und ähnlichem Zeug in Haftung nehmen. Und die Industrie hat in dem Fall Recht: Es ändert nichts. Der Müll verstopft nach wie vor Kläranlagen, vergiftet nach wie vor die Umwelt und es setzt auch keinen Umdenkprozess in Gang. Im Grunde bestärkt es doch die Mentalität: Irgendwer wirds schon richten/zahlen. Das einzige was langfristig hilft ist: Die Strafen auch durchsetzen. Konsequent und gerne auch mit erhöhtem Personaleinsatz. Bei 68 Euro pro Kippe kann man sich das leisten. Angenommen der Angestellte des Ordnungsamtes erwischt nur 10 am Tag, dann sind das 680 Euro pro Arbeitstag x 21 = 14.280 Euro im Monat. Und 10 am Tag sind eher konservativ geschätzt und den Job kann man im Grunde jeden machen lassen.
spon-facebook-10000140154 02.05.2018
5. die Umweltverschmutzung........
durch Zigarettenkippen ist auch bei uns schon lange ein einsthaftes Problem. Dies kann jeder nachvollziehen der sich mal an Plätzen umschaut an denen sich Raucher aufhalten. Auch das "Fortschnippen" der Kippen in die Natur ist immer noch üblich, gerne auch zum Autofenster hinaus. Allerdings hat der Umweltschutz des bisher weitgehend ignoriert und andere "Kriegsschauplätze" geschaffen auf denen sich medienwirksamer streiten lässt.
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