Frankreichs Wirtschaft Gute Lage, schlechte Laune

Die Arbeitslosigkeit sinkt rapide, das Wachstum ist so hoch wie lange nicht. Frankreichs Wirtschaft brilliert, doch die Franzosen freuen sich kaum. Das liegt auch am Ego von Präsident Macron.

Macron-Statue beim Karneval in Nizza
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Macron-Statue beim Karneval in Nizza

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Frankreichs Wirtschaft liefert klare Signale: Noch nie arbeiteten so viele Beschäftigte links vom Rhein wie heute. Nie zuvor sank in Frankreich die Arbeitslosigkeit so schnell wie heute. Doch Achtung: Bloß nicht jubeln!

Das würde nicht zum Selbstbild der Franzosen passen. Seit Jahren klagen sie über ihre wirtschaftliche Lage, gerade im Vergleich zum angeblich so privilegierten Deutschland. Daran soll sich nichts ändern.

Doch die Zahlen sprechen inzwischen eine ganz andere Sprache. In den vergangenen Tagen korrigierte das staatliche französische Statistikinstitut INSEE gleich mehrere Kennziffern für das große französische Selbstmitleid, und zwar dramatisch.

Auf 19,3 Millionen stieg laut INSEE in Frankreich die Zahl der Beschäftigten in der Privatindustrie im Jahr 2017 - ein historischer Rekord. Den letzten erreichte das Land im März 2008, vor der internationalen Finanzkrise.

Bedenkt man die Stimmung im Land etwa vor einem Jahr, als im französischen Präsidentschaftswahlkampf ständig vom Niedergang der eigenen Industrie die Rede war, kann sich der neutrale Beobachter nur wundern: Offenbar geht es den Franzosen doch besser, als sie es zugeben wollen.

Denn auch die zweite, stets bemühte Kennzahl für das französische Kollektivleid, die Arbeitslosigkeit, nahm 2017 rapide ab. Von Ende 2016 bis Ende 2017 sank die die französische Arbeitslosigkeit um 1,1 Punkte auf 8,9 Prozent. Nie zuvor seit Beginn der INSEE-Erhebungen im Jahr 1975 fiel die Arbeitslosigkeit so schnell wie in den letzten vier Monaten des vergangenen Jahres.

Berücksichtigt man die französischen Überseegebiete mit ihrer traditionell schwierigen Beschäftigungslage nicht, liegt die Arbeitslosigkeit in Frankreich nun bei 8,6 Prozent. Das ist guter EU-Durchschnitt. Der Rückgang betraf zudem alle Kategorien. Die durch ihre sozialen Auswirkungen besonders problematische Jugendarbeitslosigkeit sank von 25 auf etwa 20 Prozent. Sogar die schwer zu senkende Zahl der Langzeitarbeitslosen nahm im Jahresverlauf um 0,7 auf 3,6 Prozent der Bevölkerung ab.

Schon im Januar hatte INSEE ein Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent für 2017 gemeldet, das höchste seit sechs Jahren. Für das Jahr 2018 prognostiziert das Institut nun weitere zwei Prozent Wachstum.

Das Handelsdefizit wächst immer noch

Doch wie gesagt: Kein Grund zum Jubeln. "Für uns ist das alles noch der Anfang", kommentierte der französische Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire die Zahlen. "Echte Ergebnisse werden wir an der Arbeitslosenfront erst in zwei Jahren verbuchen." Warum trug Le Maire angesichts der spektakulären Verbesserung den Kopf nicht ein bisschen höher?

Einerseits gibt es für die Zurückhaltung des Ministers ein gewichtiges wirtschaftliches Argument. Noch immer nimmt das französische Außenhandelsdefizit zu. Im vergangenen Jahr belief es sich auf 62,3 Milliarden Euro, ein Anstieg um 28,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Der Anstieg erklärt sich nicht nur durch die gestiegenen Ölpreise, sondern vor allem durch das französische Wachstum. Steigende Investitionen der Privatunternehmen in Frankreich führten 2017 zu mehr Einkäufen deutscher Werkzeugmaschinen und japanischer Roboter. Und steigender Konsum der französischen Privathaushalte führte zum Import von mehr chinesischer und osteuropäischer Ware.

Was zum Teil erklärt, dass französische Unternehmen trotz Rekordbeschäftigung globale Marktanteile verloren. Ihr Anteil an den weltweiten Exporten sank 2017 auf drei Prozent. Im Jahr 2000 lag er noch bei 4,7 Prozent. Das spricht für eine anhaltende Wettbewerbsschwäche der französischen Industrie. Sie verkaufe spanische Qualität zu deutschen Preisen, lautet ein häufiger Vorwurf. Aber Vorsicht: Der Vorwurf ist alt.

Tatsächlich hat die Regierung in Paris ein starkes Eigeninteresse daran, die wirtschaftlichen Erfolge herunterzuspielen. Denn sie gehen nicht auf das eigene Konto. So hoch der Stern von Präsident Emmanuel Macron bereits stehen mag, so wenig ist Frankreichs wirtschaftlicher Erfolg bisher sein Werk.

Macron möchte die Lorbeeren zur Wahl

Die konservative Tageszeitung "Figaro" nannte jetzt drei naheliegende Gründe für das französische Comeback: Erstens die vor vier Jahren gestartete Angebotspolitik von Macrons Amtsvorgänger François Hollande, zweitens die gute internationale Konjunkturlage und drittens der allgemeine Vertrauensgewinn in Frankreich seit der Wahl Macrons im vergangenen Mai. Mit Macrons konkreter Politik, seinen Arbeitsreformen, die erst im September starteten, hatten all diese Faktoren nichts zu tun.

Also sagte Macron vergangene Woche: "Mich kümmert zu diesem Zeitpunkt wenig, ob die Leute mir vertrauen, was ihre Kaufkraft betrifft. Wir sind doch alle gleich und würden immer sagen: Wir wollen mehr." Entscheidend an dieser Aussage war der Zusatz "zu diesem Zeitpunkt".

Macron will sich als großer Reformer und treibende Kraft der Wirtschaft feiern lassen - doch nicht jetzt, sondern später, wenn Wahlen anstehen und ihm die Lorbeeren auch wirklich zustehen. Bis dahin dürfte die schlechte Laune der Franzosen noch eine Weile anhalten.

Trotz der guten Wirtschaftszahlen verlor Macron von Januar auf Februar in Umfragen etwa fünf Prozentpunkte an Zustimmung in der Bevölkerung. Erstmals seit Monaten waren wieder mehr Franzosen unzufrieden als zufrieden mit seiner Amtsführung. Als hätten die Franzosen ihren eigenen Erfolg noch nicht verstanden - und würden abwarten, bis Macron ihn verkündet.

insgesamt 18 Beiträge
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poco4 19.02.2018
1. ein Bomot das sich mal wieder bewahrheitet ...
Franzosen sind Italiener mit schlechter Laune
Spr. 19.02.2018
2. Wieso wird der neoliberale Macron in Deutschland so gefeiert?
Der macht den Schröder, mehr nicht! Was das bedeutet, haben die Franzosen bereits an Deutschland gesehen! Der Wirtschaft wird jeder Wunsch von den Augen abgelesen und darüber hinaus noch alles Erdenkliche in den Arsch gepustet. Die Arbeitnehmer dagegen werden mutwillig in Armut gedrückt, indem sie gezwungen werden, für einen Hungerlohn jeden noch so schlechten Job anzunehmen. Trotzdem sind massive "Änderungen an der Zählweise" nötig, um die Arbeitslosenzahlen so deutlich sinken zu lassen, wie es die neoliberalen Regierungen erwarten. Ok, das mag in Frankreich im Detail etwas anders geregelt werden als hier unter dem Arbeitnehmer-Verräter Schröder, aber das Prinzip ist gleich. Da versteht es sich doch von selbst, dass die Franzosen sich nicht über die tollen Erfolge freuen können, von denen sie nichts haben. Ein Kanzlerkandidat Schröder wäre heute in Deutschland zu Recht der Garant für den endgültigen Untergang der Partei, die ihn aufstellt. Nur seine Partei " "PD will das selbst nach drei schlechten Schröder-Kopien als Kanzlerkandidaten sowie dem Verlust der Hälfte der Mitglieder und noch mehr Wählern immer noch nicht wahrhaben!
quark2@mailinator.com 19.02.2018
3.
Klar, wenn man den Sozialstaat rauswirft, ist das wunderbar für die oberen Prozente der Gesellschaft. Nur das untere Drittel ist dann halt (ggf. super) mies dran. Es ist aber absolut demokratisch, wenn sich 60% der Wähler ein System wählen, welches auf die Knochen der unteren 30..40% geht (was ich übrigens noch nie verstanden habe, warum das i.O. sein soll). Wir haben das ja schon seit der Agenda hierzulande. Schade, daß in deren Folge nun die anderen Länder nachziehen müssen. Es heißt nicht umsonst, am Zustand der Ärmsten zeige sich der Zustand eines Landes. Naja - kein Grund zur Freude.
scoopx 19.02.2018
4. Strohfeuer
Sorry, Spon, das ist mal wieder ein substanzloser Jubelkommentar. Man kommt nicht drumherum: Alle Erholungsphasen der französischen Wirtschaft seit dem zweiten Weltkrieg waren Strohfeuer. Frankreich ist immer wieder in die Krankheit zurückgefallen, die Herbert Lüthy 1954 in seinem bahnbrechenden Buch "Frankreichs Uhren gehen anders" beschrieben hat. In den 50er Jahren hat der SPIEGEL dankenswerterweise viele Gedanken Lüthys in seinen Reportagen aufgegriffen, z.B. in der Titelgeschichte über Pierre Poujade. Noch dazu hat Frankreichs Wirtschaft "strukturelle" Probleme, sie bietet Produkte an, die anderswo besser und billiger zu haben sind. Die einzige Ausnahme sind Luxusgüter, die auch noch von einem einzigen Konzern, nämlich LVMH (Louis Vuitton, Moet, Hennessy) hergestellt werden: Koffer, Taschen u.a. Luxuslederwaren, Parfums, Cognac und Champagner. Frankreichts Exportwirtschaft ist auf Europa beschränkt und in der übrigen Welt bedeutungslos. Daran kann Macron kaum etwas ändern. Ein ganz anderer Fall ist die Wirtschaft Deutschlands. Hier gibt es eine Fülle von sog. "hidden treasures", also Unternehmen, die "versteckte" und/oder unspektakuläre Produkte herstellen, konkurrenzlos in Preis und Qualität, die von allen gebraucht werden, also Dinge wie Aromastoffe, Beschläge für Möbel, Silikon-Wafer für Mikrochips oder VIiesgewebe, oder auch Dienstleistungen wie Industriesicherheit (Stichwort TÜV Bau und Betrieb), oder auch so Sachen wie Gummibärchen oder Hundekuchen. Selbstverständlich war das auch vor 15 Jahren so, als Deutschland plötzlich als der "kranke Mann Europas" galt. Das war alles statistischer Unsinn. So wie jetzt der Jubelartikel über Frankreich.
cruiserxl 19.02.2018
5. das ist halt so wie bei uns...
...Jobs ja - leben davon nein. Die Franzosen sind anscheinend etwas intelligenter als die Deutschen oder vielleicht auch nicht so mit Scheuklappen versehen - was interessiert mich das Leid anderer. Mir gehts doch gut und der Hartzer die faule Sau soll arbeiten...auf gehts liebe Nachbarn und wenn es der Herr Macron zu weit treibt, zeigt ihr uns mal wieder wie Demokratie auf der Strasse geht, lasst euch nicht verarschen!!!
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