Von David Böcking
Hamburg - "Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen." Diese Anweisung aus dem Matthäus-Evangelium nahmen sich einst die drei ersten Anhänger von Franz von Assisi zum Leitspruch. Auf den "Heiligen der Armen" beruft sich nun auch der neue Papst. Seit Donnerstagabend trägt Jorge Mario Bergoglio, bislang Erzbischof von Buenos Aires, den selbstgewählten Namen Franziskus.
Das weckt große Erwartungen, auch weil Franziskus der erste Papst aus Lateinamerika ist. Dort lebt noch immer fast jeder Dritte in Armut. Die Ungleichheit ist seit Jahrzehnten auch ein Thema der katholischen Kirche. Es waren lateinamerikanische Geistliche, die mit der sogenannten Befreiungstheologie eine Gesellschaftskritik entwickelten, die zugleich christlich und links ist.
Wie also sieht Franziskus das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft, von Arm und Reich? Wird er in seinem neuen Amt in die aktuelle Kapitalismusdebatte eingreifen?
Ausgeschlossen ist das nicht. Auch wenn sich Päpste aus der Tagespolitik heraushalten, haben sie sich doch immer wieder zu wirtschaftlichen Fragen positioniert. Leo XIII. etwa verteidigte Ende des 19. Jahrhunderts in seiner Enzyklika "Rerum Novarum" die Rechte des Arbeiters gegen die Kräfte des Marktes. Unter Benedikt XVI. veröffentliche der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden einen Reformvorschlag für das internationale Finanzsystem. Die Kurie forderte mehr Regeln für die Finanzmärkte und stellte den Internationalen Währungsfonds (IWF) als überfordert dar.
Glaubt man manchen Kommentatoren, so dürfte bald noch mehr Kapitalismuskritik aus Rom kommen. Die argentinische Wirtschaftszeitung "Ambito Financiero" etwa charakterisierte den neuen Papst in einer Überschrift bereits als "Antiliberalen, Kritiker von IWF und Auslandsschulden".
Kritik am Liberalismus - aber auch der Staatsgläubigkeit
Unbestritten ist, dass sich Papst Franziskus in seinem bisherigen Leben stets auf die Seite der Armen stellte. Er tat dies besonders nachdem Argentinien 2001 eine Staatspleite erlebte, die viele Bürger in Not brachte. Damals gehörte Bergoglio zu den Verfassern einer Erklärung, welche hart mit Vertretern des "rohesten Liberalismus" ins Gericht gingen. Diese Passage wird nun häufig als Beleg für Franziskus' marktkritische Haltung zitiert. Im selben Atemzug kritisierten die Autoren allerdings auch eine übermäßige Staatsgläubigkeit, welche "noch heute die Argentinier lähmt".
Die Einschränkung passt ins Bild. Denn auch die revolutionären Ansätze der Befreiungstheologen teilt Franziskus laut übereinstimmenden Medienberichten nicht. Während der Militärdiktatur, zu der Bergoglio ein umstrittenes Verhältnis hatte, sah er die Bewegung offenbar als Bedrohung für die Einheit seiner Glaubensbrüder. Das Ziel sei gewesen, "die Nichtpolitisierung des Jesuitenordens beizubehalten", sagte Bergoglios früherer Sprecher.
Unbequem für die Mächtigen könnte Franziskus trotzdem werden. Zur argentinischen Präsidentin Cristina Kirchner und deren verstorbenen Mann und Amtsvorgänger Néstor pflegte er ein konfliktreiches Verhältnis. Das lag zum Teil an seiner erzkonservativen Haltung in Fragen wie Verhütung oder der Homo-Ehe, welche Argentinien als erstes Land des Kontinents erlaubte. Doch die Kirchners mussten sich von Kardinal Bergoglio auch anhören, dass unter ihrer Führung die Armut weiter gestiegen sei - aller linken Regierungsrhetorik zum Trotz. Menschenrechte würden nicht nur durch Terrorismus oder Morde verletzt, so der Kardinal, "sondern auch durch wirtschaftliche Strukturen".
Auch die Korruption in seiner Heimat hat der neue Papst immer wieder zum Thema gemacht. Künftig kann er sich nun etwa um Transparenz bei der Vatikanbank bemühen, die zum wiederholten Mal in einen schweren Skandal verstrickt ist.
Interessant dürfte auch werden, wie der Papst die Lage in Südeuropa bewertet. In der von ihm mitverfassten Erklärung zur Krise in Argentinien von 2001 findet sich eine Passage, die auch eine Analyse der heutigen Probleme in Griechenland sein könnte. Zwei große Probleme gibt es demnach im Land: "Die Steuerhinterziehung und die Verschwendung staatlicher Gelder, für die das Volk geschuftet hat."
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