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Renten- und Krankenkassen: Französischer Rechnungshof erhebt Deutschland zum Vorbild

Frankreichs Präsident Hollande, Kanzlerin Merkel (im Juni): Vergleich, "reich an Lehren" Zur Großansicht
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Frankreichs Präsident Hollande, Kanzlerin Merkel (im Juni): Vergleich, "reich an Lehren"

Ein Vergleich, "reich an Lehren": Frankreichs Rechnungshof hat einen Bericht zur desaströsen Finanzlage der Sozialversicherung vorgelegt - und verteilt Lob an Deutschland. Das System in der Bundesrepublik sei solide und gerechter.

Günstiger und dennoch großzügiger: Der französische Rechnungshof hält die gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland für vorbildlich - zumindest was Kosten und Verteilungsgerechtigkeit betrifft. Obwohl die Bundesrepublik knapp einen Prozentpunkt der Wirtschaftsleistung weniger dafür ausgibt als Frankreich, erstatten die Krankenversicherungen höhere Anteile der Kosten, konstatieren die Prüfer wie das "Handelsblatt" in seiner Onlineausgabe berichtet.

Zwar enthält sich der Rechnungshof demnach in einem am Dienstag vorgelegten Bericht zur finanziellen Situation der französischen Sozialversicherung einer umfassenden Bewertung, welches System insgesamt besser ist. In Bezug auf die Budgets kommen die Experten laut der Zeitung jedoch zu einem eindeutigen Ergebnis: Während Frankreich einen wachsenden Teil der Ausgaben über Schulden finanziere, habe Deutschland in den vergangenen Jahren sogar Überschüsse angehäuft. In dieser Hinsicht sei der Vergleich "reich an Lehren, die man daraus ziehen kann".

Die Autoren mahnen an, in Frankreich ebenfalls eine finanzielle Steuerung einzuführen und die hohen Defizite stärker zu reduzieren. Die Zahlen in dem Bericht klingen tatsächlich beeindruckend. So habe Frankreich seit 2000 in der Krankenversicherung ein Defizit von 105 Milliarden Euro angehäuft, in der Rentenkasse beläuft es sich demnach auf 65 Milliarden Euro. Deutschland habe in diesem Zeitraum dagegen Überschüsse von zwölf beziehungsweise 16 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Dennoch sei die deutsche Krankenversicherung in Bezug auf den Übernahmeanteil von Behandlungen großzügiger. Allerdings sei das Leistungsspektrum in Frankreich breiter, dort werden unter anderem Brillen oder Zahnersatz bezahlt.

Das Lob der französischen Rechnungsprüfer für Deutschland bezieht sich jedoch rein auf die Vergangenheit. Denn die Zeit der Überschüsse in den deutschen Sozialversicherungen ist inzwischen vorbei. Die Rentenbeschlüsse der Großen Koalition etwa gehen voll auf Kosten der Rentenkasse und lassen ihre hohen Rücklagen nach eigenen Angaben bis zum Jahr 2019 voraussichtlich von 33,5 auf nur noch 4,7 Milliarden Euro abschmelzen - gleichzeitig soll der Beitragssatz von derzeit 18,7 auf 19,1 Prozent des Bruttolohns steigen. Und die gesetzliche Krankenversicherung häuft längst schon wieder hohe Defizite an - auch hier werden die Beiträge für die Arbeitnehmer spürbar steigen.

fdi

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insgesamt 56 Beiträge
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1. Ich bin nicht so sicher,
jungletiger9 16.09.2015
dass das System wirklich so viel besser ist in Frankreich. In Verbindung mit der recht kostenguenstigen Complementaire, also einer Zusatzversicherung, die oft schon durch den Arbeitgeber uebernommen wird, hat man in Frankreich eine sehr umfassende Kostenerstattung mit weniger Zuzahlungen. Ueber 90% der Franzosen haben eine solche Zusatzversicherung. Fuer die reine Grundsicherung der Securite Sociale mag stimmen, was im Artikel steht.
2. Wer es in Anspruch nehmen muss
Korken 16.09.2015
Wer einmal Zahnersatz oder Brille benötigt, der wäre froh, es würde übernommen. Zusatzversicherungen dins teuer, übernehmen erst nach längerer Zeit und dann auch nicht alles, so dass sich diese nur selten lohnen. Außerdem schlägt dann die Kopfpauschale gnadenlos zu. Es muss die Bürgerversicherung für alle her ohne Beitragsbemessungsgrenze. Dann muss man sich auch nicht über steigende Arbeitnehmerbeiträge ärgern sondern die Beiträge würden endlich deutlich, sehr deutlich und gerecht fallen.
3.
Seidel 16.09.2015
"Allerdings sei das Leistungsspektrum in Frankreich breiter, dort werden unter anderem Brillen oder Zahnersatz bezahlt." Falls das zutrifft, ist doch logisch warum die Differenz Frankreich-Deutschland so enorm ist. Die Zwei Faktoren sind absolute Kostentreiber. Wenn eine deutsche Krankenkasse mir einen Hautcheck für 50 Euro bezahlt ist das schön, wenn mir die französische eine Brille für 1.000 Euro erstattet, ist das absolut fantastisch. Und glaubt man einer Studie über Brillenträger in Deutschland, so müssten Krankenkassen wohl über 40 Millionen Bundesbürger damit ausstatten...
4. Da lachen ja die Hühner
bernhard29 16.09.2015
Kann nicht ganz den Ausführungen folgen. Im gleichen Atemzug hat kürzlich die Presse geschrieben das der heutige Beitragszahler 70 Tod. ? weniger als Rentenzahler erhält als er eingezahlt hat. Fehlt nur noch das EX Bundeskanzler Kohl lobend erwähnt wird weil er sich bei der Wiedervereinigung reichlich aus der Rentenkasse bedient hat. Klar ist politisch gesehen die Rentenkasse eine tolle Erfindung. Mütterrente für Beamten Frauen und Unternehmensgattinnen welche nie einen Beitrag bezahlt haben. Wahlgeschenke a' la Nahles, Rente ohne Abschlag mit 63.bei 45 Beitrags Ähren trotz 2 jähriger Arbeitslosigkeit. Ich habe 48 Beitrahgsjahre mit 7,2 prozentigem Abzug. Super gerecht. Und sowas soll Vorbild sein. Wahrscheinlich hat Hollande die deutschen Beamtenpensionen gemeint mit einem Durchschnittswert von 2900 Euro, davon kann man gut leben, aber nicht von der Durchschnittsrente. Da lachen ja die Hühner. So ein bescheuerter Beitrag.
5. KV in Frankreich ist billiger und erstattet mehr Kosten
froglegeater 16.09.2015
Ich habe lange Zeit in sowohl Frankreich als auch Deutschland gelebt. Was Behörden und Bürokratie angeht, ist das deutsche System mM nach um ein vielfaches effektiver. Dass die französische Krankenversicherung Zahnarztkosten und Brillen erstattet ist ebenfalls wahr, und mM nach unnötig. Diese Extraleistungen sind der Hauptgrund für das hohe Defizit der letzten Jahre. Aber dieser Artikel zur Krankenkasse unterschlägt zwei entscheidende Faktoren: 1) Die monatlichen Beitragszahlungen: In Frankreich zahlt man, inklusive Zusatzversicherungen, nur ca. 30 € im Monat. In Deutschland musste ich über 400 € im Monat für die GKV zahlen. 2) Die Abdeckung: Ja, die deutsche GKV deckt mehr ab als die französische. Dafür ist letztere aber auch kostenlos, und erstattet ca. 60-70% der Kosten. Um die restlichen 30-40% erstattet zu bekommen, kann meine eine Zusatzversicherung (complimentaire) abschließen. Die kostet nur 30 € im monat, und bietet dann eine 100%ige Erstattung aller Kosten. Insgesamt habe ich in Deutschland über 400 €, in Frankreich nur 30 € pro Monat für Krankenversicherung ausgegeben. Und habe dank Zusatzversicherung in Frankreich mehr erstattet bekommen (z.B. Zahnarzt...) als in Deutschland. Und nun komme mir keiner damit, dass die billige französische Versicherung durch Steuern finanziert werde. Wird sie zwar. Aber ich habe in Deutschland nicht weniger Steuern gezahlt als in Frankreich. Der deutsche Staat steckt seine Steuern halt lieber in andere Projekte (z.B. nicht funktionierende Drohnen oder Gewehre) als in die Krankenversorgung seiner Bürger.
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